27.11.2025
Eine Analyse von Elon Musks Pronatalismus

(Not) A Family Man

Die eigene Privatsphäre wird kleiner, je mehr Macht man ausübt, nicht zuletzt weil die Inszenierung und Glamourifizierung des Privaten Teil der Macht wird. Das gilt in besonderem Maße für eine Figur wie Elon Musk. In diesem Sinne zeichnet Georg Seeßlen in seinem Buch »Elon Musk. Der dunkle Visionär« die ereignisreiche Biographie des Raumfahrt- und Medienunternehmers nach und analysiert sein Denken. Ein Auszug aus dem bei Bertz und Fischer erschienen Buch.

Nein, um Klatsch geht es hier am wenigsten. Es geht vielmehr darum, wie das Geschlechtliche im Leben und im Denken von Elon Musk Teil seines Weltentwurfs ist. Zum fes­ten Bestandteil der magischen Biographie von Elon Musk gehört das aggressive Verhalten des Vaters, das schließlich zur Scheidung von Maye und Errol Musk führte. Der Vater schlug die Mutter auch im Beisein der Kinder (so behauptet es jedenfalls Elon Musk), und er sei dabei immer »verrückter« geworden. Errol Musk selbst bezeichnet solche Anschuldigungen als komplett er­funden, räumte allerdings seine eheliche Untreue ein.

Jedenfalls wuchsen die Kinder zunächst bei der Mutter unter – verglichen mit dem vorherigen Wohlstand – ärmlichen Verhältnissen auf und waren oft sich selbst überlassen. Und aus dem Scheidungskrieg war ein beständiger Kampf ums Sorgerecht geworden – ausgefochten zwischen zwei Menschen, die wohl beide nicht zimperlich beim Einsatz der Mittel und beim Umgang mit der Wahrheit waren. Und Elon musste erleben, dass sich die Mutter für eine Zeit an einen Mann band, der womöglich ein noch größeres Arschloch war als der Vater. Zu diesem aber zog er schließlich trotz allem und verbrachte den Rest der Kindheit mit ihm und der Großmutter Cora, wahrscheinlich die mütterlichste unter den Frauen, die er bis dahin kannte.

Über die Gründe für diesen Umzug, den er später selbst »eine sehr schlechte Idee« nannte, spekulieren seine Familie wie seine Biographen bis heute. Man könnte es auf eine Formel verkürzen: die Sehnsucht nach Reichtum und die Sehnsucht nach autoritärer Männlichkeit. Für beides war ein hoher menschlicher Preis zu entrichten. Den Vater beschrieb Elon Musk später als »ein schreck­liches menschliches Wesen, das beinahe jede furchtbare Tat, zu der ein Mensch imstande ist, getan hat«. Versteht sich, dass man von da aus an seine Beziehung zu Donald Trump denken muss.

James Wallace Harris deutet in einem Kommentar in »Classics of Science Fiction« Elon Musks Ehegeschichten als Versuche, das Ideal von Heinlein zu erfüllen. 

Auch da scheint die Attraktion von Macht, Geld und Männlichkeit so stark, dass der biographische Bruch in Kauf genommen wird. Auch da führen die Spuren zu Elon Musks heimlichen Erziehern, zu den Comics, zur Science-Fiction und natürlich vor allem zu Robert Heinlein. All das pauschal als »misogyn« abzutun, wäre sicherlich fatal. Insbesondere der US-amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein, der auf Musk großen Einfluss hatte, hat immer wieder Frauen porträtiert, die alles drei im Übermaß besitzen: Sex, Intelligenz und Tatkraft. Und in den Superhelden-Comics sind ja auch nicht nur traditional wives zu sehen, weder auf der Seite der Guten noch gar der Schurken. Aber all diese Frauen sind ja, wie die männlichen Helden, vor allem Projektionen für Kids und Jugendliche.

William Moulton Marston, der Psychologe und Co-Schöpfer von »Wonder Woman«, war an einer ­bemerkenswert schlichten Theorie vom idealen Matriarchat beteiligt, der er den Namen DISC gab (dominance, influence, steadiness, com­pliance, im Deutschen DISG: dominant, initiativ, stetig, gewissenhaft, als richtiges Verhalten der Männer); privat stand er auf Fesselungen und Unterwerfungsspiele, zwang seine Ehefrau zu einer Ehe zu dritt und ließ sich bedenkenlos von ihrem Sekretärinnengehalt aushalten. Außerdem entwickelte Marston einen Vorläufer des später berüchtigten Lügendetektors (was »Wonder Woman« selbst einfacher mit einem »Lasso der Wahrheit« bewerkstelligt). Wie kompliziert die Beziehungen von Superman, Batman oder The Flash zu Frauen waren, weiß man ohnehin.

