BBC in der Bredouille
Die British Broadcasting Cooperation (BBC) sieht sich Vorwürfen der unsauberen Berichterstattung und der Verletzung ihres politischen Neutralitätsgebots ausgesetzt. Unter anderem geht es um eine Reportage über den von Unterstützern Donald Trumps unternommenen Angriff auf das Kapitol im Washington, D.C., am 6. Januar 2021.
In der Reportage »Trumps zweite Chance«, die kurz vor der US-Präsidentschaftswahl im November 2024 in der Reihe »Panorama« ausgestrahlt wurde, waren zwei Teile der Rede von Donald Trump bei der dem Sturm vorausgehenden Demonstration zusammengeschnitten worden. Im ersten Teil hatte Trump seine Anhänger dazu aufgerufen, zum Kapitol zu gehen, und gesagt, dass er selbst mitgehen werde.
Im Zuge der allgegenwärtigen Kulturkämpfe nehmen viele Rechte die BBC als schwer linkslastig wahr, sie muss sich permanent Kritik gefallen lassen.
Der folgende Satz, in dem Trump sagte, dass man dort den tapferen Abgeordneten zujubeln wolle, wurde herausgeschnitten. Im zweiten, 50 Minuten später geäußerten Zitat aus der Rede, das in der Reportage direkt auf das erste folgt, spricht Trump davon, dass man kämpfen werde. Der Kontext war hier indes, dass er die Wahlergebnisse vom November 2020 juristisch anfechten wolle.
Durch den Zusammenschnitt konnte der Eindruck entstehen, Trump habe ziemlich explizit zum Sturm auf das Kapitol aufgerufen; ein Vorwurf, der seit Januar 2021 auch in den USA immer wieder erhoben worden ist und den Trump vehement zurückweist. Wie dem auch sei, die Montage der Rede in der Reportage ist journalistisch unsauber.
Quelle dieser und anderer Vorwürfe gegen die BBC ist ein Bericht des unabhängigen Medienberaters Michael Prescott. Er hatte für den Aufsichtsrat der BBC mehrere Sendungen auf das Einhalten journalistischer Standards und politische Voreingenommenheit untersucht. Außer Unausgewogenheit bei Transgender-Themen, die stets nur positiv behandelt würden, bemängelte Prescott, dass in der Berichterstattung von BBC Arabic, einem arabischsprachigen Programm der BBC, über den Gaza-Konflikt wiederholt Kommentatoren ein Forum gegeben wurde, die Hamas-freundliche und auch antisemitische Positionen vertraten.
Es sollten »Köpfe rollen«
Prescotts Fragen gingen zunächst an die verantwortlichen Redakteure. Dort gab es teilweise, unter anderem im Falle von BBC Arabic, Entschuldigungen, doch nicht in jedem Fall. Die verantwortlichen Chefredakteure des »Panorama«-Berichts zum Beispiel wiesen die Vorwürfe unsauberer journalistischer Arbeit zurück. Derlei, so berichtete Prescott dem Aufsichtsrat der BBC, unterminiere seiner Meinung nach das Vertrauen der Zuschauer in die Sendeanstalt. Der dem Aufsichtsrat vorgelegte Bericht wurde dann der Tageszeitung Daily Telegraph zugespielt, die ihn am 3. November in Teilen veröffentlichte. Zuvor hatte er bereits innerhalb des Aufsichtsrats für heftige Diskussionen gesorgt.
Infolge der Veröffentlichungen im Daily Telegraph wurden bald Rücktrittsforderungen erhoben, vor allem aus den Reihen der Opposition. Kemi Badenoch, die Vorsitzende der konservativen Tories, verlangte, dass »Köpfe rollen sollten«. Nur so sei das Vertrauen in die BBC wiederherzustellen. Sie musste nicht lange warten. Bereits am 9. November traten gleich zwei hochrangige Funktionäre der BBC zurück: der Generaldirektor der BBC, Tim Davie, und die Leiterin der Nachrichtenabteilung, Deborah Turness.
