»Es ist eine desolate Entwicklung«
Ajschat Bajmuradowa hatte versucht, sich in Armenien eine neue Existenz aufzubauen, fern von ihrer gewalttätigen Familie in Tschetschenien. In Eriwan hatte sich die 23jährige mit einer Online-Bekanntschaft verabredet, die Follower mit engen Verbindungen zum tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow hat. Mitte Oktober wurde ihre Leiche in einer Wohnung gefunden. Was wissen Sie über die Hintergründe?
Vergangenes Jahr hatte Bajmuradowa bei Menschenrechtsorganisationen nach Hilfe angefragt. Sie wollte wegen häuslicher Gewalt, Misshandlung und erheblicher persönlicher Einschränkungen die Flucht ergreifen. Sie durfte nicht einmal allein das Haus verlassen. Uns war bekannt, dass sie entfernt mit Kadyrow verwandt ist. Deshalb gingen wir von Komplikationen aus und haben sie sofort außer Landes gebracht.
Warum ist es gefährlich für Frauen aus Tschetschenien, in andere Teile Russlands zu fliehen?
In Bezug auf den Nordkaukasus und insbesondere Tschetschenien erleben wir seitens europäischer Behörden großes Unverständnis. Es wird gefragt, weshalb eine junge Frau nicht einfach nach Moskau oder Sankt Petersburg umzieht, um dort ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Leider besteht diese Option aber nur selten. In den meisten Fällen geben Angehörige Vermisstenanzeigen auf, stellen Anzeige wegen angeblichen Diebstahls oder holen die Frauen mit Gewalt zurück. Die Polizei greift dann nicht ein. Wie im Fall Seda Sulejmanowa: 2023 wurde sie aus Sankt Petersburg nach Tschetschenien entführt, wo ihre Angehörigen sie ermordet haben, weil sie mit einem russischen Mann zusammen war.
Wollte Seda Sulejmanowa Russland nicht verlassen?
Wir haben ihr angeboten, in ein Land so weit weg wie möglich auszureisen, denn nach unserer Einschätzung war ein Verbleib mit hohen Risiken verbunden. Aber sie führte zu dem Zeitpunkt bereits eine Beziehung, hatte einen Freundeskreis und Arbeit. Sie hing an ihrem neuen Leben in Sankt Petersburg.
»Europäische Behörden fragen mit Unverständnis, weshalb eine tschetschenische Frau nicht einfach umzieht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Leider besteht diese Option aber nur selten.«
Welche Schutzvorkehrungen ergreift Ihre Hilfsorganisation NC SOS am neuen Aufenthaltsort?
In der Regel leben die Betroffenen einen Monat lang in einer von uns gestellten Wohnung. Außerdem kommen wir für Lebensmittel, Gesundheitsversorgung, psychologische und juristische Begleitung auf. In der Zeit prüfen wir, ob sie weiterhin von ihren Verwandten verfolgt oder polizeilich gesucht werden. Die tschetschenische Community unterhält zahlreiche Chats, in denen Fälle von Vermissten diskutiert werden. Falls eine gewaltsame Rückholung oder ein Mordversuch drohen könnten, kümmern wir uns um Optionen, die mehr Sicherheit bieten. Aber wir konnten uns schnell davon überzeugen, dass Bajmuradowas Angehörige sich mit ihrer Flucht abgefunden zu haben schienen.
Ist das nicht ungewöhnlich? Haben Sie eine Erklärung dafür?
Der Grund dafür könnte sein, dass sie ihr Kind bei der Familie zurückgelassen hat. Nimmt eine Mutter ihr Kind mit, wird sie höchstwahrscheinlich verfolgt. Wir stellen uns nicht dagegen, wenn eine Mutter das möchte, und unterstützen sie auch mit Kindern. Aber Bajmuradowa hatte sich anders entschieden, auch weil sie sich keinem zusätzlichen Risiko aussetzen wollte.
Halten Sie es für besser, die Betroffenen dort unterzubringen, wo es grundsätzlich möglich ist, sich auf Russisch zu verständigen?
Wenn es die individuelle Sicherheit zulässt, dann können Betroffene gut in Ländern wie Armenien oder Georgien bleiben und müssen nicht in eines der westlichen Länder fliehen. Das ist in Hinblick auf Sprache, Kultur und Mentalität einfacher. Es lassen sich leichter Bekanntschaften knüpfen, dazu schafft die große Anzahl an Expats aus Russland günstigere Voraussetzungen für eine schnelle Eingewöhnung und die Arbeitssuche. In europäischen Ländern gestaltet sich all das komplizierter. Allein das Warten auf eine Arbeitsgenehmigung kann sich lange hinziehen.
Für Bajmuradowa haben Sie nicht nach anderen Lösungen gesucht?
Für Bajmuradowa gab es schlichtweg keine anderen Varianten. Sie besaß nur einen Personalausweis, keinen Reisepass. Ihr standen zwei Optionen zur Auswahl: Entweder sie versucht, an einen Pass zu gelangen, ein Schengen-Visum zu beantragen und dann einen Asylantrag zu stellen. Oder wir hätten uns bei Botschaften unterschiedlicher Länder für sie eingesetzt. Aber sie hatte keine Aussicht auf ein humanitäres Visum, da sie wegen des als zu gering erachteten Risikos die Voraussetzungen nicht erfüllt.