Man könnte also behaupten, im Reich der phantastischen Pop-Mythen habe es schon immer eine Art Revolte der Frauen gegeben, die sich am Ende gleichwohl, aus sozialer Vernunft, der patriarchalen Ordnung beugen (auch wenn »Wonder Woman« ihren tollpatschigen Geliebten beständig aus Gefahren retten muss, würde sie es als Diana Prince ihm gegenüber niemals an Submission fehlen lassen). Was man also in den Zukunfts­phantasien der fünfziger und sechziger Jahre bekommt, ist ein unauflöslicher Widerspruch zwischen Lust und Ordnung.

Bei Heinlein ist die Lösung dann immer wieder denkbar einfach: Die Frau muss zur Mutter werden. Die sexuelle Attraktivität und Aktivität seiner Heldinnen ist fast immer mit einem übermächtigen Kinderwunsch verbunden: Reproduktion geht vor Paarbindung. In den 1960er Jahren trat Heinlein übrigens in eine Phase, in der die sexuelle Phantasie ihn ge­legentlich over the edge trieb. In »Die Zahl der Tiere« werden Reisen in alle möglichen Paralleluniversen möglich, und einige davon bestehen aus der »Verwirklichung« bekannter SF-Romane, unter anderem solcher eines gewissen Heinlein. Aber selbst in den Parallelwelten, selbst auf dem Mars, kamen die Heinlein-Menschen nicht aus ihrem Dilemma heraus: Die Sehnsucht nach der starken Frau war mit der Gefahr der sozialen Isolation verbunden (für beide Seiten des Blicks). James Wallace Harris deutet in einem Kommentar in »Classics of Science Fiction« Elon Musks Ehegeschichten als Versuche, das Ideal von Heinlein zu erfüllen.

Die erste ernsthafte Beziehung Musks, die zu Justine Wilson, stand im Zeichen verdächtiger Nähe zu den bizarren Strategien des Vaters. Er schenkte ihr ein Amulett aus der Schatulle seiner Mutter, zu dem er eine Geschichte über Minen in Südafrika und familiären Reichtum wob, und »selbst wenn er Unsinn zu reden schien, glaubte man ihm, weil er selbst daran glaubte«, schreibt Walter Isaacson in »Elon Musk. Eine Biographie«. Und bei einem Streit um religiöse Symbole in einem Pariser Museum »fielen Sätze, die ihm sein Vater früher an den Kopf geworfen hatte«, so Isaacson.

Vor allem X Æ A-Xii wurde von seinem Vater als Vorzeigeobjekt gebraucht, mischte Meetings mit Donald Trump im Weißen Haus auf und wurde dabei zum lebenden Symbol.

Es war allem Anschein nach eine regelrechte Streit-Beziehung, deren erster Höhepunkt eine Hochzeit auf der Karibikinsel St. Martin im Jahr 2000 sein sollte, die zunächst nicht zustande kam, weil man sich wieder in die Haare kriegte, diesmal wegen des Fehlens einer notariellen Beglaubigung für den Ehevertrag. Die ganze Familie und alle Freunde schienen in heller Aufregung wegen dieser so offensichtlich und öffentlich unglücklichen Beziehung, aber man ließ sich schließlich nicht davon abbringen. Zum berühmt-berüchtigten Wort bei der schließlich doch vollzogenen Hochzeit wurde Elon Musks Bemerkung: »In unserer Beziehung bin ich das Alphatier.« Auch hier schon schien eine gemeinsame Affinität zu Phantasiewelten ein Bindeglied; Justine Wilson trat als Dark-Fantasy- und Horror-Autorin hervor mit Titeln wie »Blood Angel« oder »Uninvited«, die gerne persön­liche Überlebenskämpfe gegen dämonische Kräfte behandelten. Auch in den späteren Beziehungen Elon Musks zu Frauen spielten popkulturelle Elemente und gemeinsame Phantasien eine Rolle.

Zu einem Trauma wurde der Tod des gemeinsamen Kindes, das den Namen Nevada trug. Musk wollte später nie darüber sprechen und scheint es auch seiner Frau übelgenommen zu haben, dass sie mit ihrer Trauer weniger introvertiert umging. Stattdessen nötigte er den Vater, der mit einer neuen Familie zur Geburt des Enkelkindes in die USA gekommen war, dazu, in der Nähe zu bleiben, als wolle er den Tod des eigenen Sohnes durch die Versöhnung mit dem Vater ausgleichen. Daraus entstand ein höchst eigenartiges Psychodrama, das damit endete, dass er seinen Vater nach Südafrika zurückschickte. Man erzählt, dass Justine Musk erst durch ihre gemeinsame Paartherapeutin über ihre Scheidung unterrichtet wurde. Nach der Trennung stellte sie ihm dennoch lange Zeit gute Zeugnisse aus, bis zu dem Zeitpunkt jedenfalls, als sich ihre gemeinsame Tochter Vivian Jenna – als »Xavier« geboren – als transgender outete, was Elon Musk zu der unverzeihlichen, öffentlichen Bemerkung veranlasste, sein Kind sei für ihn gestorben.

