16.10.2025
Neues von Christiane Rösinger, Dumbo Gets Mad, Mozart Estate und Julien Colonna

Hochhaus im Marmeladenglas

Popkolumne. Neue Revue von Christiane Rösinger, neue Alben von Dumbo Gets Mad und Mozart Estate, ein ungewöhnlicher Mafia-Film von Julien Colonna.

Statt sich darüber auszulassen, ob die neue Taylor-Swift-Platte trotz aller Vorverkaufsrekorde musikalisches Mittelmaß ist, ob die erneute Zusammenarbeit mit Produzent Max Martin eine gute Entscheidung war und ob der Popköniginnenkelch nicht ohnehin längst Sabrina Carpenter zusteht, kann man vielleicht über tolle Platten aus der eigenen Alterskohorte schreiben. Man muss sich ja nicht ständig an die Gen Z ranschmeißen.

Wie wäre es zum Beispiel mit den hierzulande sträflich übersehenen Dumbo Gets Mad? Ihr neues Album »Five Eggs« ist bereits das fünfte Werk des brillanten italienischen Dumbo-Pop-Produzenten Luca Bergomi. Das Album klingt wie Supergrass, Super Furry Animals oder Blur – also wie Neunziger-Pop, der ja auch immer eine Melange aus bestem Sechziger-, Siebziger- und Achtziger-Pop war.

So wie auch die Musik der britischen Band Mozart Estate. Die Single aus dem neuen Album »Tower Block in a Jam Jar« – also »Hochhaus im Marmeladenglas« – heißt »Selfish & Lazy & Greedy«.

Apropos lazy: Für die kommende Christiane-Rösinger-Revue im Ber­liner HAU mit dem Titel »Leben im Liegen« gibt es bereits Karten im Vorverkauf!

»Die gesamte Menschheitsgeschichte basiert auf dem Zorn eines jungen Mannes.« 

Bereits angelaufen ist dagegen dieser ungewöhnliche Mafia-Film: Das Ende des korsischen »Paten« ­Pierre Paul scheint in dem Film »Kingdom – Die Zeit, die zählt« von Julien Colonna näher zu rücken. ­Erzählt wird die Geschichte, die Mitte der Neunziger spielt, aus der Perspektive seiner 15jährigen Tochter Lesia.

Lange weiß sie kaum etwas über das gefährliche Leben ihres ­Vaters. Eigentlich lebt die Halbwaise bei ihrer Tante, aber ihr Vater, der untertauchen musste, als eine blutige Fehde ihren Lauf nahm, holt sie zu sich in sein Versteck. Als die Lage weiter eskaliert, müssen beide fliehen.

Der Regisseur weiß, wovon er erzählt, und das spürt man: Sein Vater war selbst bei der örtlichen Mafia und kam 2006 ums Leben. Gedreht wurde ausschließlich mit großartigen Laiendarsteller:innen, die die Authentizität des Films noch erhöhen. Diese ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung lässt einen nicht kalt; besonders ein Gespräch der beiden gegen Ende, in dem es um den Teufelskreis der Rache geht, beeindruckt.

Bester Satz dieses Anti-Gangster-Films: »Die gesamte Menschheitsgeschichte basiert auf dem Zorn eines jungen Mannes.« Dann vielleicht doch lieber über Taylor Swift streiten.