25.09.2025
Die Schriftstellerin Jean Rhys legte mit »Die weite Sargassosee« einen feministischen Roman über den britischen Kolonialismus vor

Wütend statt verrückt

Die im britischen Kolonialgebiet auf den westindischen Inseln ­geborene Schriftstellerin Jean Rhys veröffentlichte 1966 ihren Roman »Die weite Sargassosee«, der nicht nur eine Art Prequel zu Charlotte Brontës »Jane Eyre« darstellt, sondern auch eine feministische Kritik am Empire und der Sklaverei beinhaltet.

»Ein großes Haus. Ich unterteilte das dritte Stockwerk in Zimmer und in eines der Zimmer zeichnete ich eine stehende Frau. Kindergekritzel, ein Kreis für den Kopf, ein größerer für den Oberkörper, ein Dreieck für den Rock, geschwungene Linien für Arme und Beine.« Dies ist die Zeichnung von einem Mann, der in »Die weite Sargassosee«, einem 1966 erschienenen Roman der Schriftstellerin Jean Rhys, ein Gefängnis für seine Ehefrau ersinnt.

Die auf Jamaika arrangierte Ehe zwischen dem englischen Mann und der jungen weißen Kreolin (als solche bezeichnete man damals alle in den amerikanischen Kolonien Geborenen europäischer oder afrikanischer Abstammung) macht Erstgenannten auf einen Schlag reich. Auf der Hochzeitsreise in Dominica bricht er sie und beraubt sie ihrer Identität, indem er sie Bertha nennt, obwohl sie Antoinette heißt. Zurück in England sperrt er sie weg in ein Zimmer hoch oben im Haus, aus dessen Fenster man nur schwer herausschauen kann. Der Bediensteten Grace Pool zahlt er jeden Preis, nur möchte er »um Gottes Willen nicht mehr damit belästigt werden«. 

Als Tochter einer weißen Dominikanerin und eines walisischen Arztes wurde Rhys 1890 auf der heute Dominica genannten Insel geboren. Mit »Die weite Sargassosee« setzte sie ihrer Kindheit ein literarisches Denkmal.

In Rhys’ fünftem und letztem Roman »Die weite Sargassosee« bleibt der Mann namenlos – die in viktorianischer Literatur bewanderte Leserschaft nennt ihn im Stillen wahrscheinlich eh Edward Rochester, nach einer Figur aus Charlotte Brontës Roman »Jane Eyre« von 1847. Tatsächlich kann »Die weite Sargassosee« als eine Vorgeschichte zur Handlung und als Kommentar dieses Literaturklassiker gelesen werden.

Rochester ist in »Jane Eyre« der Arbeitgeber und später der Verlobte der Titelheldin; seine Frau Bertha, nur bekannt als Kreolin aus Jamaika, erscheint als Verrückte, die im Dachgeschoss einsperrt ist, als »madwoman in the ­attic«, wie sie später genannt wird. Was Brontë vage hielt, füllt Rhys mit Leben: Sie erzählt, wie es dazu kam, dass Bertha verrückt und auf den Dachboden verbannt wurde.

Als Tochter einer weißen Kreolin und eines walisischen Arztes wurde Rhys 1890 als Ella Gwendoline Rees Williams auf der heute Dominica genannten Insel geboren, die bis 1978 eine britische Kolonie war. Mit »Die weite Sargassosee« setzte sie ihrer Kindheit ein literarisches Denkmal. Gleichzeitig schrieb sie gegen das Schweigen ihrer Familie an, die an der ausbeuterischen Kolonialherrschaft beteiligt war.

Sklaverei im Britischen Weltreich erst 1834 abgeschafft

Der schottische Urgroßvater James Gibson Lockhart besaß mehrere Zuckerplantagen, auf denen er Sklaven für sich schuften ließ. Ein böser Mensch sei er gewesen, aber »was genau passiert war, das erzählte man mir nie«, notiert Rhys 1979 in ihren posthum veröffentlichten Memoiren »Lächeln, bitte!«.