Was braucht es denn dafür?
Es hätte ernstzunehmende Versuche der Angehörigen oder der staatlichen Organe geben müssen, die betreffende Person ausfindig zu machen. Das kann eine Fahndung oder eine Vermisstenmeldung sein, die systematisch aufgegeben, wieder gelöscht und wieder aufgegeben wird. Das kann auch ein fabriziertes Strafverfahren sein, in dessen Rahmen die Auslieferung nach Russland beantragt wird, oder ein Entführungsversuch; davon hatten wir bereits mehrere. Vor allem aus Tschetschenien wird so agiert, auf andere Regionen Russlands trifft das eher nicht zu.
Was war das Besondere an der Situation von Bajmuradowa? Könnte ihre Nähe zu Kadyrow eine Rolle gespielt haben?
Kann sein, kann auch nicht sein. Darüber wird viel spekuliert, einige Menschenrechtsorganisationen sprechen von Ehrenmord. Wir als Organisation halten solche Ansagen derzeit für unbegründet. Egal wie brutal sich Bajmuradowas Familie gegen sie verhalten hat, eine Mordanschuldigung ohne Beweise geht zu weit. Eine Besonderheit gibt es allerdings: Sie hat sich in sozialen Medien offen politisch geäußert. Ihr Instagram-Profil war für alle einsehbar, sie hat sehr deutlich ihre Ansichten geteilt, kommentiert, sich mit Nutzern auseinandergesetzt. Bajmuradowa hat nicht einmal ihren Aufenthaltsort geheim gehalten. Wir haben sie eindringlich gebeten, das zu lassen, weil diese Offenheit ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen kann.
Sind tschetschenische Frauen, die vor Gewalt in der Familie geflüchtet sind, faktisch dazu verurteilt, sich still zu verhalten?
Die überwiegende Mehrheit unserer Schützlinge wollte nie öffentlich präsent sein. Wir helfen Menschen, die einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sind. Der unmittelbaren Gefahr entronnen, erfreuen sich viele einfach nur daran, noch am Leben zu sein, auf ihre Art leben zu können, treffen zu können, wen sie wollen. Für Bajmuradowa hingegen war es wichtig, ihre Meinung zu äußern. Sie bestand immer darauf, nicht stillhalten zu können. Aber für eine geflüchtete Tschetschenin ist es leider viel zu gefährlich, sich öffentlich zu engagieren.
Gehen Sie davon aus, dass das der Auslöser für den Mord an ihr war?
Wir tendieren zu dieser Version. Aber wir wissen nicht, wer dahintersteckt, ob tschetschenische Polizisten oder Leute aus dem Umfeld des Machtapparats. Oder auch religiöse Fanatiker, jemand, den sie mit ihren Kommentaren aus der Fassung gebracht hat. Oder es waren doch die Angehörigen, obwohl uns das am wenigsten wahrscheinlich vorkommt.
Jedenfalls gibt es nach wie vor die Möglichkeit, betroffene Frauen oder LGBT, die in Tschetschenien grundsätzlich von Gewalt bedroht sind, an einen sichereren Ort zu bringen?
Ja, aber es werden immer weniger, gerade in europäischen Ländern. Dort ist es inzwischen schwer geworden, einen Aufenthalt zu ermöglichen. Es ist eine desolate Entwicklung. Länder wie Armenien, Georgien und noch einige weitere bleiben weiterhin offen.
Mittlerweile hat auch die deutsche Regierung die Vergabe von humanitären Visa praktisch eingestellt.
Das deutsche Aufnahmeprogramm richtete sich hauptsächlich an politisch aktive, öffentlich präsente Personen. Schon vor der Einstellung war es für Geflüchtete aus dem Nordkaukasus schwierig, darüber ein Visum zu bekommen, obwohl jede LGBT-Person aus Tschetschenien den gleichen Risiken ausgesetzt ist wie Aktivisten aus anderen Regionen Russlands, oder sogar noch höheren.
Dazu kommt, dass es in Deutschland und anderen EU-Ländern eine große tschetschenische Community gibt, in der manche mit Kadyrow sympathisieren.
Genau deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Europa keine magische Insel der Stabilität und Sicherheit darstellt. Viele der von uns begleiteten Geflüchteten leben in der Illusion, dass Europa ihnen hundertprozentige Sicherheit garantiert. Auch Bajmuradowa zog es nach dorthin, weil sie glaubte, dort ungestört frei heraus sprechen zu können. Das ist gefährlich und führt zu Unachtsamkeit. Wenn Bajmuradowa nicht dieses ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl und den Wunsch gehabt hätte, für ihre Werte zu kämpfen, hätte sie alle Chancen gehabt auf ein ruhiges Leben in Armenien.
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Aleksandra Miroschnikowa ist Pressesprecherin der North Caucasus SOS Crisis Group (NC SOS). Die NGO unterstützt und evakuiert seit 2017 LGBT aus der dem Nordkaukasus, vor allem aus den russischen Republiken Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan, und versucht, sie vor Verhaftungen, Folter, und Gefängnisaufenthalten zu bewahren. Die Gruppe unterstützt auch heterosexuelle Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen und einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, wie es bei einer möglichen Verfolgung durch den tschetschenischen Sicherheitsapparat besteht.