Posterboy des Antizionismus
Der FC St. Pauli hat mit seinem australisch-schottischen Mittelfeldspieler einen Kapitän, dessen Image wie maßgeschneidert für den Club scheint: unkonventionelles Outfit, engagiert für Diversität und Awareness und mit eigener Radiosendung, in der er alle 14 Tage alternative Musik vorstellt. Da versteht es sich fast schon von selbst, dass er mit seiner Frau, der Modedesignerin Jemilla Pir, nicht abgeschieden vor den Toren Hamburgs lebt, sondern direkt im Viertel. St. Pauli und Irvine: a perfect match – so zumindest schien es lange Zeit.
Nicht nur die Marke St. Pauli profitiert von Irvine, sondern natürlich auch umgekehrt. Seit der australische Nationalspieler beim Hamburger Bundesligisten unter Vertrag steht, steigt die Zahl seiner Follower in sozialen Medien kontinuierlich. Während der vergangenen Monate kamen auf Instagram nochmal rund 100.000 hinzu, womit sein Account mittlerweile über fast die gleiche Reichweite verfügt wie der des Clubs, der Anhänger in vielen Ländern besitzt. Auf Irvines Webpräsenz, über die man auch persönliche Videogrüße des Stars kaufen kann, ist zu lesen: »Bekannt für seine ausgesprochene Individualität und seinen alternativen Style, ist Jackson zu einer Kultfigur geworden, die die Welten von Sport, Mode und Musik vereint.«
Publikumswirksam posiert Irvine im Trikot des »FC Palestine« – eines Webstore, der Palästina-Aktivisten mit passendem Merchandise versorgt.
Irvines enormer Reichweitenzuwachs könnte freilich auch mit seinem Status als Posterboy der seit zwei Jahren global florierenden Israelfeindschaft zu tun haben. Seit Oktober 2023 bespielt Jackson das Thema Israel-Palästina so emsig wie komplett voreingenommen. Kurz nach dem Pogrom der Hamas nannte er die Situation noch verdruckst »geopolitisch komplex«, Anteilnahme für die Opfer des Blutbads an Festivalbesuchern und Kibbuzim-Bewohnern war von ihm nicht zu vernehmen. Nicht zu komplex es war ihm, Israel des Genozids zu beschuldigen; bald nach Beginn des Kriegs gegen die Hamas postete er entsprechende Sharepics.
Er zeigt auch ein ausgesprochenes Faible für die musikalischen Galionsfiguren der BDS-Bewegung. Als die nordirische Combo Kneecap für das Skandieren von Parolen wie »Up Hamas, up Hezbollah!« bei mehreren Festivals ausgeladen wurde, teilte er die Stellungnahme von Massive Attack, die mit der Aussage »Kneecap are not the story, Gaza is« die Verherrlichung antisemitischer Mörderbanden zur Bagatelle erklärten.
Spätestens da begann sich im Umfeld des Clubs spürbarer Unmut über Irvines Aktivismus zu regen. St. Paulis Fanszene hatte während der vergangenen zwei Jahre bereits diverse Auseinandersetzungen zum Thema erlebt. Der Auftakt war die Auflösungserklärung mehrerer internationaler Fanclubs, deren geliebte Rebellenromantik in sich zusammenbrach, als der FC St. Pauli, der seit langem mit dem Piratensymbol des Totenkopfs Werbung betreibt, den Opfern des Oktober-Massakers kondolierte.
Ähnliche Konflikte gibt es aber auch direkt vor der Haustür. Im Zuge der weltweiten judenfeindlichen Generalmobilmachung wittern Gruppen wie Young Struggle, Thawra oder »Flora für alle« Morgenluft und versuchen, in der Fanszene Fuß zu fassen. Mehrfach gelang es den Israelfeinden, auf der Gegengeraden des Millerntor-Stadions Banner zu entrollen, auch wenn dies jeweils sehr schnell unterbunden wurde. Die einschlägigen Gruppen berufen sich immer wieder die Botschaften des St.-Pauli-Popstars Irvine, stilisieren ihn zum vom »Zionazis« umgebenen Widerstandskämpfer und werden nicht müde, Memes des Spielers in messianischer Pose zu präsentieren.
