25.09.2025
Scheidung für Arme – einst boten Männer ihre Ehefrauen feil

Frauentausch während der industriellen Revolution

Von Ende des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts fanden in Großbritannien sogenannte »wife sales« statt, bei denen Männer ihre Ehefrauen wie Vieh auf dem Markt versteigerten. Erste Überlegungen dazu, wie das Phänomen in die Zeit passte, stammten von marxistischen Historikern aus den Achtzigern.

Anfang des 19. Jahrhunderts auf einem Viehmarkt im ländlichen England: Im Zentrum der geschäftigen Szenerie steht eine Frau mit Halfter um den Hals, den Strick hält der Ehemann. Er bietet sie, wortreich ihre Vorzüge preisend, den umstehenden Männern zum Verkauf an – der Höchstbietende wird ihr neuer Gatte.

Dieser Vorgang, bekannt als wife selling, rückte in den 1980er Jahren ins Blickfeld marxistischer Historiker wie Edward Palmer Thompson, die für die Zeit der industriellen Revolution in Großbritannien, vorwiegend in England, mindestens 400 Fälle dokumentierten. Die Frauenverkäufe stellten einen verbreiteten Brauch unter britischen Landarbeitern dar, der manchmal Hunderte oder gar Tausende Schaulustige anzog. Über die Verkäufe wurde in Zeitungen berichtet, manche wurden gar vorab annonciert. Einige Historiker vertreten die These, dass die 400 belegten Fälle nur einen kleinen Ausschnitt darstellen, da die Praxis weitverbreitet war.

Auf den ersten Blick scheinen die wife sales ein außerordentlicher Beweis für die latente Gleichsetzung der Frau mit einer Ware. Auffällig ist, dass sie genau zu jener Zeit und an jenem Ort auftraten, an dem die kapitalistische Produktionsweise ihren Ursprung hat. Nirgends sonst war diese Praxis derart verbreitet, nur vereinzelt gibt es Berichte über wife sales in Russland, China, Neuseeland oder Frankreich.

Trunksucht, die Neigung, Hosen zu tragen, Aggressivität und fehlende Arbeitsmoral seien neben Untreue die wohl häufigsten Gründe für einen »wife sale« gewesen.

Doch Thompson und Kollegen wie Samuel Pyeatt Menefee interpretierten die Frauenverkäufe anders. Sie machten darin weniger einen kapitalistisch geprägten Patriarchalismus aus als vielmehr eine eigensinnige Scheidungspraxis innerhalb der Arbeiterklasse, die nicht die finanziellen Mittel besaß, um eine rechtsgültige Scheidung zu erwirken. Das sei auch der Handlungsfähigkeit der Frau förderlich gewesen. Letzteres begründen sie damit, dass die Frau dem Verkauf zustimmen musste und ein Veto einlegen konnte, wenn ihr der Käufer missfiel. Neben Gründen wie Trinksucht, der Neigung, Hosen zu tragen, Aggressivität und fehlender Arbeitsmoral sei Untreue der wohl häufigste Grund für einen wife sale gewesen – und der Käufer in der Regel ihr Liebhaber.

Daher interpretierten diese Historiker die Frauenverkäufe als eine Scheidungspraxis der unteren Klassen, die in Ermangelung der Möglichkeit einer offiziellen Scheidung entstanden sei. Um den ehelichen Bund auf legalem Weg aufzulösen, kamen bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur zwei Möglichkeiten in Betracht: Das divortium a mensa et thoro (Trennung von Tisch und Bett), das durch Kirchengerichte gewährt wurde, und das divortium a vinculo, die vollgültige juristische Trennung, mit der auch das Recht auf Wiederverheiratung einherging. Für Letztere musste man allerdings eine Petition im Parlament einreichen, das der beantragten Ausnahme vom allgemeinen Scheidungsverbot zustimmen musste. Die einzigen anerkennungswürdigen Gründe hierfür waren Ehebruch oder lebensbedrohliche Grausamkeit. Der Weg übers Parlament war allerdings eine kostspielige Angelegenheit, die Tausende Pfund kosten konnte, also nur einer sehr reichen Oberschicht zur Verfügung stand.

Für die marxistischen Historiker der Achtziger entsprangen die wife sales, wie sie vom Ende des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts quer durch England im ländlichen Raum vorkamen, daher keineswegs, wie von der zeitgenössischen bürgerlichen Presse dargestellt, einem unzivilisierten Brauchtum der plebejischen Landbevölkerung. Vielmehr leiteten sie die Praxis aus den bestehenden Verhältnissen ab, wobei die bezeugende Dorfgemeinschaft das Gericht beziehungsweise das Parlament als Legitimationsinstanz in Sachen Scheidung ersetzt habe. Daher der öffentliche Charakter. Von tatsächlichen Verkäufen könne nicht die Rede sein, die Form des Tauschs habe lediglich symbolische Funktion gehabt.

Der Gehörnte stellt seine Autorität wieder her. Karikatur aus dem Jahr 1820

Der Gehörnte stellt seine Autorität wieder her. Karikatur aus dem Jahr 1820

Bild:
Wikipedia / unknown / Rachel Anne - Master of Arts thesis / public Domain

Dafür spricht, dass die eine oder andere Ehefrau schon mal gegen ein Bier »übergeben« wurde. Freilich ist dabei die Eigentumslogik, der die Ehefrau im damaligen britischen common law unterlag, vorausgesetzt: Eine Frau verlor mit der Heirat ihren Rechtsstatus als feme sole, der ihr weitestgehend dieselben Eigentums- und Persönlichkeitsrechte wie dem Mann garantierte. Als feme covert musste sie Persönlichkeitsrechte abtreten; nicht nur ihr etwaiger Besitz, sondern in vielerlei Hinsicht auch sie selbst ging in das Eigentum ihres Ehemanns über. Bis zum Matrimonial Causes Act 1857 blieb eine geschiedene Frau feme covert.

