Amoklauf im Vorgarten
»Small Deaths«, so der Titel von Lynne Ramsays 1996 an der Filmhochschule in London entstandenem Debütfilm, schildert drei Momentaufnahmen im Leben eines Mädchens, das einen Verrat an der Unschuld erfährt. Die »kleinen Tode« vollziehen sich dabei im Innern, unbemerkt von der Außenwelt, doch der Verlust ist nicht wiedergutzumachen. Im Grunde handeln bis heute alle Filme der schottischen Regisseurin auf die eine oder andere Weise von Erschütterungen, die oft Gewalt und auch große, das heißt echte Tode nach sich ziehen, zum Beispiel Suizid, Unfalltod, Amoklauf oder beauftragter Mord.
Im Kino der Lynne Ramsay ist das Posttraumatische ein anhaltender Zustand, Heilung gibt es, wenn überhaupt nur durch Entfesselung und Exzess. Das ist wie schon in »Ratcatcher« (1999), »Morvern Callar« (2002), »We Need to Talk About Kevin« (2011) und »You Were Never Really Here« (2017) in Ramsays neuem Spielfilm auch nicht anders. Schon im sarkastischen Titel wird dem Ehemann der Tod herbeigewünscht: »Die My Love«.
Im Kino der Lynne Ramsay ist das Posttraumatische ein anhaltender Zustand, Heilung gibt es, wenn überhaupt, nur durch Entfesselung und Exzess.
Dabei ist im ersten Bild noch alles im Lot und die statische Kamera wartet geduldig im Innern eines abgeschrabbelten Hauses auf den Auftritt der beiden Hauptfiguren, die Schriftstellerin Grace (Jennifer Lawrence) und ihren Ehemann, den Musiker Jackson (Robert Pattinson). Das New Yorker Künstlerpaar hat sich entschlossen, im Haus von Jacksons verstorbenem Onkel in Montana einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.
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