Großdebatte über Israel
Im Januar 2021 übernahm der FC St. Pauli wie zahlreiche andere Vereine die Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Die Definition der IHRA stärke das Engagement des Clubs und werde für den zukünftigen Kampf gegen Antisemitismus ein wichtiges Instrument sein, verkündete der Verein damals auf seiner Homepage, und Präsident Oke Göttlich sagte: »Das Problem des Antisemitismus ist in Deutschland auch nach den furchtbaren Schrecken des Zweiten Weltkriegs nie verschwunden. In den letzten Jahren können wir aber eine Radikalisierung der rechten Szene und eine größere Zustimmung zu ihren menschenverachtenden Thesen beobachten.«
Vier Jahre später haben in weiten Teilen der Bundesrepublik andere der extremen Rechten in Sachen Antisemitismus deutlich den Rang abgelaufen. Islamisten, säkulare Muslime und Linke seien es, »die uns das Leben zur Hölle machen«, sagte im vergangenen Jahr Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, im Interview mit der Welt. Boykotte israelischer Künstler, Sportler und Wissenschaftler sind mittlerweile an der Tagesordnung und werden von Leuten durchgesetzt, die sich für links halten.
Im Gegensatz zur Antisemitismus-Definition der IHRA, die fast alle demokratischen Staaten übernommen haben, will die Jerusalemer Erklärung dem israelbezogenen Antisemitismus einen Freibrief ausstellen.
Die BDS-Kampagne, die Israel durch Ächtung, Sanktionen und Wirtschaftsblockaden vom Rest der Welt isolieren will und die der Bundestag schon 2019 als antisemitisch verurteilte, hat sich im Kultur- und Wissenschaftsbereich auf breiter Front durchgesetzt. Geholfen hat der Kampagne sicherlich die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA): »Boykott, Desinvestition und Sanktionen sind gängige, gewaltfreie Formen des politischen Protests gegen Staaten. Im Falle Israels sind sie nicht per se antisemitisch.« Die JDA wurde im März 2021 publiziert; das Ziel der beteiligten Autoren und Akademiker war es, langfristig die Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA von 2016 zu ersetzen.
Die Jerusalemer Erklärung, heißt es in einem Antrag an die am Samstag stattfindende Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli, sei von »über 200 internationalen Expert:innen für Antisemitismus, Holocaust- und Nahost-Forschung erarbeitet« worden, biete »eine klarere Abgrenzung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an Israel« als die IHRA-Definition, fördere »einen offenen, pluralistischen Diskurs innerhalb des Vereins« und finde »zunehmend Anerkennung in Wissenschaft, Zivilgesellschaft und progressiven Organisationen weltweit«.
Ein Blick auf die Experten der Jerusalemer Erklärung zeigt, dass deren größte Expertise glühende Israel-Kritik ist: Emily Dische-Becker und Stefanie Schüler-Springorum haben die Abfassung dieser Erklärung koordiniert. Dische-Becker hat einem Bericht der FAZ zufolge einst für die antiisraelische libanesische Zeitung al-Akhbar gearbeitet, die als der Hizbollah nahestehend gilt. Schüler-Springorum gehörte zu den Initiatoren der »Initiative GG 5.3 Weltoffenheit«, die 2020 vor einer »missbräuchlichen Verwendung des Antisemitismusvorwurfs« gewarnt hatte; dieser werde durch den Beschluss des Bundestags gefördert, die Boykottbewegung BDS als antisemitisch zu verurteilen. Der Beschluss hatte dazu aufgerufen, keine Organisationen finanziell zu fördern, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen.