»Love St. Pauli – Hate Israhell«
Ganz vorn mit dabei bei diesen Attacken ist auch ein 2024 gegründeter und angeblich von Fans betriebener Account namens »FCSP 4 Falastin«. Dessen Content beschränkt sich weitgehend auf die Verbreitung eliminatorischer und dämonisierender Slogans wie »Smash Zionism«, »Decolonize Palestine« oder »Love St. Pauli – Hate Israhell«. Seinen Followern verrät der Account, dass Irvine sich gerne noch viel expliziter äußern würde, bei St. Pauli aber leider vorsichtig agieren müsse. Das wäre nicht weiter ernst zu nehmen, wäre nicht Jemilla Pir eine der Freundinnen dieses Accounts, die dessen Posts wiederholt mit Likes quittierte.
Das Paar eskalierte die Situation weiter, als Pir Fotos ihres Mannes am Rande eines Auftritts der irischen BDS-Unterstützercombo Fontaines D.C. postete. Auf diesen Bildern posiert Irvine im Trikot des »FC Palestine« – eines Webstore, der Palästina-Aktivisten mit passendem Merchandise versorgt. Als Gräueltaten der Hamas-Schergen in Israel erst wenige Stunden zurücklagen, postete dieser Webstore auf X Fotos aus der Kurve des schottischen Serienmeisters Celtic Glasgow, die die Morde und sexuelle Gewalt mit Bannern wie »Free Palestine – Victory to the Resistance« bejubelte.
Neben Irvine machte auch Mesut Özil, prominenter Unterstützer der rechtsextremen Grauen Wölfe, Werbung für den FC Palestine. Zudem hatte Özil zuletzt Landkarten gepostet, auf denen die Bezeichnung »Israel« durchgestrichen und durch »Palästina« ersetzt war.
Passend zur offenen Unterstützung des Hamas-Terrors durch den Shop trägt das von Irvine präsentierte Trikot die Nummer elf, deren beide Einsen aus zwei stilisierten Umrissen eines sich über das Staatsgebiet Israels erstreckenden Großpalästinas bestehen. Schwer vorstellbar, dass Irvine, der sich als sehr politisch bezeichnet, sich weder mit diesem klassischem Code zur Delegitimierung des jüdischen Staats beschäftigt hat noch mit der sekundenschnell recherchierbaren Haltung des Shops. Er hätte auch aus kritischen Hinweisen in den Kommentaren Bescheid wissen können, diese jedoch wurden postwendend gelöscht.
Irvines Frau Jemilla Pir unterstützte einen Boykottaufruf nicht nur gegen den Staat Israel, sondern sogar auch gegen den Arbeitgeber ihres Ehemanns, mit der bezeichnenden Begründung, dass der FC St. Pauli Kontakte zum Club Hapoel Tel Aviv pflege.
Pir, die sich geschäftlich auf den Absatz von Straßenkleidung mit Aufdrucken wie »St. Pauli – Antifascist Neighbourhood« spezialisiert hat, unterstützte kurioserweise sogar einen Post, der zum Boykott nicht nur Israels, sondern auch des FC St. Pauli aufruft. Begründet war diese Forderung unter anderem mit der langjährigen Verbindung zwischen den Ultra-Szenen von St. Pauli und Hapoel Tel Aviv.
Dass die Hapoel-Ultras traditionell als progressiv gelten und zahlreich an den Protesten gegen Netanyahus Justizreform beteiligt waren, gilt derartigen Boykottkampagnen jedoch keineswegs als mildernder Umstand: Wer Israeli oder mit solchen befreundet ist, den trifft der Bannstrahl. Ungeachtet dessen ist Pir weiterhin im Millerntor-Stadion zu sehen, während ihr Mann das Team des boykottwürdigen Hamburger Zionistenclubs – nach Auskurieren einer im Frühjahr zugezogenen Verletzung – wieder aufs Feld führen soll.
