30.10.2025
Kuchen, Ostschrippe, Eierschecke

Homestory #44/2025

Entsetzen in den Redaktionsräumen: die Lieblingsbäckerei der Redakteur:innen Ihrer Lieblingszeitung schließt!

»Kokostraum«, mehrstöckige Torten, »die größte und saftigste Streuselschnecke, die ihr euch vorstellen könnt« – die Liste an Leckereien der Bäckerei Zessin, die bei den Mitarbeitenden Ihrer Lieblingszeitung besonders beliebt sind, ließe sich noch lang fortsetzen.

Dementsprechend groß war vergangene Woche das Entsetzen in den Redaktionsräumen als die Nachricht eintraf: »Traditionsbäckerei schließt alle Filialen«. Seit 87 Jahren gibt es die Innungsbäckerei Zessin bereits im Prenzlauer Berg.

Ein Redakteur gibt zu: »Das Gründungsjahr 1938 macht mir ein bisschen Angst.«

Ein Redakteur gibt zu: »Das auf der Tüte ausgewiesene Gründungsjahr 1938 macht mir ein bisschen Angst.« Über die politische Linie der Anfangsjahre der Bäckerei ist allerdings nichts bekannt – genauso wenig wie die während der DDR-Zeit. Die Bäckerei ist aber besonders für ihre »Ostschrippen« berühmt. Lobend sagt ein Redakteur zwar über die Bäckerei: »Super Kuchen, nicht nur das klassische Ossizeugs mit fünf Tonnen Zucker als Decke, sondern auch prima Eierschecke.«

Allerdings schränkt er ein, dass man die Schrippen »abhaken« könne, da »nicht knusprig«. Mit dieser Meinung steht er wohl eher allein da: Dem Tagesspiegel zufolge sind die Schrippen »kompakter und knackiger, weniger luftig als ihr westliches Brötchen-Pendant«. Am Wochenende bildeten sich stets lange Schlangen von Fans der »Ostschrippe« vor den Läden. Dem größten Zessin-Fan in der Redaktion zufolge schmecken sie besonders »gut mit Erdnussbutter und Marmelade«.

Zum Ende des Jahres werden die drei Filialen in Prenzlauer Berg dichtgemacht. »Der Chef hat das entschieden, mehr sag ich dazu nicht«, sagt die Filialmitarbeiterin in der Zionskirchstraße der Jungle World. Das klinge, »als hätten sie etwas zu verbergen«, merkt ein aufmerksamer Redakteur an, immer auf der Suche nach einer Story.

Die Gentrifizierung schlägt zu

Dabei ist der Hintergrund so traurig wie schlicht: Der Bäckermeister geht in Rente und Nachfolger fehlen, genauso wie Backfachkräfte – ein Schicksal, das vor Zessin schon anderen Bäckereien den Garaus gemacht hat. Außerdem müssen immer mehr kleinere und mittlere Betriebe aufgrund der Konkurrenz durch große Ketten und Supermärkte schließen. Schließlich schlägt allgemein die Gentrifizierung zu, so hatte es auch den Hamburger Lieblingsclub einer Redakteurin, den »Golem«, und den Berliner Lieblingsspäti anderer Kollektivmitglieder in der Raumerstraße getroffen.

Der Zessin-Fan ist dabei besonders gestraft, da es der »dritte Lieblingsladen innerhalb kürzester Zeit« sei, der schließt. Angefangen habe es mit »Kaffee und Tee« am Frankfurter Tor. »Da gab es günstigen und viel zu starken Aperol Spritz und dazu die süßeste Tiramisu-Torte.« Als nächstes war sein »Stammpommesladen« dran: »Nach unserer Reise nach Birmingham habe ich mir da noch ein Bier geholt, zwei Tage später stand ich vor einer Ruine.« Das Gebäude war einfach abgerissen worden.

Sein Fazit: »Diese Stadt geht vor die Hunde.« Laut einer Redakteurin hat immerhin ein Protest der Anwohner die Schließung einer Bäckerei verhindern können, so dass sie weiterhin an die »besten Brezeln« kommt – allerdings nur, wenn sie in Bayern ist, denn dort hatte sich dieses Happy End ereignet.