Eines dürfte feststehen: Worum Kai Wegner buhlt, stößt in der Redaktion Ihrer Lieblingszeitung auf wenig Gegenliebe. Ein Argument für »Nolympia«, wie sich die erfolgreiche Kampagne gegen Berlins Olympia-Bewerbung für die Spiele im Jahr 2000 nannte, liegt auf der Hand: »Obviously hat sich Berlin nach 1936 für immer disqualifiziert«, meint ein Redakteur und erhält viel Zustimmung.
Der Regierende Bürgermeister hingegen will da nicht so ewiggestrig sein und findet Olympische Spiele zum 100. Jubiläum der »furchtbaren Nazi-Spiele« eine ausgezeichnete Gelegenheit, das Negativimage der Stadt als Gastgeber des Sportwettbewerbs abzulegen, und drischt Phrasen über das bunte, offene und vielfältige Berlin von heute. Dumm nur, sollte 2036 statt eines Bürgermeisters nach Art des verwegenen Wegner ein um Traditionspflege bemühter AfDler dem Roten Rathaus vorstehen.
Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will die Olympischen Spiele, allerdings in seiner Landeshauptstadt, und weiß dafür die Mehrheit der Münchner hinter sich. Doch auch die Oberbayern-Metropole hat sich mit der Austragung der Olympische Spiele 1972 hinreichend disqualifiziert, ist man sich in der Redaktion einig. Dass palästinensische Terroristen, zuvor tatkräftig unterstützt von deutschen Neonazis, das israelische Team als Geiseln nehmen konnten mit dem Ziel, unter anderem Ulrike Meinhof und Andreas Baader freizupressen, und am Ende elf der vierzehn gekidnappten israelischen Olympiateilnehmer tot waren, scheint heutzutage dem Image nicht allzu sehr zu schaden.
Die Redakteurin aus dem Norden stellt sich schützend vor Hamburg – eine Stadt, die mit der Ausrichtung von »Schlagermove« und »Harley Days« ohnehin schon gestraft genug sei.
Ein Kollege aus dem Lektorat schlägt das Ruhrgebiet als Austragungsort vor – das räume dann bei internationalen Gästen gleich ein paar Mythen über die BRD ab. Schließlich hätten englische Fans bei der Fußballeuropameisterschaft 2024 über das sozialdemokratisch-austeritär verwüstete Gelsenkirchen gemeint, so etwas Kaputtes gebe es in ganz England nicht. Der Vorschlag ruft sofort heftigen Protest der im Pott ansässigen Kollegin hervor, und vorsorglich stellt sich die Redakteurin aus dem Norden schützend vor Hamburg – eine Stadt, die mit der Ausrichtung von »Schlagermove« und »Harley Days« ohnehin schon gestraft genug sei.
Nachdem man sich darauf geeinigt hatte, dass Olympia eine Strafe ist, und auch die Frage, wer sie am ehesten verdient hätte, schnell geklärt ist (die Sächsische Schweiz natürlich), schert eine Redakteurin doch noch aus: »Also ich bin eigentlich Fan von Olympia – und ich prophezeie mal, die Nolympia-Kampagne wird auch kein reiner Spaß.« Wenn also der Sozialprotest ins Volkstümelnde und Fremdenfeindliche abgleitet, können Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie gewohnt auf unsere beißende Kritik zählen.