06.11.2025
‍Erstes Sex-Pistols-Konzert vor 50 Jahren

Von Johnny Rotten verflucht

Vor 50 Jahren gaben die Sex Pistols ihr erstes Konzert. Für etliche spätere Größen der Szene waren die Auftritte der Band der Anstoß, selbst Punkmusik zu machen. Dass die Sex Pistols keine langweilige Rockband wie jede andere blieben, verdanken sie ihrem kongenialen Sänger Johnny Rotten.

Die Sex Pistols waren keine Casting-Band – auch wenn das oft behauptet wird. Den Grundstein für die mindestens drittwichtigste Band der Musikgeschichte legten zwei Schulfreunde, die sich Anfang der Siebziger auf den heruntergekommenen Straßen Westlondons herumtrieben: Steve Jones und Paul Cook. Jones – Arbeiterkind, Vater abgehauen, vom Stiefvater missbraucht – war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, galt als verhaltens­auffällig und machte vor allem als brillanter Dieb von sich reden. Zuflucht fand er bei seinem bis heute besten Kumpel Cook, der aus einem freundlicheren Elternhaus kam, stoische Ruhe ausstrahlte und weniger Draufgänger, mehr interessierter Mitläufer war. Als sie sich 1972 anfreundeten, beide 16, hatten sie ihre Skinhead-Phase gerade hinter sich gelassen und waren von Soul und Reggae dazu übergegangen, harte Rockmusik zu hören: Black Sabbath, Hawkwind, Roxy Music, T. Rex.

Im selben Jahr gründeten sie mit dem gleichaltrigen Gitarristen Wally Nightingale ihre erste Band namens The Strand. Cook saß schon am Schlagzeug, während Jones noch nicht Gitarre spielte, sondern sang. Genau wie später die Sex Pistols in ihren Anfängen coverten The Strand vor allem The Who und die Small Faces. Ihre Instrumente, Verstärker und Mikrophone hatte ­Steve Jones natürlich geklaut. Einmal verschaffte er sich nachts zwischen zwei Londoner David-Bowie-Gigs Zutritt zum Veranstaltungsort und räumte sämtliches Equipment ab.

Das Gerücht, die Pistols seien stumpf gecastet worden, hat mit ihrem genialen Manager Malcolm McLaren zu tun. Der inszenierte sich zeitlebens als Strippenzieher, und in der Tat setzte er entscheidende Impulse für die ­Ausrichtung der Sex Pistols. Doch bei der Formierung von The Strand (die sich bald Swankers nannten) hatte er keine Rolle gespielt. Vielmehr musste McLaren, der zunächst kaum interessiert war, von Steve Jones überredet werden, dessen Band zu managen. Er kannte Jones, weil dieser ständig in seiner Boutique »Let It Rock« in der King’s Road auftauchte, und nahm den Streuner unter seine Fittiche.

McLaren war zehn Jahre älter als die musizierenden Jugendfreunde und hatte Kunst studiert. Er und sein Kommilitone Jamie Reid hatten sich von den kapitalismuskritischen Schriften und Aktionen der Situationistischen Internationale inspirieren lassen. McLaren und Reid wollten das herrschende System durch Provokation, Schock und spektakuläre Inszenierungen angreifen, reduzierten dies jedoch bald auf eine künstlerische Pose. Vor allem McLaren verlor die von den Situationisten angestrebte soziale Revolution rasch aus den Augen.

Ein Konzert der Sex Pistols in Trondheim 1977, schwarz-weiß Bild

Klar im Vordergrund. Johnny ­Rotten begeistert norwegische Studenten, als die Sex Pistols bei der Studentenunion in Trondheim 1977 auftreten. Da schon in neuer Hintergrundbesetzung

Bild:
Billedbladet NÅ / Arne S. Nielsen

Während Reid später sämtliche legendären Pistols-Graphiken entwarf (allen voran das Cover von »Never Mind the Bollocks«) und die Punk-Ikono­graphie prägte wie kein anderer, hatte McLaren die besagte Boutique bereits 1971 gemeinsam mit der damals noch nicht weltberühmten Modedesignerin Vivienne Westwood eröffnet. 1974 nannten sie den Laden »SEX«. Anfang 1975 ging McLaren nach New York, um die erfolglose, aber enorm einflussreiche Protopunkband New York Dolls zu managen – und steckte sie in rote Lederoutfits mit Hammer-und-Sichel-Optik. Sein erster Versuch der größtmöglichen Pop-Provokation lief allerdings ins Leere und die Dolls lösten sich nach ein paar Monaten auf. McLaren kam zurück nach London, bereit für einen neuen Anlauf und mit einer klaren Vorstellung für die Truppe von Cook und Jones. Diese war während McLarens Abwesenheit von seinem alten Freund, dem Designer, Plattenhändler und zu oft vergessenen Punk-Drahtzieher Bernie Rhodes, betreut worden.

