16.10.2025
Ein Hausprojekt sagte einen Film über eine jüdische Widerstandsgruppe ab, denn diese sei zionistisch

Jüdischer Widerstand unerwünscht

Ein linkes Hausprojekt in Berlin sagte die Vorführung eines Films über jüdischen Widerstand in der Nazi-Zeit im letzten Moment ab. Der Grund war die »zionistische Ausrichtung« der Widerstandsgruppe um Gad Beck.

Gad Beck war eine schillernde Gestalt, ein Geschichts- und Geschichtenerzähler, der sich die Deutungshoheit über das sein Leben nicht nehmen ließ. Geboren wurde er 1923 als Gerhard Beck in Berlin. Er und seine Zwillingsschwester Miriam wuchsen im Berliner Scheunenviertel auf, ihre Mutter war aus Liebe zum jüdischen Vater zum Judentum übergetreten.

Nach der Machtübernahme der Nazis erlebte Beck in der Schule immer stärkeren Antisemitismus. Er wechselte auf eine jüdische Schule. Dort habe er sich auf Anhieb wohlgefühlt, schrieb er in seinen Memoiren, die 1995 unter dem Titel »Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck 1923 bis 1945« veröffentlicht wurden. Doch seine Mutter »litt schrecklich unter dem Verlust der gemeinsam aufgebauten christlich-jüdischen Welt. Ich war in unserer Familie der erste, der deutlich machte: Nun bleibt uns nur noch der jüdische Weg, und den gehe ich.«

Im nationalsozialistischen Berlin war dieser Weg zwangsläufig vom Zusammenbruch des bürgerlichen Lebens geprägt. 1936 konnten die Eltern, denen die Weiterführung ihres Geschäfts untersagt war, das Schulgeld nicht mehr zahlen. Die Familie musste in ein sogenanntes Judenhaus ziehen. Gad arbeitete als Ladengehilfe, um die Eltern zu unterstützen. 1940 bemühte er sich um die Ausreise nach Palästina, musste seine Pläne aber aufgrund einer Verletzung aufgeben.

»Die für heute Abend geplante Veranstaltung hat innerhalb der Groni 50 zu verschiedenen Diskussionen geführt, vor allem bezüglich der zionistischen Ausrichtung der jüdischen Widerstandsgruppe, die sich hier im Haus während der Nazi-Zeit versteckt und organisiert hat.« Website des Hausprojekts Groni 50

Mit 17 wurde er zu schwerer körperlicher Zwangsarbeit in einer Kartonfabrik verpflichtet, wo er in Kontakt mit dem jüdischen Widerstand kam. Er schloss sich der zionistischen Organisation Hechaluz an, so wie Tausende andere Juden nach der Machtergreifung der Nazis. Dort lernte er den etwas älteren Manfred Lewin kennen, mit dem er eine Beziehung einging. Der Geliebte wurde im November 1942 mit seiner gesamten Familie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.

Da die Mutter den Nazis als arisch galt, wurden Gad, Miriam und ihr Vater nicht in den Osten deportiert, im Februar 1943 aber verhaftet und zusammen mit anderen Juden, die »arische« Verwandten hatten, in der Rosenstraße festgehalten. Dies beschreibt Beck in seiner Autobiographie als einen der mutlosesten Augenblicke seines Lebens.

Die Angehörigen dieser Juden protestierten damals tagelang vor dem Gefängnis. Schließlich wurden die meisten Inhaftierten wieder freigelassen, darunter auch Beck. Er schloss sich dann der jüdischen Widerstandsgruppe Chug Chaluzi an. Gemeinsam versuchten deren Mitglieder bis zum Kriegsende, Fluchtwege ins Ausland zu finden und das Leben untergetauchter Juden zu organisieren. Viele von ihnen schafften es, auf diese Weise zu überleben.

»Solidarisch mit dem Streik für Palästina«

2006 veröffentlichten die Filmemacher Robin Cackett und Carsten Does den Dokumentarfilm »Die Freiheit des Erzählens – Das Leben des Gad Beck«. In diesem erlebt man Beck als einen charismatischen älteren Herren. Er erzählt von der Verfolgung und dem harten Leben im Untergrund, spricht aber auch geradezu schwärmerisch über seine damalige Entdeckung der homosexuellen Liebe. »Für jemanden, der von den Nationalsozialisten bedroht und verfolgt wurde«, schreiben die Filmemacher, »hat sich Gad Beck eine überraschend positive Sicht auf das Leben bewahrt. Fast als habe er nach seiner heiklen Geburt beschlossen, das Leben in vollen Zügen zu genießen, komme, was wolle.«

Am 6. Oktober sollte der Film im Hausprojekt Groni 50 in Berlin-Wedding gezeigt werden, denn in diesem Gebäude befand sich 1944/1945 das Hauptquartier von Chug Chaluzi. Doch im letzten Moment wurde die Veranstaltung abgesagt. Auf der Website des Hausprojekts heißt es dazu: »Die für heute Abend geplante Veranstaltung hat innerhalb der Groni 50 zu verschiedenen Diskussionen geführt, vor allem bezüglich der zionistischen Ausrichtung der jüdischen Widerstandsgruppe, die sich hier im Haus während der Nazi-Zeit versteckt und organisiert hat.«

Man habe dann »als Hausgemeinschaft beschlossen, dass wir dieses Thema an einem anderen Datum und mit mehr Vorbereitungszeit öffentlich diskutieren wollen. Heute zeigen wir uns solidarisch mit dem Streik für Palästina, und die Küfa entfällt.« Im Rahmen der Küfa hätte die Veranstaltung nämlich stattfinden sollen.

Auf eine Anfrage der Jungle World reagierte die Groni 50 nicht. Die Filmemacher teilten der Jungle World mit, man könne zu den Gründen für die Absage nichts sagen. Diese sei jedoch »sehr kurzfristig« erfolgt, das sei »deshalb für uns ein wenig ärgerlich« ­gewesen.

Diesen Film zu zeigen und darüber zu diskutieren, hätte am Vorabend des zweiten Jahrestags des Hamas-Überfalls auf Israel ein Zeichen sein können, das Leben zu bejahen und nicht den Tod und damit die Mörder zu feiern.

Der Film fragt auch danach, wie man sich an Geschichte erinnert. In einer online veröffentlichten Stellungnahme haben die Filmemacher angedeutet, dass sie einige von Becks Geschichten über seine »Liebesabenteuer unterm Bombenhagel« etwas unglaubwürdig finden. Zumindest klängen sie »manchmal recht unwahrscheinlich«. Vielleicht sei aber gerade das »Ausdruck seiner späten Rache an den Nazis, ­einer Weigerung, seine Geschichte von anderen bestimmen, sich zu einem Opfer machen zu lassen – und sei es ein halbes Jahrhundert später durch wohlmeinende, aber ahnungslose Filmemacher wie uns«, schreiben ­Cackett und Does.

Diesen Film zu zeigen und darüber zu diskutieren, hätte am Vorabend des zweiten Jahrestags des Hamas-Überfalls auf Israel ein Zeichen sein können, das Leben zu bejahen und nicht den Tod und damit die Mörder zu feiern. Vielleicht hätte der eine oder andere deutsche Linke dabei sogar etwas über den Zionismus lernen können, zum Beispiel, warum Juden wie Gad Beck sich ihm angeschlossen haben. Doch stattdessen hat das deutsche Hausprojekt deutlich gemacht, dass ihm sogar eine Widerstandsgruppe, die Juden vor der Vernichtung gerettet hat, als moralisch anrüchig gilt.