Die Shoah relativieren
Zu den ersten Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung gehörten die Schriftstellerin Eva Menasse, die den BDS-Beschluss des Bundestags kritisiert hatte, der Historiker Per Leo, der mittlerweile als Herausgeber der obskuren vom Berliner Verlag herausgegebenen Zeitschrift Weltbühne fungiert, und A. Dirk Moses, der die Erinnerung an den Holocaust für den »Katechismus« der Bundesrepublik hält, den es aufzugeben gelte, denn: »Deutsche Eliten instrumentalisieren den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden.«
Damit meint Moses unter anderem die Genozide Deutschlands an den Herero und Nama als Reaktion auf deren Aufstand in Namibia 1904. Im Ergebnis laufen die Argumentationen von Moses und anderen postkolonialen Historikern darauf hinaus, die Shoah zu relativieren, indem ihre Besonderheiten geleugnet werden. »Der Feind im Nationalsozialismus ist primär das jüdische Leben, alles jüdische Leben, die Idee des Jüdischen selbst«, schreibt Steffen Klävers in seinem Buch »Decolonizing Auschwitz?«, sollte vernichtet, also zu nichts gemacht werden – ohne Ausnahme. »Doch es gab keine konkrete Bedrohung, die vom Judentum ausging: keinen territorialen Konflikt, keine Aufstände, keine jüdische Gewalt irgendeiner Art. Und mit keiner anderen Gruppe wurde eine spirituelle Erlösung des eigenen ›Volkes‹ assoziiert.«
Die Behauptung, die Jerusalemer Erklärung biete eine klarere Abgrenzung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an Israel als die IHRA-Definition, ist falsch. Israel kann gemäß der IHRA-Definition wie jeder andere Staat auf der Welt kritisiert werden. Antisemitisch ist demnach allerdings »die Anwendung von zweierlei Maß, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird«. Auch »das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung« und die Behauptung, »die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen«, werden als antisemitisch benannt.
Gespielte Naivität der Autoren der Jerusalemer Erklärung
Anders sieht das die Jerusalemer Erklärung, der das Anliegen, Israel zu vernichten, nicht unbedingt als antisemitisch gilt: »Es ist nicht per se antisemitisch, Regelungen zu unterstützen, die allen Bewohner:innen ›zwischen dem Fluss und dem Meer‹ volle Gleichberechtigung zugestehen, ob in zwei Staaten, einem binationalen Staat, einem einheitlichen demokratischen Staat, einem föderalen Staat oder in welcher Form auch immer.« Realistisch ist wohl weniger ein demokratischer Staat als ein »in welcher Form auch immer«.
Nach Angaben der Anti-Defamation League glauben 97 Prozent der erwachsenen Palästinenser, die in der Westbank und Gaza leben, an antisemitische Klischees. Würden sie zusammen mit den israelischen Juden in einem Land leben, bliebe denen letztlich nur die Flucht, denn selbst die Unterordnung in einem islamischen Palästina dürfte sie nicht vor Pogromen riesigen Ausmaßes schützen.
Die gespielte Naivität der Autoren der Jerusalemer Erklärung ist gefährlich, die Erklärung selbst ist in erster Linie ein Instrument im Kampf gegen den jüdischen Staat. Im Gegensatz zur IHRA-Definition, die fast alle demokratischen Staaten übernommen haben, will die Jerusalemer Erklärung dem israelbezogenen Antisemitismus einen Freibrief ausstellen.
Aus denselben Gründen, aus denen man am Millerntor von Celtic abrückt, müsste man aber auch auf Abstand gehen zu den meisten internationalen Fanclubs des FC St. Pauli – und sich vom Kapitän der eigenen Profimannschaft, Jackson Irvine, trennen.
Die Jungle World hätte gerne gewusst, wie der Vorstand des FC St. Pauli auf den Antrag reagieren will – ob er die IHRA-Definition weiterhin unterstützt oder einen Formelkompromiss erwägt – und wie er die Stimmung im Verein nach dem 7. Oktober 2023 einschätzt. Denn nach dem Massaker der Hamas erfuhr der Antisemitismus einen regelrechten Hype in der nach sogenannter Dekolonisierung dürstenden Linken. »Die Mitgliederversammlung ist das höchste Gremium des FC St. Pauli; dort wird über die Anträge diskutiert und demokratisch entschieden«, hieß es recht knapp und nichtssagend auf Anfrage.
Das Thema ist brenzlig für den Verein, dessen internationale Fanclubs antiisraelisch gesinnt sind. Die Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und Celtic Glasgow beispielsweise ist erheblich abgekühlt in den vergangenen Jahren, der Antisemitismus der Celtic-Ultras ist einfach zu dreist, unverschämt und abstoßend.
Ignorieren lässt sich das nicht mehr, schließlich führt die radikale Anhängerschaft des Vereins ihren Judenhass auch bei internationalen Spielen auf und verhöhnt dabei insbesondere bei Auftritten in Deutschland auch das Gedenken an von der Hamas ermordete israelische Fußballfans. Aus denselben Gründen, aus denen man am Millerntor von Celtic abrückt, müsste man aber auch auf Abstand gehen zu den meisten internationalen Fanclubs des FC St. Pauli – und sich vom Kapitän der eigenen Profimannschaft, Jackson Irvine, trennen, seines Zeichens Israelhasser durch und durch. Das aber würde mehr als Gratismut erfordern und nicht zuletzt Werbe- und Merchandise-Einnahmen kosten.