13.11.2025
»Babo« auf Netflix, »Songs for Joy« im Kino

Jenseits von Offenbach

Popkolumne. Neues von Haftbefehl, Jan Becker und Frank Eichhorn.

»In meinem Garten, in meinem Garten, goss ich meinen Rittersporn, jätete Unkraut in meinem Garten, harkte emsig meinen Garten, doch die Blume verwelkte im Zorn« – diese Zeilen stammen nicht aus einem Song auf der gerade frisch erschienenen Benefiz-Kompilation »Emmi Aid«, die sich für den Erhalt des Emmauswalds in Berlin-Neukölln einsetzt, sondern aus dem Lied »In meinem Garten« von Reinhard Mey (1970), das gerade auf Spotify & Co. in Deutschland durch die Decke geht! Der vielleicht bizarrste Song-Hype seit »Fahrradsattel« von Pisse. Erreicht hat das Stück die Nation aber nicht etwa über Tiktok, sondern über die Netflix-Dokumentation »Babo«. Darin geht es um den einflussreichen Offenbacher Rapper Haftbefehl, der in den nuller Jahren unsere Kinder auf dem Schulhof über die Boombox zusammengeschrien hat.

Das Lied »In meinem Garten« von Reinhard Mey (1970), das gerade auf Spotify & Co. in Deutschland durch die Decke geht, ist der vielleicht bizarrste Song-Hype seit »Fahrradsattel« von Pisse.

Bis zu dieser Dokumentation war nahezu unbekannt, dass der als Aykut Anhan geborene HipHop-Künstler all die Jahre seines Ruhms unter schweren Depressionen litt und schon seit seinem 13. Lebensjahr schwer kokainabhängig ist. Was diese tragische und nun voyeuristisch aufbereitete Medienfigur über Migration in Deutschland, über toxische Maskulinität, über fehlende Vaterfiguren und über das Rap-Geschäft, das aus emotionaler Scheiße Gold macht, erzählt, darf jeder zu Hause mit den inzwischen erwachsenen Kindern debattieren. Das kann prima an die verkorkste Debatte übers Stadtbild und die Pleite der Kommunen anknüpfen.

Anschließend sollte man sich den Film »Songs for Joy« von Jan Becker im Kino anschauen. Das Song-Workshop-Projekt, das irgendwas zwischen Grips-Theater und Motown-Hit-Factory darstellt, wurde einst von Jacques Palminger und Carsten »Erobique« Meyer für das Maxim-Gorki-Theater in Berlin entwickelt. Unter fachkundiger Anleitung werden hier aus Amateurideen Hits wie etwa der Song »Wann strahlst Du?«.

Ein Stück, das Reinhard Mey nie geschrieben hat

Der herzerwärmende Film begleitet die Produktion der letzten »Songs for Joy«-Ausgabe auf der Hamburger Veddel, die schließlich in ein Doppelalbum und eine Gala mündete. Wir sind mittendrin, wenn die Song­schreiber:in­nen und Musiker:innen sich austauschen – von den ersten Ideen bis zur großen Gala im Hamburger Schauspielhaus, live und backstage.

Der Song »Mauersegler«, gesungen vom Vogelfreak Frank Eichhorn, gehört zu den schönsten Liedern über das Fliegen über den Wolken – ein Stück, das Mey nie geschrieben hat: »Ein Leben im Flug, die Stadt ist nicht genug!«