Die zweite Ehegeschichte von Elon Musk mit der britischen Schauspielerin Talulah Riley wurde wiederholt; sie dauerte von 2010 bis 2012, und die Neuauflage von 2014 bis 2016. Musk hatte sie ebenso heftig umworben wie vorgewarnt: »Mit mir zusammen zu sein, kann schwierig werden (…). Das wird kein leichter Weg«, zitiert ihn Isaacson. Nun ja. Sie wurde bald eine Gefangene in Musk-Land, isoliert und rechtlos. Auch im zweiten Anlauf hat Musk nicht viel dazugelernt, wie es scheint. Talulah Riley wollte keine Kinder mit Elon Musk, aus einem »Bauchgefühl« heraus. Deshalb brauchten sie dann keinen Krieg gegeneinander zu führen. Im Übrigen besagt die Legende, Riley habe im März 2022 Elon Musk gebeten, »Wokismus« bei Twitter zu bekämpfen, was dieser als Anregung verstand, das soziale Netzwerk zu kaufen.

Ausgehend von Legenden wie dieser machte später ein gewisser El­bion daraus literarisch »Elon Musk: Woke Messiah« (2022), indem er all die Anti-Woke- und Anti-Gender-Sprüche des Elon Musk miteinander verwob.

Auch Amber Heard war Schauspielerin und Beziehungskummer gewöhnt; der Trennungsstreit mit Johnny Depp füllte die Boulevardblätter und Klatsch-Blogs. Das war wohl die katastrophalste der katastrophalen Beziehungen, und sie hielt gerade mal ein Jahr (2016 bis 2017). Vielleicht war diesmal Musk der Verlierer. Die Sache hatte jedenfalls ein etwas gruseliges Nachspiel, als Amber Heard im Jahr 2025 Zwillinge zur Welt brachte und eine neue Musk-und-Babys-Geschichte in die Welt setzte. Tobias Rüster berichtete auf dem Portal New.de: »Jennifer Howell, eine Freundin von Heards Schwester Whitney, behauptete einst, dass Heard und Musk in einem Rechtsstreit über gemeinsam erschaffene Embryonen standen. Laut dieser Aussage wollte Musk die Embryonen zerstören, während Heard versuchte, sie zu behalten, um ein Kind zu bekommen.«

Auch eine Seelen- (oder eben Pop-)Verwandtschaft gab es schließlich mit der kanadischen Musikerin Grimes (Claire Boucher), deren Musik eine seltsame Verbindung von Low-Tech-Produktion, Sweetness und Indie-Spirit bot, ein klassischer Fall von »bedroom producing« für die Kinder von Apple und Youtube, die von ihrem Ding besessen war und Hildegard von Bingen als großes Vorbild bezeichnete. Technizistische Do-it-yourself-Musik als Parallele zur Start-up-Euphorie. Allerdings hatte sie auch einen Hang zum Über-Ausdruck, war weder in ihrem Outfit noch in ihren Tätowierungen oder ihren Aussagen und Interviews wirklich sicher. Exzentrik eben, die hervorragend in die aufstrebende Tech-Kultur passte, auf eine authentische Art künstlich statt auf künstliche Art authentisch.

Als audiovisuelles Gesamtkunstwerk nahm Grimes Anregungen aus japanischen Manga, Computer Games und – besonders kompatibel – einem frühen Experiment mit Künstlicher Intelligenz in ihre Performance auf. Ihr Stern jedenfalls strahlte, als sie Elon Musk kennenlernte; vielleicht plauderte man über einen Traum, den beide hatten, einen Flug zum Mars, oder, allgemeiner gesprochen, über eine technologische Wiedergeburt – und die Geschichte einer Zerstörung begann. Vielleicht sprach man da­r­über, dass das antikapitalistische Engagement der Sängerin und die Weltveränderungspläne des Superreichen gar kein Widerspruch sein müssten. Es hätte jedenfalls das Traumpaar von Technik und Indie-Pop werden können, und das Fandom feierte dies auch: der Tech-Guru und seine Muse, im Pop vereint. Und sie wurden zum Bild dafür, warum es diese Verbindung dann doch nicht gibt. Die Maschinerie des Musk-Imperiums griff nach ihr, ebenso der Maskulinismus, der unter dem jugendlichen Charme der Tech-­Giganten steckte.