Während ein anderer Bundesligist, der FSV Mainz 05, in einem ähnlich gelagerten Fall Konsequenz bewiesen und sich nach israelfeindlichen Äußerungen von seinem Spieler Anwar El Ghazi getrennt hatte, bleibt der FC St. Pauli in der Causa Irvine bemerkenswert passiv. Im Mai hatte er er auf seiner Homepage klargestellt, dass er weder an der Seite der Hamas noch an der rechtsradikaler Regierungen wie der Netanyahus stehe. Eine Erklärung, die, wenn auch unausgesprochen, auf die Aktivitäten Irvines Bezug nahm. Den meisten seiner Kritiker hätte es damals gereicht, wenn Irvine diese Erklärung einfach mitgetragen hätte.
Austausch und Allgemeinplätze
Doch stattdessen legte der Kicker immer wieder nach. Bis heute verweigert er jegliche Abgrenzung von Gruppen und Kampagnen, die das bestialische Abschlachten von Israelis feiern und offen die Vernichtung des jüdischen Staats fordern. Dass Irvines Fotos im Trikot des FC Palestine im Netz auch weiterhin fleißig multipliziert werden, stört den Spieler offenbar nicht im mindesten.
Auf Anfrage wies der FC St. Pauli darauf hin, dass er sich auf vielfältige Weise gegen Antisemitismus engagiere. Man empfange regelmäßig Besuch von Fans aus Israel und vielen anderen Ländern, die immer herzlich willkommen seien. Der Verein stehe für Meinungsvielfalt, wolle Räume für Austausch öffnen und agiere nach dem Leitsatz, miteinander statt übereinander zu sprechen.
Mit Irvine habe es einen Austausch gegeben, zu dem man sich aus, wie es hieß, Datenschutzgründen nicht detailliert äußern könne. Man habe sich mit ihm jedoch auf Werte unteilbarer Humanität verständigt. Diese gemeinsamen Werte habe Irvine anschließend auch in einem Pressegespräch hervorgehoben.
Genau die dort vorgebrachten Allgemeinplätze jedoch brachten viele Fans endgültig in Rage, denn Irvine nutzte auch diese Chance nicht, um die Irritationen auszuräumen. Die Tatsache, dass er sich vielmehr in der Rolle des Opfers sah, anstatt die Problematik seiner Botschaften zu reflektieren, sorgte für Befremden auch bei denen, die ihn lange verteidigt hatten. Eine Anfrage der Jungle World, wie Irvine zur Symbolik des Trikots und dem Beifall für die Hamas-Massaker durch die Shop-Betreiber stehe, ließ Irvines Management bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Verein druckst zu den fragwürdigen Stellungnahmen Irvines nur herum
So bleibt es dabei, dass der Verein zu den fragwürdigen Stellungnahmen Irvines nur herumdruckst. Nur schwer vorstellbar, dass ein Spieler mit ungeklärter Abgrenzung zu beispielsweise rassistischen oder misogynen Kampagnen mit ähnlicher Milde behandelt würde. Als beispielsweise St. Paulis einstiger Publikumsliebling Michél Mazingu-Dinzey 2016 auf einer Pegida-Demo gesichtet worden war, verständigten sich Vereinsgremien und Fanclubsprecher:innenrat schnellstens darauf, ihn aus dem Altliga-Team des Clubs zu suspendieren; er wurde zur am Millerntor unerwünschten Person erklärt.
Auch wenn sich beide Fälle nur bedingt vergleichen lassen, bleibt der Umgang mit Irvine erstaunlich: keine Suspendierung, keine Sanktionierung, stattdessen bleibt er Kapitän des Teams und werbewirksames Aushängeschild des Vereins.
Kurz vor Redaktionsschluss teilte Irvine in einer Instagram-Story ein Video von der Hamburger Querfrontdemonstration »SOS Gaza« – und das nur wenige Tage, nachdem sein Verein Banner, die im Stadion zu dieser Demonstration aufgerufen hatten, scharf verurteilt hatte. Hoffentlich reift im Club nun langsam die Erkenntnis, dass Wegschauen im Fall Irvine nicht länger die Lösung sein kann.
