27.11.2025
Seit Jahren tourt Ben Salomo durch deutsche Schulen

Klartext im Klassenraum

Deutsche Schüler wissen zu wenig über jüdische Geschichte und Israel, und was sie wissen, entnehmen sie oft aus Propagandamedien wie dem Sender al-Jazeera, kritisiert der Autor Ben Salomo in seinem neuen Buch über Antisemitismus an deutschen Schulen. Auch die Lehrer sieht er überfordert.

»Wie viele Juden haben die Nazis damals eigentlich ermordet?« Diese Frage stellt Ben Salomo zu Beginn seiner Vorträge in Schulen. Oft folgt dann ein langes Schweigen; nicht einmal die Lehrer haben immer eine Antwort. Trotz Gedenkstättenbesuchen und obwohl der Holocaust in deutschen Schulen verpflichtender Lehrinhalt ist, sind Schüler, aber auch Lehrkräfte nicht immer mit den grundlegenden Fakten über den industriellen Judenmord vertraut.

»Die Schulen sind der Ort, an denen der ›Stab der Erinnerung‹ weitergegeben wird. Und so viel kann ich sagen: Sie werden ihrer Verantwortung nur selten gerecht«, schreibt Salomo im Vorwort seines Buchs »Sechs Millionen, wer bietet mehr? Judenhass an deutschen Schulen«.

Für viele Schüler und Lehrer ist Ben Salomo der erste Jude, dem sie in ihrem Leben leibhaftig begegnen. 200.000 Juden, so schätzt man, leben in Deutschland.

Der in Israel geborene und in Berlin aufgewachsene Rapper weiß, wovon er spricht. Seit 2019 ist er ständig auf Vortragsreise durch die Turnhallen, Mensen und Aulen der Republik. Der Holocaust ist dabei nicht sein einziges Thema. Salomo traut sich anzusprechen, wovor Lehrkräfte sich insbesondere nach dem 7. Oktober 2023 zu fürchten scheinen: »Es geht um Juden, Anti­semitismus, Holocaust und was das mit dem sogenannten Nahost-Konflikt und Israel zu tun hat.«

Was Salomo bei seinen Diskussionen mit Schülern erlebt und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht, erzählt er in dem anekdotenreichen Buch. So auch von jenem Schüler, der auf die oben zitierte Eingangsfrage seines Vortrags eine zumindest sachlich korrekte Antwort geben konnte: »Ich biete sechs Millionen«, habe der Schüler mit einem Grinsen erklärt. Oft sind es nicht die Aussagen der Schüler, sondern die der Lehrer, die ihn angesichts ihrer Naivität oder der Feindseligkeit gegen Juden schockiert und verwirrt zurücklassen.

Für viele Schüler und Lehrer ist Ben Salomo der erste Jude, dem sie in ihrem Leben leibhaftig begegnen. 200.000 Juden, so schätzt man, leben in Deutschland. Öffentlich erkennbares Judentum gibt es abseits der Großstädte kaum. Hinzu kommt, dass nicht wenige jüdische Familien öffentliche Schulen meiden, da sie Angst vor antisemitischer Diskriminierung ihrer Kinder haben.

Dies war bereits vor dem 7. Oktober 2023 so und hat sich seitdem noch verschärft, wie auch eine von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geförderte Studie anlässlich des zweiten Jahrestags des Terrorangriffs belegt. »Eltern fürchten Übergriffe auf ihre Kinder an Kitas und Schulen oder auf dem Weg dorthin«, sagte Ferda Ataman, die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, bei der Vorstellung des Papiers.

Als Ben Salomo elf Jahre alt war, kam heraus, dass er Jude ist 

Nur ganz selten sprächen ihn ­jüdische Schüler nach seinen Vorträgen diskret an, berichtet Salomo. Niemand dürfe wissen, dass sie Juden seien, sagen die Jugendlichen dann oft. Salomo kennt das aus seiner eigenen Jugend in West-Berlin. Dass er Jude ist, kam an seiner Schule heraus, als er elf Jahre alt war. Danach sei nichts mehr wie vorher gewesen, schreibt Salomo: Sein damals bester Freund habe ihn verprügelt, die Mitschüler riefen ihn nicht mehr bei seinem Vornamen, sie nannten ihn nur noch »Jude«. Kein Lehrer habe ihn geschützt – das seien doch nur »Sprüche«, hieß es.

Ben Salomos Schulzeit fällt in die achtziger und neunziger Jahre. ­Geändert hat sich wenig, jedenfalls nicht zum Guten. Auch heutzutage trifft Salomo auf Lehrkräfte, die Antisemitismus noch nicht einmal dann erkennen, wenn sie direkt mit der Nase darauf gestoßen werden. Nur zwei Tage nach dem 7. Oktober 2023, dem tödlichsten Tag für Juden seit 1945, habe ihm eine Lehrerin »Einseitigkeit« in Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt vorgeworfen, da gebe es doch auch einen Kontext und eine Vorgeschichte. »Würde ich Ihre Logik auf Juden übertragen, dann hätten wir wohl noch sechs Millionen Jahre lang das Recht, unsere Kinder zu Hass zu erziehen und in Deutschland Anschläge zu verüben«, konterte Salomon, worauf die Lehrerin empört den Saal verlassen habe.