Sie bekam drei Kinder mit Musk, die er nach seinem Geschmack benannte: X Æ A-Xii, Exa Dark Sideræl und Techno Mechanicus (Letzterer allerdings von einer Leihmutter ausgetragen). Vor allem X Æ A-Xii wurde von seinem Vater als Vorzeigeobjekt gebraucht, mischte Meetings mit Donald Trump im Weißen Haus auf und wurde dabei zum lebenden Symbol dafür, dass die Repräsentationsregeln des »demokratischen Fürsten« unter Emperor Trump und Hofnarr Musk außer Kraft gesetzt waren. Während man noch von einer On/Off-Beziehung sprach, verschärfte sich nach der Geburt der Tochter Exa Dark Sideræl die Krise, als bekannt wurde, dass Elon Musk zur selben Zeit als Samenspender Zwillinge mit Shivon Zilis, Managerin bei Neuralink, gezeugt hatte. Elon Musk schien da schon mehr von seinem Fortpflanzungswahn als von der Liebe besessen zu sein.

Das Leiden war für die Mutter aber noch lange nicht vorbei. Nach der Trennung kritisierte Grimes in einer Reihe von X-Postings Musk und dessen Verhalten und bat angesichts der Bilder ihres Sohnes, der von Musk durchs Weiße Haus getragen wird, fast flehentlich: »Er sollte nicht so in der Öffentlichkeit zu sehen sein.« Und sie erklärte, sie habe nun »klargestellt, dass ich das auf keinen Fall akzeptiere. Ich bin verzweifelt dabei, das zu klären. Es ist eine persönliche Tragödie für mich.« Selbst auf Appelle, sich bei ihr zu melden, auf Anrufe und Nachrichten, reagierte Elon Musk nicht, nicht einmal, als es um eine schwere Krankheit ging. »Die Bedrohung, seine Kinder zu verlieren, während man im Kampf um sie bankrottgeht, ist nicht gerade förderlich für kreative Gedanken«, schrieb Grimes auf X, »ich habe in diesem Jahr jede Minute, in der ich nicht explizit für meine Kinder gekämpft habe, nur geschlafen und geweint.«

Es war eine öffentliche Leidensgeschichte, die Elon Musk gewiss ein paar Sympathien gekostet hat, in der maskulinistischen Blase aber für Häme sorgte. Später versuchte Grimes ein Comeback als Musikerin und ­einen Weg zurück zum alten Ich; in ihre künstlerische Wiedergeburt ließ sie auch die Schmerzen der Trennung und des Verrats einfließen. Kaum jemand kannte wohl die »dämonische Seite« von Elon Musk so gut wie sie.

Für Elon Musk scheint Vaterschaft vor allem eine Frage der Quantität und der technischen Qualität zu sein. Er sieht Kinder vor allem als »Produkt«, die man »bestellt«.

Die Beziehung – oder Nicht-Beziehung – zu Shivon Zilis (vier gemeinsame Kinder bislang, und übrigens war sie einst mit Grimes eng befreundet) scheint fürs Erste das Dilemma von Paarbeziehung und Reproduktion für Elon Musk gelöst zu haben; die Distanz macht, dass sie keine Enttäuschungen zu verarbeiten hat und bei einem Idealbild bleiben kann: »Als ich Elon zum ersten Mal begegnete, fiel mir unter anderem auf, dass er nie daran interessiert war, etwas ›für Geld‹ zu tun – es lief immer auf die Frage hinaus, ob dies von existentieller Bedeutung für die Menschheit ist.« Elon-Musk-Nachfahren scheinen es zu sein.

Ashley St. Clair ist eine »konservative« Influencerin (die berühmte Millionengrenze der Follower ist weit überschritten), die offensichtlich nur eine kurze Beziehung zu Elon Musk hatte – und wieder geht es um einen Kampf um das Kind: 2025 machte sie publik, dass sie ein Kind mit Musk habe, und reichte bald ­darauf eine Vaterschaftsklage ein, die eine rechtliche Anerkennung der entsprechenden Pflichten bedeuten würde, und zugleich verlangte sie das alleinige Sorgerecht. Diese Ashley St. Clair ist eine Gestalt aus dem Muskismus par excellence. Berüchtigt wegen ihrer beleidigenden und provokanten Sprüche gegen alles, was nicht genauso rechts ist wie sie (also rechts von Donald Trump), und – wieder einmal schließen sich da Kreise in Elon Musks öffentlicher Darstellung – Mitarbeiterin der rechtsreligiösen Pamphlet-Seite »Babylon Bee«, wurde sie auch als Verfasserin eines transphoben Kinderbuchs ­bekannt.

