30.10.2025
Frankfurter Schule – Leo Löwenthals Überlegungen zur Literatur sind noch immer relevant

Spiegel der Gesellschaft

Zum 125. Geburtstag von Leo Löwenthal: Literatur betrachtete der Soziologe nicht isoliert, sondern als historischen Ausdruck des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Seine ideologiekritische Perspektive auf literarische Werke und ihre Rezeption gewinnt gerade im Zeitalter digitaler Massenmedien neue Relevanz.

Leo Löwenthal wird meist nur als Randfigur der Kritischen Theorie erwähnt. Abgesehen vom Nachlassverwalter Peter-Erwin Jansen gibt es nur wenige, die sich systematisch mit seinem Erbe auseinandersetzen. Das geringe Interesse insbesondere an den frühen Schriften Löwenthals steht allerdings im Kontrast zu seinem tatsächlichen Einfluss auf die Entwicklung jener Formation kritischer Gesellschaftstheorie, die später akademisierend als »Frankfurter Schule« bezeichnet wurde.

Vergessen wird dabei nicht nur seine Rolle als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift für Sozialforschung, die von 1932 bis 1942 das Sprachrohr des von Max Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung darstellte, sondern auch die enge Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb des Instituts. Die Arbeit an der kritischen Theorie der Gesellschaft war tatsächlich ein kollektives Projekt.

Zwar wurde in den vergangenen Jahren immerhin die Aktualität ­seiner Analysen zur Funktionsweise faschistischer Propaganda wiederentdeckt – ein Thema, das angesichts des Erstarkens autoritärer Bewegungen besonders relevant ist. Dennoch bleibt die Vielseitigkeit seines Schaffens häufig unbeachtet. Es verwundert daher kaum, dass sein Geburtstag, der sich am 3. November zum 125. Mal jährt, kaum Beachtung findet. Insbesondere die für Löwenthals Werk zentrale Literatursoziologie ist vergessen – zu ­Unrecht, wie eine Wiederlektüre zeigt.

Es verwundert kaum, dass Löwenthals Geburtstag, der sich am 3. November zum 125. Mal jährt, kaum Beachtung findet. Insbesondere die für sein Werk zentrale Literatursoziologie ist vergessen – zu ­Unrecht, wie eine Wiederlektüre zeigt.

Am 3. November 1900 in Frankfurt am Main geboren, wuchs Leo Löwen­thal in einer Familie des jüdischen Bürgertums auf. Früh zog es ihn an die Universitäten, wo er sich der Philosophie, der Germanistik und der Soziologie widmete – jener wissenschaftlichen Trias, aus der später sein feines Gespür für die gesellschaft­lichen Relevanz von Kunst und Literatur erwuchs. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 blieb dem linken, jüdischen Intellektuellen kein anderer Ausweg, als mit den Instituts­kolleg:innen ins Exil zu gehen, erst nach Genf, dann nach New York.

Die New Yorker Columbia Uni­versity stellte dem Institut Räumlichkeiten zur Verfügung, so dass die Arbeit in den USA fortgesetzt werden konnte. Nachdem die Institutsmitarbeiter es sich auf der, wie Löwenthal es nannte, »radikal-intellektuellen Insel« eingerichtet hatten, widmete er sich insbesondere der gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit der modernen Literatur. Auf diesem Gebiet verwirklichte er das von Horkheimer entworfene Programm einer sozialpsychologisch orientierten Ideologieforschung. Seine kritisch-marxistische Literatursoziologie grenzte er entschieden von der klassischen Literaturkritik ab, die ihm zufolge werkimmanent oder formalistisch urteile.

Löwenthal interessierte Literatur insbesondere als Moment der gesellschaftlichen Totalität. Er begreift sie als den historisch spezifischen Ausdruck des sozialen Zusammenlebens, der gesellschaftliche Strukturen in vermittelter Form verdichtet. Zugleich warnte er jedoch davor, diese Art der Literaturanalyse reduktionistisch zu verstehen oder als bloßen Ökonomismus misszudeuten: »Es hieße jene Theorie schlecht verstehen, wollte man ihr den Glauben an eine unmittelbare Ableitung der Gesamtkultur aus der Wirtschaft zuschieben, ja, wollte man nur von ihr behaupten, sie versuche die Grundzüge kultureller und psychischer Gebilde aus einer bestimmten ökonomisch erklärten Struktur abzulesen.«

Werk und Wirkung dürfen keineswegs getrennt werden

Aufmerksam betrachtete er jene Bereiche, die gemeinhin als privat gelten – Liebe, Freundschaft, Natur­erleben. Auch diese lassen sich seiner Ansicht nach nur als historisch vermittelt und entsprechend geformt verstehen. An literarischen Texten lassen sich diese Prägungen nicht nur ablesen, sondern systematisch untersuchen. Insbesondere die Vergangenheit könne qua literatursoziologischer Analyse erhellt werden.