Im Britischen Weltreich wurde die Sklaverei 1834 abgeschafft; »Die weite Sargassosee« spielt bald danach. Anfangs vermittelt sich das Romangeschehen durch Antoinette, die auf Jamaika aufwächst. Mit ihrem jüngeren Bruder und der Mutter lebt sie auf dem heruntergewirtschafteten Anwesen Coulibri. Vom verstorbenen Vater, einem Plantagenbesitzer, heißt es, er sei mit der Abschaffung der Sklaverei nicht zurechtgekommen und habe sich zu Tode getrunken.

Das schon seit Jahren stillstehende Wasserrad der Zuckerfabrik weist überdies auf die weit vor 1834 einsetzende Rezession der britisch-west­indischen Zuckerindustrie hin. Die Vermehrung der Zuckerplantagen in neu beanspruchten Kolonialgebieten gegen Ende der Napoleonischen Kriege sowie die Furcht vor den ­Folgen des Slavery Abolition Act hatten den Umsatz vermindert und viele Besitzer in die Verschuldung getrieben.

Wenn Gefahr droht, schließen die Weißen die Reihen, heißt es zu Romanbeginn. »Doch wir waren kein Teil ihrer Reihen«, erzählt Antoinette, deren Familie gemieden wird, weil sie vergleichsweise arm ist. Noch dazu stammt die kreolische Mutter aus Martinique. Somit bilden die drei afrokaribischen Hausangestellten Christophine, Sass und Godfrey das primäre soziale Umfeld für Antoinette.

Mit klugen Männern stets ausschließlich weiße Europäer gemeint

Über Godfrey urteilt die Mutter, er stelle sich taub und rühre keinen Finger. Ein rassistisches Klischee besagt, schwarze Menschen seien faul, aber Godfreys Verhalten kann auch als Strategie gedeutet werden: Bis 1838 mussten Sklaven unbezahlt als »Lehrlinge« 45 Stunden pro Woche arbeiten – außer man kaufte sich frei, was Godfrey nicht kann und stattdessen möglichst wenig arbeitet.

Um das Überleben der Familie zu sichern, heiratet Antoinettes Mutter den reichen Engländer Mr. Mason, der selbst kein Sklavenhalter war, wie er selbstgerecht betont. Dennoch ist er mit Anwesen auf Trinidad und Antigua Profiteur der Kolonialherrschaft. Mittlerweile gibt es Plantagen zu Spottpreisen: »Des einen Unglück ist des klugen Mannes Vorteil«, heißt es im Roman, wobei mit den klugen Männern stets ausschließlich weiße Europäer gemeint sind.

Der wohl­habende Mr. Mason verkörpert jene Schicht wohlhabender Weißer, die aus der Abschaffung der Sklaverei die größten ökonomischen Vorteile zog. In Anwesenheit afrokaribischen Personals spricht er offen übers Einstellen leistungsfähigerer, billigerer Arbeitskräfte, sogenannter Kulis, ­Tagelöhner aus Kolonien im heutigen China und Südasien, die zu ehemaligen Sklaven in Konkurrenz gezwungen wurden. Diese wiederum konnten meist nur versuchen, ihre Arbeitskraft zu besonders niedrigen Preisen zu verkaufen. Hingegen zahlte Großbritannien ehemaligen Sklavenhaltern eine Entschädigung – was für ein Hohn.

Antoinettes Mutter spürt, dass die wirtschaftlichen Umwälzungen mit Gefahren einhergehen. Mehrmals fleht sie ihren Ehemann an, nach England zu gehen – vergebens. Er wehrt ihre Bedenken als hysterisch ab. Die leidgeprüften Afrokariben infantilisiert er: Es seien bloß »Kinder – sie würden keiner Fliege etwas zuleide tun«. Doch dann setzen Afrokariben den Familiensitz in Brand, womit sie ihrer verzweifelte Wut über die ausbeuterische Kolonialherrschaft zum Ausdruck bringen. Antoinettes Bruder kommt infolge des Feuers um, die Mutter verfällt darüber in einen psychotischen Zustand und wird vom Ehemann isoliert untergebracht.