Fast möchte man noch glauben, was in der amerikanischen Presse verbreitet wurde: »Laut New York Times-Recherchen soll Musk zwei große, benachbarte Häuser außerhalb von Austin, Texas, für 35 Millionen US-Dollar erworben haben, um dort die Mütter seiner Kinder sowie seinen Nachwuchs unterzubringen. Er selbst bewohnt demnach eine weitere Villa, die sich zehn Minuten Fußweg entfernt befinde. Doch bisher scheinen nicht alle seine Ex-Partnerinnen bei dem ungewöhnlich anmutenden Patchwork-Projekt an Bord zu sein.« (Zitiert nach Dinah Rachko »Elon Musk und die Frauen – stimmen die vielen Gerüchte?«, www.watson.ch.)

Jedenfalls gibt es tatsächlich ein »Family Office« in Musk-Land, geleitet von Jared Birchall, der die finan­ziellen und organisatorischen Beziehungen zu den Müttern und Ex-Ehefrauen zu bewältigen hat. St. Clair wurde, was dies anbelangt, zur Whistleblowerin, natürlich alles nur im Dienste des gemeinsamen Sohnes mit dem sehr muskistischen Namen »Romulus«. Wie viele Kinder es tatsächlich sind, um die sich Birchall zu kümmern hat, bleibt vorerst ein Geheimnis zwischen den mehr oder weniger Beteiligten. Diese Geheimnisse – und damit Elon Musk selbst – zu schützen, ist eine ebenso schwie­rige wie kostspielige Arbeit.

Der Fall St. Clair war der erste Fehlschlag in dieser Arbeit; auch ein Angebot über zwei Millionen Dollar brachte sie nicht zum Schweigen, nicht einmal das über 15 Millionen und monatliche 100.000 Dollar. Und warum sollte man die Geburt des Kindes verschweigen? Weil Elon Musk sich selbst als möglichen nächsten Kandidaten für ein Attentat nach Donald Trump wähnte und damit auch seine Kinder in Gefahr sah. Als Ashley St. Clair sich nicht an die ­Absprachen halten wollte, blieben die Zahlungen rasch aus, die Angebote wurden zurückgenommen, das Geld wurde zur hässlichsten Waffe in Elon Musks ständigem Kampf um seine Kinder. Was aber hängengeblieben war, war Birchalls etwas vorschnell geäußerte Bemerkung, er habe schon mehrere ähnliche Verschwiegenheitsabkommen mit verschiedenen Frauen in die Wege geleitet. Als stünde man da, medial, nur auf der Spitze eines Eisberges namens Elon-Musk-Nachkommen.

Was für ein Vater!

Elon Musk hat, soweit die Öffentlichkeit informiert ist, in den letzten zwei Dekaden also 14 Kinder mit vier  verschiedenen Müttern in die Welt gesetzt: Sechs mit seiner ersten Frau Justine Wilson, vier mit Shivon Zilis, drei mit Grimes, (bislang) eines mit der »konservativen« In­fluencerin Ashley St. Clair. Eine solche Fortpflanzungsquote passt möglicherweise zu seiner Befürchtung, die Menschen, oder wenigstens der weißhäutige Teil davon, könnten an Nachwuchsmangel zugrunde gehen, wenn das mit den Geburtenraten nicht anders werde.

Für Elon Musk scheint Vaterschaft vor allem eine Frage der Quantität und der technischen Qualität zu sein. Er sieht Kinder vor allem als »Produkt«, die man »bestellt« – und ist damit wieder nahe an den Phantasien der Technocracy, für die Reproduktion ein technisches, auf Effizienz gerichtetes Unternehmen war. Aber zugleich geht es bei den Sorgerechtsstreitigkeiten vor allem und immer wieder darum, dass Musk seine Kinder auch als Selbstdarstellungs­vehikel in der Öffentlichkeit missbraucht. Einige seiner Kinder werden also zu Elementen der großen Selbstdarstellungs- oder Selbsterfindungsshow des Elon Musk. Er will ein Kind, aber im Wesentlichen keine Familie (jedenfalls keine, die einen eigenen Raum bildet, in dem man – und Mann – möglicherweise gefangen ist).

