Der Himmel über JFK
New York, Jänner 2022
Die Sterne halten sich hinter dem Hügel bereit. Sie vertrauen auf ihre Wirkung, vor allem bei denen, die zum ersten Mal auf den Hügel kommen. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Interstate 95 bis zu dieser Stelle eine unspektakuläre Autobahn ist, sie führt durch Industriegebiete, vorbei an Suburbs, Lärmschutzwänden, uneindeutigen Flächen. Grüne Schilder weisen einen darauf hin, dass die Ostküstenmetropolen nicht weit sind. An irgendeinem Punkt der Interstate 95 fragt sich jeder einmal, ob das stimmen kann.
Gerade als der Gipfel der Monotonie erreicht ist, haben die Sterne ihren Auftritt. Abertausende Kilowattstunden leuchten durch die Windschutzscheibe. Reflexartig will ich nach der Sonnenblende greifen, lasse es aber. Es ist nur eine große Stadt, sage ich mir, nur eine große Stadt, nur eine hell ausgeleuchtete Insel.
Die Lichter brechen sich in den Kratzern im Glas. Ich blinzle, doch ich habe richtig gesehen. Die Insel zwinkert. Und jetzt ruft sie auch noch, vielstimmig und heiser ruft sie uns Autofahrern ihre Verheißungen zu, diesen alten Refrain.
Kommt nur, ich bin es, die Insel, auf die ihr wollt! Lasst euch nicht stören von den Junkies und den Obdachlosen, die sich an meinen U-Bahn-Schächten wärmen und Reden halten für ein Publikum, das längst aufgehört hat zuzuhören. Der amerikanische Traum ist für alle da, aber er bleibt für niemanden stehen.
Die Stadt macht das geschickt, sie adressiert jeden von uns einzeln, sie wird persönlich, sie will mich ein letztes Mal locken. Sie präsentiert ihre Sterne, als würde sie mir zum Abschied sagen wollen: Schau mich an, ich bin gar nicht so.
Wie?, frage ich zurück.
Die Insel funkelt.
So hässlich.
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