Dabei kam vor allem Davies Rücktritt überraschend. Es wurde unter anderem spekuliert, dass Davie ein sehr schlechtes Verhältnis mit Lisa Nandy, der britischen Ministerin für Kultur und Medien, habe. Nandy hatte Davie in den vergangenen Monaten mehrere Male heftig kritisiert.
Dabei ging es unter anderem um eine von der BBC in Auftrag gegebene Dokumentation über den Alltag Jugendlicher und junger Erwachsener in Gaza während des Kriegs. Die Dokumentation war aus der Perspektive eines 13jährigen Jungen erzählt worden. Wie der Investigativjournalist David Collier enthüllte, handelte es sich bei dem Jungen um den Sohn des stellvertretenden Landwirtschaftsministers der Hamas-Regierung – was in der Dokumentation aber nicht erwähnt wurde. Nandy hatte der BBC deshalb schwere Vorwürfe gemacht und auch die Einsetzung einer Untersuchungskommission erwirkt.
Neues politisches Kalkül
Diesmal blieb Nandy indes eher zurückhaltend. Die BBC müsse journalistische Standards einhalten, sagte die Ministerin noch vor den Rücktritten von Davie und Turness, ohne erneut den rigiden Ton ihrer Kritik im Sommer anzuschlagen. Dahinter mag nicht zuletzt ein neues politisches Kalkül liegen.
Jenseits der von Prescott aufgeworfenen Frage, ob und, wenn ja, wie eng handwerkliche Fehler mit politischer Voreingenommenheit zusammenhängen, ist die BBC seit Jahren einer Kampagne ausgesetzt, die darauf zielt, das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens zu unterminieren und letztlich abzuschaffen.
Unter Konservativen ist die Ansicht verbreitet, dass die BBC sich wie andere Sender auch auf dem Markt behaupten solle; die Rundfunkgebühren sollten nicht mehr verpflichtend von allen Haushalten erhoben werden, unabhängig davon, ob diese die Angebote der BBC nutzt oder nicht. Das ist auch im Interesse einiger der großen Medienkonzerne, die am britischen Markt wirken. Labour lehnt dies kategorisch ab.
Im Zuge der allgegenwärtigen Kulturkämpfe nehmen viele Rechte die BBC als schwer linkslastig wahr, sie muss sich permanent Kritik gefallen lassen. In diesem Zusammenhang wurde in den vergangenen zwei Wochen immer wieder auf Sir Robbie Gibb verwiesen. Der ist Mitglied im Aufsichtsrat der BBC und war früher langjähriger Mitarbeiter der Rundfunkanstalt und von 2017 bis 2019 verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der konservativen Premierministerin Theresa May.
Trump drohte jüngst der BBC mit einer Schadensersatzklage.
Unter anderem die Liberaldemokraten werfen ihm vor, die BBC von innen zerstören zu wollen; er habe die Vorwürfe der institutionellen Voreingenommenheit geschürt. Nandy sagte zuletzt, auch sie sei über politische Einflussnahme im Aufsichtsrat der BBC besorgt. Premierminister Keir Starmer von der sozialdemokratischen Labour Party hatte sich bereits zuvor in seiner Stellungnahme zu dem Skandal demonstrativ für eine »starke und unabhängige BBC« ausgesprochen, die allerdings »ihr Haus in Ordnung halten« müsse.
In diesem Zusammenhang ist auch relevant, dass Trump jüngst der BBC mit einer Schadensersatzklage gedroht hat. Er sehe sich gezwungen, bis zu fünf Milliarden US-Dollar zu erstreiten, ließ er am Freitag voriger Woche wissen. Die BBC habe zugegeben, dass der »Panorama«-Bericht über ihn manipuliert gewesen sei, und eine Entschuldigung reiche nicht aus. Die Erfolgsaussichten einer solchen Klage sind äußerst unsicher. Doch bei Trump, der regelmäßig Medienunternehmen verklagt, geht es vor allem um die politische Geste und die Einschüchterung. Seine Attacke auf die BBC könnte indes gerade auch bei gemäßigt-konservativen und liberalen Briten eher Solidarisierung auslösen. Das würde auch erklären, warum sich die BBC zumindest derzeit der Unterstützung der britischen Regierung ziemlich sicher sein kann.