Elon Musk setzt dabei eine besonders perfide Waffe ein, nämlich die ­einer radikalen Kommunikationsverweigerung. Während der bittere Kampf um Kommunikation bei Grimes in den Sphären der sozialen Medien ausgetragen wurde, ist der mit Ashley St. Clair in die analoge Wirklichkeit vor allem der (öffentlichen) Gerichte zurückgespiegelt. Sie bezeichnete ihn als jemanden, bei dem man sich »nicht einmal darauf verlassen kann, dass er kommu­niziert, geschweige denn konsequent die Rolle eines Vaters wahrnimmt. (…) Derzeit klagt sie auf das alleinige Sorgerecht für das Kind, das in den Gerichtsdokumenten RSC genannt wird. ›Für Ashley ging es nie um Geld‹, sagte St. Clairs Sprecher nun dazu. Stattdessen gehe es darum, das Wohlergehen von RSC vor Musk zu schützen. ›Herr Musk verbringt auf seiner eigenen Social-Media-Plattform mehr Zeit damit, über die Mütter seiner Kinder zu reden, als mit ihnen zu sprechen‹, so der Vertreter. ›Wir haben versucht, dies gemeinsam mit Herrn Musk zu regeln‹, dieser habe jedoch ›alle Gespräche ­abgelehnt‹«. So zumindest stellt es Dinah Rachko dar.

Elon Musk, von der panischen Angst vor der bevorstehenden Apokalypse getrieben, will offensichtlich Nachkommen haben, aber kein Vater sein. Er produziert Kinder, wie er Autos oder Raketen produziert, nämlich als »technische« Erweiterung seiner selbst. Seine Angst vor dem Aussterben der Menschheit, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit ­öffentlich macht, ist daher wohl eine »technische« Erweiterung seiner eigenen Todesangst. Es mochte einer der für ihn typischen Witze sein oder eine unfreiwillige Offenbarung, als er behauptete, er werde die Leitung von Tesla unter keinen Umständen aus der Hand geben. Doch, unter einer: »Ich könnte sterben.«

Musk malte ein »dämonisches« Bild seines eigenen Kindes, das in den Händen furchtbarer marxistischer Antikapitalisten zum Revolutionär geworden sei.

Der wohl größte und in aller Öffentlichkeit ausgetragene Verrat geschah gegenüber Vivian Jenna Wilson; ihre Geschlechtsangleichung, die er als »Kindesverstümmelung« bezeichnete, wird in etlichen Kommentaren als Auslöser für die »Radikalisierung« des Elon Musk gesehen. In der Zeitschrift Teen Vogue vollzog Vivian Jenna die Trennung: »Er ist ein erbärmlicher, unreifer Mann.« Erst mit ihrem öffentlichen Antrag, den Namen zu ändern, da sie in keiner Weise mit ihrem leiblichen Vater in Verbindung gebracht werden wollte, begann sich die Öffentlichkeit intensiver um diese Beziehung zu kümmern.

Kurz nachdem er seinen Schulterschluss mit Donald Trump beschlossen hatte, sprach Musk über sein Kind, und das mit niemand anderem als dem »Manosphere«-Influencer Jordan Peterson, dem gegenüber er noch einmal betonte, seine Tochter, die er beharrlich mit dem alten Vornamen Xavier bezeichnete, sei vom »woke mind virus« getötet worden. Und mehr noch: Musk malte ein durchaus »dämonisches« Bild seines eigenen Kindes, das in den Händen furchtbarer marxistischer Antikapitalisten zum Revolutionär geworden sei und es darauf abgesehen habe, ihrem Vater das Leben schwer zu machen.

Normalerweise würde man wohl meinen, wenn jemand an seinem eigenen Kind erlebt, was es heißt, den konservativen Hetero-Normen nicht zu entsprechen, würde sie oder er solidarische, verständnisvolle und beschützende Impulse entwickeln. Nicht so Elon Musk. Sein Verhalten gegenüber Vivian Jenna beweist nicht bloß seine Transphobie, die er mit seinen politischen Buddys teilt, sondern auch seine persönliche Empathielosigkeit. Elon Musk ist imstande, seine Abscheu vor dem eigenen Kind auch noch in eine ideolo­gische Predigt zu verwandeln und auf seinem X-Dienst solche Dinge zu verbreiten: »Xavier was born gay and slightly autistic, two attributes that contribute to gender dysphoria. I knew that from when he was about 4 years old and he would pick out clothes for me to wear like a jacket and tell me it was ›fabulous!‹, as well as his love of musicals&theatre. But he was not a girl.«

Vermutlich ist die Episode mit dem Vierjährigen und seiner Liebe zu fabelhaften Kleidungsstücken frei erfunden, oder, anders gesagt, eine Projektion schwuler Klischees aus der Popkultur auf einen jungen Menschen. In dieser »Botschaft« scheint neben der Transphobie und der Empathielosigkeit noch eine dritte traditionell rechte Einstellung gegenüber der Kultur auf: Wer sich für Mode, Musical und Theater interessiert, kann nur schwul sein. Und schließlich belegen diese Worte, auch in der Erinnerung des Kindes, dass nichts davon der Wahrheit entspricht: Es wurden weder Jacken ausgesucht, noch gab es mit vier Jahren (nachvollziehbarerweise) eine besondere Vorliebe für Musicals und Theater.