Johnny Rotten krempelte die Band, deren Mitglieder er gerade erst kennengelernt hatte und mit denen er sich niemals wirklich verstehen sollte, komplett um.

In New York hatte McLaren die Szene um den Musikclub »CBGB« kennen­gelernt; das, was erst später Punk genannt und in Großbritannien zu einem popkulturellen Ereignis sondergleichen werden sollte, brodelte hier schon in Versatzstücken vor sich hin. Die Ramones hatten einen neuen Sound erfunden (schnell gespielter, dreckiger Rock ’n’ Roll, drei Akkorde, keine Gitarrensoli) und Richard Hell von Television einen neuen Look (kurze, abstehende Haare, zerrissene Klamotten, Sicherheitsnadeln). McLaren hatte das bemerkt und wollte es im Sinne seiner situationistischen Interpretation, vielleicht auch aus kommerziellem ­Interesse, zusammenführen – mit einer jungen, umstürzlerischen Band, die alle alteingesessenen Bands hinwegfegen sollte. Rock ’n’ Roll hatte in den Siebzigern nichts Widerständiges mehr und war zu selbstgefälligem, so langweiligem wie abgehobenem Bombastrock mutiert.

Cook und Jones waren ungestüm, mochten die New York Dolls und erschienen McLaren für seine Vision ideal. Rhodes, der anfangs auch die »SEX«-typische Punkmode mitgestaltete, war noch immer als Geschäftspartner mit dabei und teilte McLarens Ideen. Gemeinsam ermutigten sie Jones, der es hasste, Leadsänger zu sein, an die Gitarre zu wechseln. Wally Nightingale, der ohnehin uncool war und eine Brille trug, musste demnach rausgeschmissen werden. Er kämpfte die nächsten 20 Jahre um Urheberrechte für den Pistols-Song »Did You No Wrong«, doch die erste Tantiemenzahlung erlebte er wegen seines Drogentods 1996 nicht mehr.

Ebenfalls uncool, aber immerhin ganz nett und musikalisch begabt war der Kunststudent und Beatles-Fan Glen Matlock, der als Verkäufer bei »SEX« jobbte, dort Cook und Jones kennengelernt hatte und schon Ende 1974 als Bassist bei ihnen eingestiegen war. Kurz danach dachte sich McLaren den ab­strusen Bandnamen Sex Pistols aus. Die Anspielung auf seine Boutique war natürlich kein Zufall, doch vor allem hatte der Name ein verstörendes Schockpotential, das man heute nur noch ­erahnen kann.

Auf der King’s Road war ihm ein schüchterner 19jähriger Junge mit grünen Haaren aufgefallen

Das Wichtigste fehlte aber noch: der Sänger. McLaren versuchte erfolglos, Richard Hell zu rekrutieren, der lieber die Heartbreakers und dann die Voidoids gründete; auch Sylvain Sylvain von den New York Dolls und Midge Ure (später bei Ultravox) zeigten kein Interesse. Es ist Rhodes zu verdanken, dass der aufregendste Frontmann aller Zeiten gefunden wurde. Ihm war nämlich auf der King’s Road ein schüchterner, aber spöttischer 19jähriger Junge mit grünen Haaren, »I hate Pink Floyd«-Shirt und stechendem Blick aufgefallen – und Rhodes war der Ansicht gewesen, dass dieser Junge aussah wie der Sänger, den die Sex Pistols suchten. Er hieß John Lydon, wurde schon bald Johnny Rotten genannt und seine Entdeckung war die letzte Amtshandlung von Bernie Rhodes, bevor er sich mit Malcolm McLaren zerstritt, ausstieg und die Gründung von The Clash initiierte.

Lydon, groß geworden als Kind irischer Einwanderer in einem kärglichen Sozialbau in Finsbury Park, hatte mit acht Jahren wegen einer Hirnhautentzündung ein halbes Jahr im Koma gelegen, sein Gedächtnis ver­loren und danach alles neu lernen müssen. Spätfolge der Erkrankung war sein charakteristisches Starren, aber auch übermäßige Speichelbildung. Dass sein daraus resultierendes Spucken auf der Bühne bis heute weltweit als Punkgeste kopiert wird, kann als kurioses Missverständnis gelten.

