Nur die Toten schlafen fest
»Als seine Mutter starb, hatte er Dienst.« So existentialistisch beginnt T. C. Boyles neuer Roman »No Way Home«. Die Rede ist dabei von Terry, einem Assistenzarzt in Los Angeles. Es dudeln rechte Radiosender und in dem Krankenhaus, in dem der hochverschuldete Terry schuftet, geben sich Obdachlose und Verrückte die Klinke in die Hand.
Als Terry nach dem Tod seiner Mutter eine Immobilie mitten in der Pampa Nevadas erbt, bezieht er sie selbst, was mit der berechnenden Bethany zu tun hat, die sich dort einquartiert – eine Frau ohne eigene Wohnung, mit mies bezahltem Teilzeitjob und sehr viel Sex-Appeal. Dann wäre da noch Bethanys Ex Jesse, ein High-School-Lehrer und Möchtegernautor, der auch vor Vergewaltigung nicht zurückschreckt, an dem Bethany aber immer noch hängt.
Am menschlichsten verhält sich noch die Hündin der Mutter. Ansonsten findet keiner mehr zurück nach Hause: Die Verrohung im Raubtierkapitalismus hat alle zu Gefühlszombies gemacht. Ein Roman für eine schlaflose Nacht.
Die Verrohung im Raubtierkapitalismus hat alle zu Gefühlszombies gemacht. Ein Roman für eine schlaflose Nacht.
Auch die Frage, ob das eigene Kind gesund zur Welt kommt, kann werdenden Eltern schlaflose Nächte bereiten. Für die gehörlose Ángela und Hector in Eva Libertads berührendem Spielfilmdebüt »Sorda« war ihr Handicap bislang kein Thema. Auch nicht für ihren Partner. Doch mit der Schwangerschaft legt sich ein Schatten über die Beziehung.
Als nach der Geburt klar wird, dass die Tochter hören kann, sind alle erleichtert. Bis auf Ángela. Ihr gelingt es zunächst nicht, eine so tiefe Verbindung zu dem Kind aufzubauen wie ihr hörender Partner. Als Ángelas Verzweiflung schier unerträglich wird, entfernt die Regisseurin fast alle Geräusche und lässt uns in die Welt der Protagonistin eintauchen. Dass diese von der gehörlosen Schwester der Regisseurin gespielt wird, verleiht dem Film, der auf der diesjährigen Berlinale den Panorama-Publikumspreis erhielt, zusätzlich Authentizität und emotionale Wucht.
Von der Geburt ins Jenseits: Der Hamburger Künstler Alex Solman widmet sich seit Jahren der Kondolenzarbeit. In seinem von den Flyern des »Golden Pudel Club« bekannten Stil zeichnet er Verstorbene – Stars und Sternchen gleichermaßen.
Gereon Klug, selbst passionierter Kondolenztextschreiber in den sozialen Medien, steuerte Texte bei. Gemeinsam schufen sie das Coffee-Table-Art-Book »Staying Alive« – eine illustre Runde von Ozzy Osbourne bis Pauline Oliveros. Ein paar der Toten kannten wir tatsächlich noch gar nicht.