Es gebe einen Grund dafür, dass Musk Vivians Kindheit erfindet, nämlich, dass er als »Vater nie da gewesen sei und deshalb gar nicht wissen könne, wie sich seine Kinder in diesem Alter verhalten hätten«, schreibt Ella Yurman auf www.teenvogue.com. Tatsächlich mutmaßten etliche Diskutanten, Musk habe weniger von seinen familiären Erfahrungen gesprochen als vielmehr auf die Reality Show »Queer Eye« zurückgegriffen. (Die Episoden der Reality-Serie folgen immer einem ähnlichen Schema. Die Fab Five bekommen eine Zusammenfassung über eine Person, die sie eine Woche in verschiedenen Lebensbereichen – Essen und Wein, Mode, Kultur, Wohnen, Pflege – begleiten und beraten werden.)

Aber Vivian nahm den Diskurs auf und erklärte auf dem Dienst Threads, einem Konkurrenten von X, dass das Bild, das ihr Vater von ihr zeichnete, »entirely fake« sei. Vivian Jenna Wilson wurde eine mediale Figur, beinahe überall, wo nicht der Name X prangt, auf Instagram, Bluesky und Tiktok, und sie brachte es dabei immerhin auf über eine Million Follower. Interviews und Homestorys lehnte sie hingegen meistens ab. Niemals wollte sie auf die Rolle der verstoßenen Tochter von Elon Musk reduziert werden. Aber sie ist das manchmal durchaus dramatische Gegenbild zur Ideologie des Vaters und seiner politischen Agenda und kann daher gar nicht anders, denn als Antiheldin zu ihm zu erscheinen. Als Trans-Person ist sie notgedrungen politisch und noch mehr notgedrungen Gegnerin des Trumpismus und seiner bigotten Entourage. »­Offensichtlich sind nicht nur Trans-Personen, sondern alle Minderheiten, von Migranten ohne Papiere bis zu People of Color, von dieser Regierung bedroht«, schreibt Yurman. Dass es indes nicht nur um eine Person und einen Familienroman geht, machte Katelyn Burns 2022 deutlich: »Twitter ist eine Rettungsleine für Trans-Personen. Elon Musk könnte sie zerschneiden.« Er hat es getan. Als private Person und als politische Unperson.

Das Reproduktionsphantasma des Elon Musk

Die Kinder von Musk und Zilis – von denen die Mutter in höchsten Tönen wegen ihres »Genpotentials« schwärmt – sind ohne eine »körperliche Beziehung« entstanden. Diesem Umstand scheint eine Vorstellung von Reproduktion zugrunde zu liegen, die weder mit Gefühlen noch mit einer familiären Situation zu tun hat. Und dass er Reproduktion auch zur Errettung von »Kultur« – also mit mehr als einem rassistischen Unterton – anpreist, zeigte sich in Italien, als Elon Musk auf dem Atrjeu-Festival seinem Publikum zurief: »Italien als Kultur verschwindet: Bitte macht mehr Italiener!«

Getrost hören wir in all dem den Widerhall der Worte des gehassliebten Vaters: »Wir sind nur auf der Welt, um uns fortzupflanzen.« Aber Elon Musk, so scheint es, möchte mehr als nur ein paar Kinder mehr in die Welt setzen als gewöhnliche Leute; er möchte sie mit Mini-Mes durchsetzen. Dazu passt eine mehr oder weniger aufsehenerregende Nachricht im Focus: »Elon Musk könnte laut Insidern über 100 Kinder ­haben. Strenge Verschwiegenheitsvereinbarungen verbergen die Zahl seiner Nachkommen, die an die 100 gehen sollen«, und: »Musk will eine Legion von Kindern.« (Die »­Legion of Kids« ist das Herzstück seiner Vorstellung, in der die Mütter seiner Kinder allesamt in einer Gated Community zusammenleben würden und der Meta-Vater Elon Musk sie bewacht und erzieht.) Dass so etwas ins Geld gehen kann, versteht sich: »Laut Wall Street Journal«, so der Focus, »soll Musk den Müttern seiner Kinder 15 Millionen fürs Schweigen und 100.000 Dollar pro Monat für das Kind zahlen.«