Einen unguten Hang zur »Ausgewogenheit« angesichts von Mord, Entführung und Vergewaltigung attestiert Salomo auch dem Berliner Landesverband der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), der im März 2024 in einem Text zum Thema »Nahostkonflikt und Schule« herumlavierte und die eigentlichen Ursachen palästinensischen Leids ausblendete, also kein Wort über die Hamas verlor. Im Herbst 2025 rief der Landesverband seine Mitglieder übrigens zur Teilnahme an einer großen antiisraelischen Demonstration in Berlin auf.

Wissenslücken und mangelnde Medienkompetenz

Das Erstarken des Antisemitismus führt Salomo auch auf Wissenslücken der Schüler bei den Themen jüdische Geschichte und Israel, aber auch auf mangelnde Medienkompetenz zurück. Dass es im Gaza-Streifen keine unabhängigen Reporter gebe, sei ja nicht einmal den Nachrichtenagenturen klar, die unbedarft ungeprüfte Informationen in die Welt sendeten. »Wer dort mit einer Presse-Weste herumläuft, darf das nur deshalb, weil Hamas es ihm erlaubt. Praktisch alle, die Informationen direkt von dort schöpfen und in die weltweite Nachrichtenverbreitungskette einspeisen, sind Hamas-Leute. Der katarische Sender al-Jazeera beschäftigte einige von ihnen auch als offizielle Reporter.«

Die sozialen Medien beschleunigten und verstärkten antisemitische Stimmungen. »Die Hetzer«, schreibt Salomo, »haben es verstanden, sich strategisch aufzustellen und die Agenda der Antisemiten wie Lifestyle-Produkte oder Musik zu verkaufen. Sie haben gelernt, wie man Communitys aufbaut und für professionelles Marketing nutzt.«

Eine Schlüsselrolle schreibt er al-Jazeera zu. Von Katar würden auch Gruppen finanziert, die mit anti­israelischer Randale an US-Universitäten auffielen. »Ein antisemitischer terroristisch-industrieller Medienkomplex« sei das, befindet Salomo. Eine Antwort auf die drängende Frage, wie man Jugendliche, die derart »geinfluenct« wurden, aus der Filterblase wieder herausholen kann, liefert Salomo leider nicht; er ist eben Rapper und kein Pädagoge.

Nasrallah-Tattoo auf dem Handrücken, mit Neonazi für Foto posiert 

In einem weiteren Kapitel schreibt Salomo über ein Thema, mit dem er sich bestens auskennt: Deutschrap. Den Antisemitismus-Eklat um Farid Bang und Kollegah bei der Echo-Verleihung 2018 streift er dabei nur am Rande und analysiert dann das Gebaren der Straßenbande 187, einer mäßig begabten Rap-Combo aus Hamburg, die mit antisemitischen Andeutungen spielt und auch schon in Beirut mit echten Waffen der Hizbollah als Gangster posierte.

Den Handrücken ihres Managers Hadi el-Dor ziert ein tätowiertes Porträt des inzwischen von Israel eliminierten Hizbollah-Führers Hassan Nasrallah. Der Manager posierte auf einem Foto mit dem Rechtsextremisten Thomas D. vom seit 2020 in Deutschland verbotenen Nazi-Netzwerk Blood and Honour, der auch Verbindungen zum NSU hatte.

Wenn man diese Verbindungen zwischen islamistischem und faschistischem Terror aufzeige, gelinge es manchmal, junge Rap-Fans zum Nachdenken zu bringen, schreibt Salomo. Aber die Melange aus Judenhass, Frauenverachtung, Homophobie und Drogenverherrlichung zeige eben Wirkung, wie auch eine 2021 erschienene Studie zu Gangsta-Rap der Universität Bielefeld belegt.

Lesen sollten das Buch vor ­allem Pädagogen, die sich scheuen, über Antisemitismus zu sprechen, denn Salomo liefert in erster Linie Argumente für die Notwendigkeit einer antisemitismuskritischen ­Bildungsarbeit, keine Anleitungen.

Im Schlussteil seines Buchs macht Salomo dann doch noch ein paar Vorschläge, wie man der Misere pädagogisch begegnen könnte. Lehrerfortbildungen, Schüleraustausche mit Israel, bessere Schulbücher – keine dieser Ideen ist neu, in diesem Kapitel flacht das Buch deutlich ab, das durch feine Beobachtungen und gelungenes Erzählen der Begebenheiten aber durchaus interessant und gut lesbar ist. Lesen sollten es vor ­allem Pädagogen, die sich scheuen, über Antisemitismus zu sprechen, denn Salomo liefert in erster Linie Argumente für die Notwendigkeit einer antisemitismuskritischen ­Bildungsarbeit, keine Anleitungen.

»Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung«, schreibt Theodor W. Adorno anno 1966. So abgenutzt dieser Satz auch wirken mag, so sehr wäre zu wünschen, dass Lehrer sich an ihn erinnern würden.


Buchcover

Ben Salomo: Sechs Millionen, wer bietet mehr? Judenhass an deutschen Schulen. Suhrkamp, Berlin 2025, 170 Seiten, 18 Euro