27.11.2025
Kein Strand, aber Kunst – wie man plötzlich zum Berlin-Patrioten wird

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Berlin ist nicht Palermo

Jeden Sonntag gehen Julia und ich zum Porträtzeichnen ins »The Castle«. Ich fahre mit dem Fahrrad, Julia fährt mit der Bahn. Zufällig komme ich diesmal etwas früher als sie an, die Bar hat noch nicht geöffnet. Drei Leute warten schon vor der Tür. Wenn das Barpersonal um 13 Uhr aufschließt, werden es viel mehr sein, die dann auch sofort hineinströmen, um sich die besten Plätze zu sichern. Ich begrüße die wartenden Zeich­ner:in­nen und stelle mich zu ihnen.

Dann gesellt sich ein weiterer Zeichner zu uns, hochgewachsen, weißhaarig, ich schätze, in meinem Alter. »Ach, du bist aber braungebrannt! Kommst du gerade aus dem Urlaub?«, fragt ihn einer. »Gestern lag ich noch in Palermo am Strand, es war herrlich«, sprudelt es gleich aus ihm heraus, und es nimmt dann kein Ende mehr. »20 Grad! Ich war noch im Meer, so warm war es. Und jetzt bin ich hier im kalten Berlin. Schreck-lich! Warum leben wir hier? Berlin hat wirklich nichts zu bieten.« – »Na ja, immerhin hat Berlin ein ziemlich vielfältiges Kulturangebot«, entfährt es mir.

»Jetzt bin ich hier im kalten Berlin. Schreck-lich! Warum leben wir hier? Berlin hat wirklich nichts zu bieten.«

Eigentlich wollte ich mich gar nicht einmischen. Ich bin zum Zeichnen hier. Außerdem habe ich den gleichen Text von ihm schon mal vor ein paar Monaten gehört, als er auch gerade aus Palermo kam. »Ja, aber das hat Palermo ja auch«, antwortet er. »Palermo hat eine kleine, sehr feine Kunstszene. Und dazu noch besseres Wetter. Immer Sonne! Und das Essen ist so viel besser! Berlin ist so trostlos und kalt.«

»Okay, du hast ja recht«, gebe ich zu, »da kann Berlin wirklich nicht mithalten.« – »Berlin ist nun mal nicht Palermo«, pflichtet mir eine Frau bei. Sie lächelt und rollt die Augen, als sie mich anguckt, wie um zu signalisieren: Lass ihn reden. Aber er hört ja nicht auf!

»Ich weiß wirklich nicht, was mich hier hält. Palermo ist eine Metropole mit Blick aufs Meer. Und der Strand in Palermo ist auch nicht so überlaufen wie der Strand in Barcelona, in Palermo ist richtig Platz. Ich hatte den Strand ganz für mich allein.«

Er setzt seinen Palermo-Monolog fort

»Weißt du was?« höre ich mich plötzlich sagen. »Beim nächsten Mal bleibst du einfach ganz da.« Kurze Stille. Habe ich das gerade wirklich gesagt? Genau dasselbe denkt er, als er mich jetzt ansieht.

Er stutzt kurz, dreht sich wieder zu den anderen und setzt unbekümmert seinen Palermo-Monolog fort. Dann kommt Julia und die Tür wird geöffnet. Alle strömen rein.

Zwei Wochen später. Die Zeichnung, an der ich gearbeitet habe, ist schon fertig. Deshalb melde ich mich freiwillig, um gezeichnet zu werden. Ich setzte mich auf die Couch und starre zehn Minuten auf einen Aufkleber an einer Säule. Als ich aufstehe, sagt mein Palermo-Freund: »Alle Achtung! Zehn Minuten regungslos das Lächeln halten. Das hätte ich nicht geschafft.« – »Dankeschön. Das ist sehr nett«, antworte ich und lege ihm kurz die Hand auf die Schulter.