Punk wäre ohne John Lydon gar nicht passiert, er wurde sofort zum Gesicht dieser Kulturrevolution. Ohne ihn wären die Sex Pistols eine passable Small-Faces-Coverband geblieben. Jones, Cook und Matlock waren, entgegen aller Verleumdungen, hervorragende Musiker, doch mehr als eine normale Rockgruppe wollten sie nie sein. Sie schrieben keine Texte, interessierten sich nicht für radikale Gesellschaftskritik und hatten im Grunde nichts zu sagen, zumindest nichts Dringliches. In den knapp 50 Jahren seit dem Ende der Pistols brachte keiner der drei noch etwas Nennenswertes zustande – mittlerweile touren sie mit einem albernen ­Lydon-Imitat namens Frank Carter und sind tatsächlich eine normale Rockgruppe, genauer: eine Sex-Pistols-Coverband. John Lydon hingegen schrieb nach den Pistols mit Public Image Ltd. erneut Musikgeschichte und blieb ­relevant.

»Never trust a hippie« hieß der Slogan, den Malcolm McLaren und Jamie Reid für die Sex Pistols kreierten, aber de facto erzeugten die Pistols mehr Erweckungs­erlebnisse als die gesamte Flower-Power-Ära.

Wahrscheinlich gab es nie eine Band, bei der der Sänger so zentral war wie bei den Sex Pistols. Überhaupt war so etwas wie Johnny Rotten in der Popmusik nicht mal ansatzweise vorgekommen. Er stieß im August 1975 dazu, und obwohl er nie zuvor gesungen hatte, krempelte er die Band, deren Mitglieder er gerade erst kennengelernt hatte und mit denen er sich niemals wirklich verstehen sollte, komplett um. ­Lydon drückte den Pistols augenblicklich seine allumfassende Verweigerungshaltung auf. Den Small-Faces-Text »I want you to know that I love you, baby / Want you to know that I care« änderte er kurzerhand in »I want you to know that I hate you, baby / Want you to know I don’t care« und ätzte ihn voller Verachtung heraus. Doch vor ­allem schrieb er ein Dutzend eigene Songs – destruktive, nihilistische Songs. Sie flogen ihm nur so zu und entstanden binnen weniger Monate, darunter Manifeste wie »Anarchy in the U.K.«.
Lydons Texte, seine Attitüde, sein Aussehen: All das kam nicht von McLaren – aber McLaren erkannte als Erster, was es lostreten würde. In gut einem Jahr würden die Sex Pistols als Staatsfeind Nummer eins gehandelt werden – ein weiteres Jahr später schon nicht mehr existieren. Doch der Frontalangriff, zu dem sie mit Lydon ansetzten, richtete sich nicht nur gegen das Establishment, sondern genauso gegen die Hippies – und letztlich auch gegen die neuartige Jugendbewegung, die die Pistols als Antithese selbst hervorbrachten. McLaren hatte sich Bahnbrechendes erhofft, doch sogar seine wüstesten Vorstellungen wurden nun übertroffen. Für ihn hatte die Sache aber auch einen Haken: Im Gegensatz zu den anderen Bandmitgliedern sah Lydon es kein bisschen ein, in irgendeiner Form nach McLarens Pfeife zu tanzen. Und genau daran zerbrach die Band dann auch.

Bei Konzerten wirkte Lydon wie ein Außerirdischer und sprengte alle Grenzen. Er war wahnsinnig komisch, aber auch bedrohlich, es war ein Spiel. Seine dämonische Bühnenpräsenz zog das Publikum nicht nur in seinen Bann, sondern riss es in einen Abgrund; zumindest ab 1976, als die Pistols zum Geheimtipp wurden.

Sex Pistols verschütten Bier und Konfetti nach einem Fernsehauftritt

Bierkonfetti nach dem Fernsehauftritt. Die Sex Pistols feiern nach einem Interview am 3. Dezember 1976 in London

Bild:
picture-alliance / dpa / UPI

Die 30 bis 40 Leute aber, die am 6. November 1975 Zeugen des ersten Sex-Pistols-Auftritts wurden, waren großteils einfach nur genervt, bestenfalls irritiert. Die Pistols spielten als Vorband von Bazooka Joe in einem kleinen Raum der Saint Martin’s School of Art. Das war Matlocks Kunsthochschule, schräg gegenüber vom Pistols-Proberaum in der Denmark Street. Die Zuschauer wollten jedoch nur Bazooka Joe sehen, eine mediokre Pubrock-­Kapelle – aber immerhin mit dem späteren Adam Ant am Bass. Pubrock, eine rohe, simple Spielart des Rock ’n’ Roll, galt in England gerade als neues Ding, als Alternative zum überladenen Stadionrock.

