Mit 41 hat man noch Träume
Geburtstag. Wieder ein Jahr älter. Ich schaue in den Spiegel, alles wie immer. Keine neue Falte, kein plötzlicher Zerfall über Nacht. Noch mal Glück gehabt.
Seit über elf Jahren, seit meinem 30. Geburtstag, wird es mir prophezeit: Es gehe abwärts, die besten Zeiten seien vorbei, der Lack sei ab, ich sei nun bald alt. 30 damals, 40 heute. Die Zahl änderte sich, der Ton blieb gleich. Mit identisch mattem Blick verkündet ein bestimmter Schlag Mensch, ausgestattet mit der Illusion von Lebenserfahrung, meinen nahenden Untergang.
Nicht ohne Grund verbrachte ich bereits meinen 30. Geburtstag im Ausland, weit weg von jenen Miesmuscheln, die ihren lakonischen, seltsam schadenfrohen Singsang nun einfach wiederaufnahmen. »In zehn Jahren bist du 50«, erklärten sie kürzlich triumphierend, als verberge sich hinter dieser Zahl ein reißendes Ungeheuer.
Ich genieße es, Gift zu versprühen, wenn sich die Gelegenheit bietet, und selbstverständlich wird zu jedem Tuntengeburtstag behauptet, die Feiernde habe längst die 60 erreicht.
Nicht falsch verstehen! Natürlich liebe ich den zynischen Witz über das Älterwerden, ich bin ja nicht aus Versehen Tunte geworden. Ich genieße es, Gift zu versprühen, wenn sich die Gelegenheit bietet, und selbstverständlich wird zu jedem Tuntengeburtstag behauptet, die Feiernde habe längst die 60 erreicht. Der Unterschied ist, wo man das sagt: Als Lacher auf der Bühne oder hier auf Papier, als Stilmittel. Tuntensprache, nicht Lebenshaltung.
Das eingangs beschriebene Phänomen ist jedoch nicht exklusiv der Tunte vorbehalten. »Komm du mal in mein Alter« ist ein schrecklicher Satz, der bei vielen Leuten beliebt ist. Erstaunlich ist, dass diese Jammerlappen oft nicht einmal viel älter sind und optisch nicht den Schaden genommen haben, den sie anderen prophezeien. Ich frage mich, was sie verbockt haben, um so früh innerlich abzutreten.
Fratze einer früheren Hoffnung
Hypothesen gibt es viele. Beleidigt vom Leben, enttäuscht von der Romantik oder wütend, weil die Realität eine Bitch oder schlicht langweilig sein kann. Vielleicht ist es auch nur Selbstabsolution in einem System, das uns beibringt, alles zu wollen, aber kaum etwas wirklich zu verändern. Wer aufgibt, schiebt es dann auf das Alter und verkauft Rückzug als Reife.
In jedem Fall habe ich nicht vor, in meinen Vierzigern – oder irgendwann – zu jenen zu gehören, die zur Karikatur ihrer selbst werden, zur Fratze einer früheren Hoffnung. Ob mir das gelingt, lesen wir in neun Jahren, zu meinem 50. Geburtstag. Vermutlich wieder geschrieben aus dem Ausland, fernab von jenen, die nicht an der Zahl, sondern am Gemüt zugrunde gehen.