Die Geschichtsschreibung sei nämlich nicht in der Lage, die soziale Bedingtheit von Gefühlen, Werten, Einstellungen und Erlebnissen so zu erfassen wie das Kunstwerk. In diesem offenbare sich das Verhältnis der Menschen zueinander, zu ihren ­Gefühlen sowie zur Natur besonders deutlich. Löwenthals Deutung literarischer Werke fußt demnach auf der Annahme, dass gerade im Ausdruck subjektiver Erfahrungen des Leidens, der Angst oder Intimität gesellschaftliche Objektivität greifbar wird. Brillant gelingt ihm dies in seinen Studien über das bürgerliche Bewusstsein in der Literatur.

Dabei beschäftigte sich Löwenthal nicht nur unmittelbar mit literarischen Werken, sondern auch mit ihrer Rezeption. Leitend ist dabei die Annahme, dass Werk und Wirkung keineswegs getrennt werden dürfen: »Zum Sein des Kunstwerkes gehört seine Wirkung; das, was es ist, bestimmt sich wesentlich in dem, als was es erlebt wird. Die Erlebnisse der Menschen aber sind in besonderer Weise präformiert; sie sind nicht willkürlich ausgewählt, entsprechen nicht einer zufälligen Ereignisreihe.«

Der Glaube an das einheitliche, freie, sich selbst behauptende Subjekt

Es sei eine große Leerstelle in weiten Teilen der Literaturkritik, sich nicht mit der der Wirkung der dichterischen Werke auseinandergesetzt zu haben. Eine materialistische Ästhetik hingegen müsse sich mit diesen ­Aspekten auseinandersetzen, will sie die prominente Rolle bestimmter Kunstwerke in der Geschichte verstehen lernen. Auffällig ist ja, dass bestimmte Kunstwerke in verschiedenen sozialen Klassen sehr unterschiedlich rezipiert werden. Die Ursachen dafür sind aber, wie Löwen­thal in Bezug auf Dostojewskij resümiert, meist weniger ästhetisch als sozialpsychologisch.

Obgleich nicht streng rezeptionsanalytisch zu verstehen, widmet sich auch Löwenthals kritische Schrift »Die biographische Mode« (1930) der Funktion und Wirkungsweise der Biographien nach dem Ersten Weltkrieg. Im Vordergrund steht die Frage, warum sie gelesen und welche ideologischen Muster in ihrer Rezeption stabilisiert werden.

Zuspitzen ließe sich Löwenthals paradox anmutende Diagnose dahingehend, dass Biographien, indem sie die persönliche Gestaltungskraft und den erfolgreichen Lebensweg bedeutender Persönlichkeiten zur Schau stellen, in dem Maße an Attraktivität gewinnen, in dem die Individuen real an Gestaltungsmacht über ihre eigenen Lebensumstände verlieren. Die Menschen halten also umso mehr am Glauben an das einheitliche, freie, sich selbst behauptende Subjekt fest, je deutlicher der gesellschaftliche Zwangszusammenhang dieses in ihrem eigenen Leben zur Illusion degradiert.

»Wir leben heute in einer Massengesellschaft, in der die Werte, die sich in der Psyche des Einzelnen herausgebildet haben, viel stärker von den riesigen Mengen an Materialien widergespiegelt werden, denen die Menschen ausgesetzt sind, wie im Film, Zeitung, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und so weiter.« Leo Löwenthal

Löwenthal war sich jedoch auch der Grenzen seiner Analysen bewusst, die sich vornehmlich auf das Bürgertum bezogen. Dieses konnte differenziert analysiert werden, weil die literarischen Zeugnisse über lange Zeit fast ausschließlich aus ihm stammten – die subalternen Klassen hatten kaum Repräsentationsmöglichkeiten. Inzwischen habe sich dies geändert, doch sei das primäre Medium keineswegs mehr das Kunstwerk im klassischen Sinne.

In einem Interview aus dem Jahr 1980 hob Löwenthal eine neue Unübersichtlichkeit hervor. »Wir leben heute in einer Massengesellschaft, in der die Werte, die sich in der Psyche des Einzelnen herausgebildet haben, viel stärker von den riesigen Mengen an Materialien widergespiegelt werden, denen die Menschen ausgesetzt sind, wie im Film, Zeitung, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und so weiter.« Obgleich Löwenthal damals noch keine Vorstellung von sozialen Medien und den Entwicklungen der KI haben konnte, lässt sich an seine Ausführungen nahezu nahtlos anknüpfen: eine Analyse der Rezeptionsweisen hat gegenwärtig höchste ­Aktualität.