20.11.2025
Nachfahren von exilierten Franco-Gegnern beantragen die spanische Staatsbürgerschaft

Vom Exil bis zum Mond

Fast eine halbe Million Spanier:innen floh nach dem Fall Kataloniens im Winter 1938/1939 im Bürgerkrieg gegen die Faschisten nach Frankreich. Weitere bedeutende Exilländer waren Mexiko, die USA, Chile und Argentinien. Erst 2007 begann die spanische Regierung damit, den Exilierten und ihren Nachfahren rechtliche Möglichkeiten zu schaffen, die spanische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Granada. Ohne einen exilierten, wagemutigen Forscher und Republikaner aus Andalusien wäre die erste Mondlandung nicht möglich gewesen. Es war der Stratosphärenforscher Emilio Herrera Linares aus Granada, der der Nasa federführend bei der Entwicklung des Astronautenanzugs half, nachdem die US-Amerikaner ihn in seinem mexikanischen Exil kontaktiert hatten.

Herrera wollte 1936 mit einem Ballon auf 20.000 Meter aufsteigen, wofür er den Anzug erstmals konzipierte. Der Krieg kam dazwischen und der Luftfahrtpionier, der 1914 als Erster die Straße von Gibraltar überflogen hatte, schwor als technischer Leiter der Republikanischen Luftstreitkräfte der Freiheit die Treue und nicht dem Faschismus. Nach der Niederlage der Republik im Bürgerkrieg gelang ihm 1939 die Flucht – zunächst nach Frankreich.

Raumanzug Escafandra estratonáutica

Der von Emilio Herrera Linares (2.v.l.) erschaffene Raumanzug Escafandra estratonáutica; ein Vorreiter des heutigen Raumanzuges, etwa 1935

Bild:
gemeinfrei

»Wer konnte, der floh nach Amerika. In erster Linie nach Mexiko, das der Republik auch ansehnliche Mengen an Munition geschickt hatte und wo später der Sitz der Exilregierung war. Auch nach Chile, wo sich der spätere Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzte, und nach Argentinien und Uruguay. Und nicht zuletzt in die USA, wo es eine große Exilgemeinschaft an Republikaner:innen gab«, erzählt Emilio Silva Barrera im Gespräch mit der Jungle World. Der Enkel eines republikanischen Kämpfers hat im Jahr 2000 mit anderen die Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH) gegründet, die sich für die Ausgrabung von anonymen Massengräbern aus der Franco-Zeit einsetzt.

Über eine halbe Million Menschen flohen über vereiste Straßen und gebirgige Pyrenäenrouten ins Nachbarland Frankreich.

Frankreich war das wichtigste Zielland für aus Spanien Flüchtende. Hier ließ sich eine Vielzahl von Intellektuellen, Politiker:innen, Schriftsteller:innen und Künstler:innen nieder. Der Exodus begann bereits mit Beginn des Bürgerkriegs 1936 und erreichte seinen Höhepunkt, als Barcelona, die letzte Hochburg der Republik, im Februar 1939 an die Faschisten fiel.

Über eine halbe Million Menschen flohen über vereiste Straßen und gebirgige Pyrenäenrouten ins Nachbarland, das sie nicht mit offenen Armen empfing, sondern in Internierungslagern unweit der Grenze zu Hunderttausenden unter widrigsten Bedingungen festsetzte. Hunger, Kälte und Krankheiten sorgten dafür, dass viele von ihnen starben.

Mit der Kapitulation Frankreichs nach dem Angriffskrieg Nazi-Deutschlands im Juni 1940 jagte die Gestapo in Francos Auftrag jene im Land, die auf der Schwarzen Liste des Diktators standen. Die Gefassten überstellte man zur Hinrichtung nach Spanien, zum Beispiel Kataloniens Ministerpräsidenten Lluís Companys i Jover. Viele, die den Häschern zunächst entkamen, schlossen sich der Résistance an.

In den Konzentrationslagern der Deutschen interniert

Über 7.000 spanische Résistance-Kämpf­er:in­nen wurden in den Konzentrationslagern der Deutschen, in Mauthausen und Gusen interniert; knapp die Hälfte der Häftlinge wurde ermordet. Bezeichnend für den antifaschistischen Kampf der Republikaner:innen ist, dass die spanische Freiwilligenkompanie »La Nueve«, eingegliedert in die Division Leclerc der Streitkräfte des Freien Frankreich, an vorderster Front Paris von den Deutschen befreite.

Bis heute leben viele Nachkommen von Republikaner:innen, darunter viele Anarchist:innen und Kommunist:in­nen, in Frankreich. Erst 2007 wurde Exilierten und deren Kindern unter dem damaligen spanischen Ministerpräsidenten José Luís Rodríguez Zapatero (PSOE) im Zuge des ersten »Gesetzes der Historischen Erinnerung« das Recht auf die spanische Staatsbürgerschaft gewährt. Über 220 000 Menschen nahmen dieses Recht in Anspruch.

Jenes Gesetz wurde 2022 mit dem »Gesetz zur Demokratischen Erinnerung« unter anderem auf die Enkelkinder ausgeweitet; bis Fristende Ende Oktober 2025 reichten über 870.000 Menschen Anträge ein, knapp 237.000 davon wurde stattgegeben. Über 40 Prozent der Anträge wurden aus Argentinien und Kuba gestellt. Mitte 2025 kündigte Premierminister Pedro Sánchez (PSOE) an, auch den Nachkommen der Kämpfer:innen der Internationalen Brigaden das Recht auf Beantragung der spanischen Staatsbürgerschaft zu gewähren.

Franquistische Flagge auf dem Mond

Emilio Herrera Linares bekam für seine Verdienste um die erste bemannte Mondlandung 1969 von der Nasa posthum einen Brocken Mondgestein geschenkt. Doch es war die franquistische Flagge, die im Gepäck der Apollo 14, der dritten erfolgreichen bemannten Mondmission, 1971 zum Erdsatelliten mitreiste. Diese Fahne hatte das spanische Thronfolgerpaar 1969 bei seinem Besuch der Nasa-Basis auf Merritt Island den Astronauten übergeben.

Der Besuch sollte die Beziehungen zwischen den USA und dem Franco-Regime im gemeinsamen Kampf gegen den Kommunismus festigen. Doch auch die kulturelle Öffnung des von Klerikalfaschisten beherrschten Spaniens in den fünfziger Jahren hatte mit der Einrichtung von US-Militärbasen begonnen; erst später trieb der Massentourismus diese Entwicklung weiter.