Die koloniale Genealogie der westindischen Inseln

Antoinette wird nach dem Brand in einem Kloster untergebracht. Dort vergewissert sie sich selbstbewusst ihrer Herkunft, indem sie einen Stoff mit folgendem Schriftzug bestickt: »Antoinette Mason geb. Cosway, Kloster am Kalvarienberg, Spanish Town, Jamaika, 1839«. Zugleich zeigt sich darin die koloniale Genealogie der westindischen Inseln. Antoinette, ein französischer Name, verweist dar­auf, dass ihre Mutter aus der französischen Kolonie Martinique stammt; Mason, der Name ihres englischen Stiefvaters, eines Plantagenbesitzers nach Abschaffung der Sklaverei; Cosway, der Name ihres Vaters, der ein Sklavenhalter war. Das Kloster und Spanish Town sind wiederum Hinterlassenschaften der frühesten Kolonisatoren aus Spanien, die auch zuerst den Katholizismus ins Land brachten.

Diese Gewaltgeschichte schreibt der namenlose Engländer fort, der Antoinette heiratet und aus dessen Sicht der zweite Teil des Romans erzählt wird. Auf Dominica, wohin die Hochzeitsreise geht, erscheint ihm alles unnatürlich, fremd, feindlich: die Menschen, das Klima, die Landschaft. Eurozentrismus mag ein Grund für jene Gefühlsregungen sein. Der namenlose Engländer ist eine widersprüchliche Figur, seine innere Leere äußert sich in Selbstzweifeln.

Trotzdem weiß er, mit Widerständen konfrontiert, seine Macht auszuspielen. Er schläft mit einer Angestellten, um die ihn herausfordernde Antoinette zu demütigen. Er droht denjenigen mit der Polizei, die sein Handeln kritisieren und seiner Ehefrau helfen wollen. Rhys konzipiert ihn als unzuverlässigen Erzähler, der behauptet, seine Ehefrau sei liebestoll und von ihm besessen. Seltsam nur, dass Antoinette nie seinen Namen verwendet, den ihres heimlichen Liebhabers hingegen nennt sie. Schließlich gibt er vor, Antoinette sei wahnsinnig. Allein, es finden sich keine Anzeichen dafür.

Rhys geht über das ­individuelle Schicksal hinaus, macht im Gegensatz zu Brontë die Ver­bindung zwischen dem Reichtum in Großbritannien und seinem Ursprung im Britischen Weltreich transparent.

Der namenlose Engländer inszeniert sich rückblickend als Opfer. Zur der Hochzeit, die er nun als Betrug empfindet, habe er sich nur verführen lassen, weil hohes Fieber seinen Verstand vernebelt habe. Briefe an seinen Vater verraten jedoch Gegenteiliges. Von Anbeginn verfolgt er im Auftrag des Familienoberhaupts den Plan, Kapital zu akkumulieren. »Ich spielte die Rolle, die von mir erwartet wurde. Sie hatte nie auch nur das Geringste mit mir zu tun. Jede meiner Handlungen war eine Willensanstrengung, und manchmal wunderte ich mich, dass niemand dies bemerkte.«

Ein Kapitalist mit Bauchschmerzen, die freilich nicht daher rühren, dass die Heirat Antoinette zur Besitzlosen macht. Alles Geld und Land muss sie gemäß britischem Gesetz dem Ehemann übertragen. Da er mit Plantagenwirtschaft nichts am Hut hat, geht er mit dem Gewinn zurück nach England.

Mit Antoinettes Geld wird tragischerweise, wie man im dritten Teil des Romans erfährt, das Gefängnis finanziert, in das man sie zunächst steckt. Rhys geht jedoch über das ­individuelle Schicksal hinaus, macht im Gegensatz zu Brontë die Ver­bindung zwischen dem Reichtum in Großbritannien und seinem Ursprung im Britischen Weltreich transparent. Zudem liefert Rhys ein anschauliches Bild jener Umbruchszeit nach Inkrafttreten des Anti-Sklaverei-Gesetzes.

Dabei bündelt sie in der Figur der Antoinette die Konflikt­felder Gender, Klasse, Ethnie und Kolonialismus. Sehr früh lehrt das Leben Antoinette: »Gerechtigkeit (…) es ist ein kaltes Wort. Ich habe es ausprobiert. (…) Ich habe es mehrmals aufgeschrieben, und jedes Mal sah es für mich aus wie eine verdammte, unverfrorene Lüge. Es gibt keine ­Gerechtigkeit.«

Daher macht Antoinette das einzig Richtige – sie brennt das Gefängnis nieder. Darin folgt Rhys der literarischen Vorlage. Doch ist ihre Hauptfigur keine madwoman, sondern eine angry woman.