Das Publikum konnte ja nicht ahnen, dass genau in diesem Moment, als es ­ungeduldig auf Bazooka Joe wartete, Punk geboren und somit Pubrock zu Grabe ­getragen wurde. Denn neben Punk war Pubrock plötzlich ganz langweilig, und alles, was man ihm nach­gesagt hatte, löste in Wirklichkeit erst der Punk ein. Die Sex Pistols spielten bei diesem ersten Gig allerdings höchstens fünf Lieder. Es gab Buhrufe, schließlich wurde ihnen der Stecker gezogen. Dann kam es zu einer Schlägerei, weil sie das Equipment von Bazooka Joe zerstört hatten, und am Ende war der Raum leer. 30 Jahre später wurde an dem Gebäude eine Sex-Pistols-Gedenkplakette angebracht.

Wegen dieses Abends sei er zum Punk geworden 

Adam Ant erzählte später, wegen dieses Abends sei er zum Punk geworden und habe Bazooka Joe verlassen. Fünf Monate danach spielten die Sex Pistols im Vorprogramm einer anderen angestaubten Pubrock-Band, The 101ers. Als deren Sänger Joe Strummer die Pistols erlebte, beschloss er sofort, die 101ers zu verlassen, und schloss sich The Clash an – Rhodes’ Konkurrenzprojekt zu McLaren und den Pistols.

»Never trust a hippie« hieß der Slogan, den McLaren und Jamie Reid für die Sex Pistols kreierten, aber de facto erzeugten die Pistols mehr Erweckungserlebnisse als die gesamte Flower-­Power-Ära. Wo auch immer sie aufkreuzten, veränderten sie ein Leben nach dem anderen. Überall entstanden neue Bands. Im Sommer 1976 spielten sie zwei Mal in der Lesser Free Trade Hall in Manchester; allein bei diesen beiden Konzerten waren spätere Mitglieder von Buzzcocks, Joy Division, The Fall, The Smiths und sogar Simply Red im Publikum. Sie alle nannten später die Sex Pistols als Initialzündung für die Gründung ihrer Band. Sie waren von Johnny Rotten verflucht worden.

Bis zur Auflösung, die mit Lydons Ausstieg im Januar 1978 unumgänglich wurde, gab es 122 Konzerte der Sex Pistols (22 weitere wurden wegen Protesten abgesagt). Doch was die Veröffent­lichung von Musik anging, waren einige ihrer fleißigen britischen Epigonen schneller als die Pistols. Bevor ihr erstes und einziges Album »Never Mind the Bollocks« im Oktober 1977 endlich herauskam, waren bereits Alben von The Damned, The Clash, The Boys und The Vibrators erschienen. The Stranglers hatten schon zwei LPs draußen und das zweite The-Jam-Album folgte ein paar Tage nach dem Pistols-Debüt (wie übrigens auch die dritte Ramones-Platte).

Die Sex Pistols waren keineswegs untätig gewesen, ihnen war nur ein bisschen was dazwischengekommen: ein nationaler Fernsehskandal, der Rauswurf bei zwei Plattenfirmen (das Geld konnten sie behalten), die Entlassung von Matlock (er hatte zu viel über Paul McCartney geredet, so die offizielle Begründung McLarens), der durch den Punk-Posterboy Sid Vicious ersetzt wurde (der, nachdem er seine Freundin Nancy Spungen umgebracht haben soll, in Windeseile an Heroin starb), die Störung des Silberjubiläums der Queen, die meistboykottierte Single der britischen Musikgeschichte, sogar Angriffe von Royalisten mit Messern und Eisenstangen.

All das und noch viel mehr ist hinlänglich dokumentiert. Die Sex Pistols spielten in zwei Jahren einmal alles durch, was gespielt werden konnte. Formvollendeter wäre es kaum gegangen: Diese Band hinterließ ein Album, mit dem alles gesagt war, und verschwand so blitzartig, wie sie aufgetaucht war. Die Pistols hatten den Punk auf die Welt gebracht und direkt danach wieder beerdigt. Auch wenn Jones und Cook natürlich gerne für immer weitergemacht hätten – wie eine ganz normale Rockgruppe halt.