Was immer es mit solchen Zahlen auf sich haben mag, unbestreitbar geht es diesem Mann um eine Art technisch-organische Selektion bei der Weitergabe seiner wertvollen Gene. Die von ihm erträumte »Legion« soll wohl einen Stamm der »Übermenschen«, gar eine eigene »Rasse« bilden (die Musken?). Dass es in einem solchen Konstrukt immer wieder einmal Fehler und Katastrophen gibt, liegt auf der Hand, etwa im Fall von Ashley St. Clair: »Musk träumt immer wieder von seiner ›Legion Kinder‹, die er mit ›smarten Frauen‹ haben wolle – und zwar rechtzeitig ›vor der Apokalypse‹. Dass der Unternehmer, der mit seiner Firma SpaceX den Weltraum erobern will, die Zukunft der Menschheit eher auf anderen Planeten sieht, fügt sich in seine dystopische Weltsicht. Laut St. Clair habe er ihr 2023 auch davon berichtet, dass er bei einem Treffen mit einer japanischen Delegation in Austin, Texas, um eine ­Samenspende für eine ›high-profile woman‹ gebeten worden sei, später habe er St. Clair erzählt, er habe den Wunsch der Frau erfüllt, ohne den Namen zu nennen.« (Volker Corsten: Elon Musk: 15 Millionen US-Dollar fürs Schweigen. 100.000 monatlich fürs Kind«, www.welt.de, 26. Mai 2024.)

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung, »Fremden« und Trans-Personen soll um jeden Preis verhindert werden, um die »Reinheit« der technisch verbesserten weißen Zukunftsmenschen zu sichern.

Und so macht der obszöne Kampf gegen DEI, also diversity, equity and inclusion, und die »woke« Kultur einen perfiden Sinn: Die Inklusion von Menschen mit Behinderung, »Fremden« und Trans-Personen soll um jeden Preis verhindert werden, um die »Reinheit« der technisch verbesserten weißen Zukunftsmenschen zu sichern. Das »Unwerte« soll ferngehalten werden und auf keinen Fall soll die Zivilisationskrankheit »Empathie« eine vermittelnde Chancengleichheit herstellen. Dass Donald Trump ebenso wie Elon Musk die DEI als »unfair« bezeichnet, ist in ihrem Denksystem plausibel: Der Stärkere soll hier immer gewinnen dürfen – oder müssen.

Statt einer integrierenden Politik wollen die Muskisten den Begriff ­retarded, also »zurückgeblieben«, wieder einführen, eine durch und durch empathielose, herabwürdigende Bezeichnung für Menschen mit Behinderung. Es wäre durchaus im Sinne des Tech-Faschismus, die entsprechenden Personen mit einem »R« zu markieren, was uns zu einer langen Geschichte der Zwangssteri­lisierungen, der Ausgrenzungen und der Gefangenschaften führt. Noch in den siebziger Jahren erlaubte der Supreme Court die Zwangssterilisierung von Personen, die mit einem »R« gekennzeichnet waren. Doch dann wurde der Begriff für einige Zeit als extrem toxisch verstanden und aus dem Sprachgebrauch verbannt.

Doch nun arbeiten die Leute um Elon Musk und Donald Trump zäh auf allen Ebenen, nicht zuletzt auf der alltagssprachlichen, an einer Wiedereinführung des Begriffs als Kategorie für Menschen. Elon Musk pflegt mit schöner Regelmäßigkeit seine Kritiker und andere missliebige Personen als »retarded« zu titulieren.

»Rechte Blogger und Influencer«, schreibt Frauke Steffens in der FAZ, »gebrauchen den Begriff ebenfalls, aber bedeutender ist das Bemühen, die Kampagne auch in andere Teile der Bevölkerung zu tragen – zum Beispiel zu jenen, die in kulturell nicht einflusslosen Nischen als Trend­setter gelten. Dort, wo Raw Egg Nationalist, Bronze Age Pervert und der mittlerweile berühmte neofaschistische Blogger Curtis Yarvin Lesungen abhalten, in der New Yorker ›Dimes Square‹-Szene um das ›Sovereign House‹, gilt das ›R-Wort‹ als schick. Influencerinnen wie Dasha Nekra­sova und Anna Khachiyan vom Podcast ›Red Scare‹ verwenden es ebenso wie die Modedesignerin Elena Velez.«

Und während Musk und seine Entourage an einer technokratischen Eugenik arbeiten, die den Menschen der Zukunft erzeugen und das »Unwerte« ausmerzen soll, schwadroniert Donald Trump, spießerkompatibler als solche kalten Modelle, von den »schlechten Genen«, die mit den Ausländern ins Land kommen. Wie immer freilich ist es Elon Musk, der öffentlich vormacht, wie aus einer individuellen Psychose und ihrer toxischen Wirkung auf die direkte Umwelt eine Mythologie, eine Semantik, eine Ideologie wird. Und daraus furchtbare Politik.

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Der Originaltext enthält alle Quellennachweise sowie Anmerkungen. Der Text wurde leicht gekürzt und bearbeitet.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: 


Buchcover

Georg Seeßlen: Elon Musk: Der dunkle ­Visionär. Geld, Frauen, Pop und der Tech-­Faschismus. Bertz und Fischer, Berlin 2025, 352 Seiten, 22 Euro