20.11.2025
Thomas Dudzak, BAG Shalom, im Gespräch über die Stimmung in der Linkspartei

»Man muss Grenzen setzen«

Nachdem der Jugendverband Solid in einem Beschluss über den »kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts« die Zerstörung Israels gefordert hatte, formiert sich in der Linkspartei Widerstand. Die sich im Aufbau befindende Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Shalom setzt sich gegen Antisemitismus ein. Die »Jungle World« sprach mit Thomas Dudzak, dem Sprecher der BAG Shalom, über die Kräfteverhältnisse in der Linkspartei.

Wie schätzen Sie die Stimmung in der Linkspartei grundsätzlich ein, kann man von einer drohenden Spaltung sprechen?
Am Nahost-Konflikt entlang wird gerade fast alles in der Partei verhandelt. Die Leute arbeiten sich zum Teil sehr uninformiert daran ab und das ist ein Problem. Wir sind nicht die BAG Nahost oder BAG Israelsolidarität, sondern wir setzen uns explizit für den Schutz von Juden ein. Natürlich gehört für uns Arbeit zum israelbezogenen Antisemitismus dazu. Es gibt in der Linkspartei Hardcore-Leute, die antisemitische Propaganda betreiben, aber eben auch viele, die das Gefühl haben, sich für das Gute einzusetzen, aber ohne wirkliches historisches Wissen und mit einfachsten Erklärungsansätzen. Zum Thema Hamas hört man von denen oft nichts, die wird immer ausgeblendet.

Wie viele in der Partei positionieren sich gegen diese Tendenzen?
Das kann ich derzeit nicht so genau beantworten. Langjährig Aktive blicken zum Teil sehr erschrocken auf die Entwicklungen und grenzen sich ab. Aber auch bei den Jüngeren und Neumitgliedern gibt es viele, die mit dem antiisraelischen bis antisemitischen Kurs gar nichts anfangen können. Sachsen und Thüringen sind gute Beispiele, deren Linksjugend-Verbände haben sich beim Bundeskongress ja entsprechend positioniert. Dafür wurden sie angegriffen.

»Was dieses Land auf keinen Fall braucht, ist eine antisemitische Linke.«

17 Bundestagsabgeordnete haben in einem Brief an den Parteivorstand die antiisraelischen Beschlüsse beim Jugendverband scharf kritisiert und gewarnt, in der Partei sei »etwas ins Rutschen gekommen«. Welche Folgen könnte das haben?
Wenn diese Urgesteine der Partei öffentlich erklären, dass es so nicht geht, hat das natürlich schon eine Wirkung. Die »Mission Silberlocke« von Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow ist uns noch gut in Erinnerung, es hat Gewicht in der Partei, was diese Leute sagen.

Der Parteivorstand hat auch eine kritische Stellungnahme zu den Ergebnissen des Linksjugend-Kongresses veröffentlicht. Reicht das?
Es ist immerhin schon eine Verbesserung, dass sie nicht mehr sagen: »Bei uns gibt es keine Antisemiten.« Insgesamt finden wir, dass sie zu wenig gesagt haben angesichts dessen, was auf dem Kongress passiert ist. Wir hätten uns da eine deutlichere Positionierung des Gesamtvorstands gewünscht. Aber jeder Schritt dahin, klare Grenzen aufzuzeigen, ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Man hat über Monate diskursive Räume geschaffen, in denen bei einigen die Unterschiede zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus nicht mehr zu erkennen sind. Diese Geister, die man gerufen hat, wird man so schnell nicht los.
Man muss Grenzen setzen, um zu verhindern, dass die Partei radikalen antijüdischen Kräften Auftrieb gibt. Was dieses Land auf keinen Fall braucht, ist eine antisemitische Linke. Eine linke Partei muss immer zu Universalismus und Humanismus stehen, Juden dürfen nicht ausgegrenzt werden. Das heißt übrigens überhaupt nicht, dass man die Kriegsführung der israelischen Regierung oder Benjamin Netanyahu nicht kritisieren dürfte.

Was passiert, wenn aber der Antizionismus in der Partei immer weiter erstarkt?
Dann könnten Mitglieder tatsächlich die Geduld verlieren. Der Punkt wird irgendwann kommen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Partei auf einen Kurs zu bringen, bei dem wieder die Vernunft regiert.