Möglicherweise liegt hierin ein Grund für die auffällige Zurückhaltung religiöser Autoritäten, wenn es um die Verurteilung der illegitimen Scheidungspraxis ging. Denn immerhin bestand durch die Wiederverheiratung keine Gefahr, dass die Kirchen als Sozialdienstleister für bedürftig gewordene Frauen hätten aufkommen müssen. Auch der Umgang der Justiz deutet auf eine Laissez-faire-Haltung hin. Es kam zwar in einigen Fällen zur Strafverfolgung, doch fielen die Urteile in der Regel äußert milde aus.

Es würde aber zu kurz greifen, die wife sales allein als eine in Ermanglung rechtlicher Möglichkeiten entstandene eigensinnige Scheidungspraxis zu interpretieren. Denn das erkläre noch nicht ihre spezifische Form und ihren auffälligen Symbolreichtum, gibt die Historikerin Rachel Vaessen in ihrer Abschlussarbeit aus dem Jahr 2006 zu bedenken. Warum das Halfter, das mit Abstand wichtigste Symbol, ohne das kein Verkauf über die Bühne ging? Warum die Form der Auktion? Und warum der von Spott und Beleidigungen geprägte Charakter des ganzen Spektakels?

Objekt der Beschämung

Dabei wurden durchaus nicht nur die Frauen gedemütigt, die obszöne Kommentare aus dem Publikum oder Häme von Seiten des Ehemanns über sich ergehen lassen mussten. Auch der veräußernde Ehemann konnte zum Objekt der Beschämung werden. Auf Zeichnungen sieht man ihn als Gehörnten, in einem Music-Hall-Song aus dem 19. Jahrhundert mit dem Titel »John Hobbs, John Hobbs« legt sich der gleichnamige Protagonist, dem es nicht gelingt, seine berüchtigt jähzornige Frau Jane loszuschlagen, die ihn in die Impotenz getrieben hatte, das Halfter selbst um den Hals, um sich zu erhängen.

Eine Antwort auf diese Fragen gibt Vaessen, indem sie die wife sales in den zeitgenössischen kulturellen Kontext, vor allem die karnevaleske Tradition stellt. Sie zieht Parallelen zu damals verbreiteten Bräuchen wie »rough music« – im Süden Englands auch als Skimmington bekannt, in Süddeutschland als Charivari –, bei denen die Dorfgemeinschaft Abweichler durch spöttisch-aggressive Paraden unter fürchterlichem Getöse öffentlich an den Pranger stellte. Analog dazu wären die wife sales in ihrer Funktion als moralische Regulations- und Strafpraxen der Dorfgemeinschaften zu betrachten, die sich gegen jene richtete, die sich durch Ehebruch oder mangelnde Arbeitsmoral, in jedem Fall durch die Auflösung des heiligen Ehebundes an der sittlich-göttlichen Ordnung versündigt hatten.

Zu diesem Zweck kommt dem Markt, so Vaessen, mehr Bedeutung zu, als den Akt durch Öffentlichkeit zu legitimieren. Denn im Gegensatz zu Pubs oder Messen als Orten des Amüsements verkörpert er geregelten Alltag und ist Ort des Warenumschlags. In der sich als gesellschaftliche Norm durchsetzenden Ökonomie des Tausches stellt er ein normatives Element und geeignetes Medium zur moralischen Selbstregulation der Gemeinschaft dar. Vor allem die Verletzung der Eigentumsordnung kann hier, für alle sichtbar, sanktioniert und symbolisch wiederhergestellt werden. Auch die Bedeutung des Halfters als Zurschaustellung männlicher Dominanz erklärt sich so womöglich als Reaktion darauf, dass der Ehemann zuvor mit seinem patriarchalen Autoritätsanspruch gescheitert war.

Zusammenhang mit dem Scheidungsrecht

Trotz dieser symbolischen Dimension bleibt der Zusammenhang der wife sales mit dem Scheidungsrecht und der wirtschaftlichen Lage der Einzelnen evident. Peter T. Leeson, Peter J. Boettke und Jayme S. Lemke untersuchten in einem 2014 im Review of Behavioral Economics erschienenen Aufsatz 222 Fälle aus den Jahren 1735 bis 1899. Demnach hatten sich 75 Prozent davon vor dem Matrimonial Causes Act im Jahr 1857 ereignet und 90 Prozent vor der letzten wichtigen Reform von 1882, mit der alle Ehefrauen volle Eigentumsrechte erhielten.

Ab 1857 mussten Scheidungen nicht mehr vom Parlament gebilligt werden, billigere Möglichkeiten vor weltlichen Gerichten wurden geschaffen. Somit stellten Trennungen für Frauen rechtlich keine Unmöglichkeit mehr dar. Spätere Gesetzesreformen sorgten dafür, dass Scheidungen Frauen auch ökonomisch nicht mehr zwangsläufig in den Ruin führten. Um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, als Großbritannien begann, Frauen Eigentumsrechte garantieren, wurden die wife sales zur Ausnahme.

Schlussendlich dürfte zu deren Aussterben auch der Protest von Frauen gegen diese erniedrigende Praxis geführt haben. Dass das an Sklavenverkäufe erinnernde Geschehen mit den sich im Zuge des Abolitionismus wandelnden gesellschaftlichen Konventionen in Widerspruch geriet, gewann ab den 1860er Jahren in Großbritannien große Bedeutung.