27.11.2025
War die Erfindung des Internets eine gute Idee?

Dosenfleisch fürs Hirn

Längst ist unstrittig, dass der massenhafte Internetkonsum schädliche Auswirkungen auf die Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt hat. Nur werden daraus keine Konsequenzen gezogen, denn ein Leben ohne Internet ist längst nicht mehr vorstellbar.

Rechtspopulismus, Verschwörungs­theorien, Konzentrationsschwierigkeiten und auch noch die Erderwärmung – das Internet wird für viele der Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht. Von den utopischen Erwartungen, die sich einst an es knüpften, scheint jedenfalls nicht viel übriggeblieben zu sein. War das Internet ein Fehler? Sollte es abgeschaltet werden? Oder ist es noch reformierbar? Auftakt einer Disko-Reihe.

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Man hätte es wissen können. Schon am 15. Dezember 1970, und damit ein Vierteljahrhundert bevor die Leute begannen, ihre rumpeligen 386er-Computer mittels grausig quietschender Modems an die Telefonleitung anzuschließen, um an etwas teilzunehmen, das sich Internet nannte, veröffentlichte die britische Komikertruppe Monty ­Python ihren berühmten »Spam«-Sketch. Begleitet vom »Spam Song« (»Lovely spam, wonderful spam … «) löst sich darin alle Kommunikation schließlich in einem bedeutungslosen Kauderwelsch auf, in dem mehr als jedes zweite Wort »Spam« lautet.

Ob die spätere Verwendung dieses Begriffs für unerwünschte, massenhaft produzierte digitale Inhalte werblichen Charakters direkt auf diesen Sketch zurückgeht oder nur denselben Ursprung hat, nämlich die Allgegenwart von »spiced ham« (gewürzter Schinken) genannten Fleischabfällen – abgekürzt zu »spam« – in Dosen während des Zweiten Weltkriegs, ist unklar. Sicher ist dagegen, dass im weltweitem Durchschnitt heutzutage die Internetnutzer rund sechseinhalb Stunden täglich inmitten dieses Monty-Python-Sketchs zubringen und die allermeisten diese Tortur für alle Sinne auch noch klaglos hinnehmen.

Über unerwünschte Neben­wirkungen des Internets wird meist nur im Bereich des Datenschutzes debattiert, weil es hier relativ leichtfällt, passable Lösungen zu entwickeln.

Wobei natürlich Spam (im digitalen Sinne) inzwischen das geringste Problem darstellt. Ein dauerhaftes Ärgernis – ja, aber längst nicht so gefährlich für die Gesellschaft wie die eigentliche Kernidee des Internets, Menschen digital zu vernetzten, um ihnen freien Zugriff auf Inhalte aller Art zu bieten. Diesem zunächst unterstützenswert klingenden Vorhaben diente schon das Arpanet der siebziger Jahre, doch weil dieses vor allem Universitäten und Forschungseinrichtungen miteinander verband, dachte damals niemand daran, dass freier Wissenstransfer auch eine Schattenseite haben könnte, dass neben der Information immer auch die Desinformation wohnt, neben dem Argument das Ressentiment, neben Journalismus Propaganda und Hetze.

Spätestens mit Entstehen der ersten Social-Media-Plattformen ab 2004 und der Mobilmachung des Internets mittels Smartphones wenig später, hätte kritischen Beobachtern diesbezüglich angst und bange werden müssen. Doch Sorgen wegen der rapiden Verbreitung »alternativer Fakten« und der steigenden Zahl an Menschen, die daran glauben, wurden als fortschrittsfeindlich etikettiert. Schließlich gab es wahnsinnig viel Geld zu verdienen, und was Profit generiert, ist im Kapitalismus bekanntlich sakrosankt.

Statt sich also auch nur ansatzweise mit den Schattenseiten zu beschäftigen, sangen Regierungen und Wirtschaft gemeinsam mit den Konsumenten das Hohelied unbegrenzter Freiheit. Jede Regulierung von Netzinhalten schien undemokratisch, und schon der banalste staatliche Eingriff oder Maßnahmen zum Schutz von Urheberrechten lösten weltweite Proteststürme aus, während gleichzeitig die weltweite Datenkontrolle durch große Technologieunternehmen von der Mehrheit achselzuckend hingenommen wurde.

Verteidiger der Meinungsfreiheit und der menschenverachtende Irrsinn im Netz

Heutzutage reüssieren nahezu überall auf der Welt rechtspopulistische und wirtschaftslibertäre Parteien, deren Erfolg nicht zuletzt darauf basiert, dass sie sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit gerieren, weil sie all den wissenschaftsfeindlichen oder menschenverachtenden Un- und Irrsinn vertreten, der im Netz verbreitet wird, und damit die Leute, die ihn konsumieren.

Schon deshalb erscheint es illusorisch, diese digitale Büchse der Pandora wieder zu schließen. Wo schon bloße Faktenchecks erfolgreich als diktatorische Maßnahme eines vermeintlich linken Establishments gegeißelt werden, wird sich keine Regierung mehr auf weitreichende Eingriffe verständigen können. Und abschalten kann man das Internet auch nicht, hat es doch längst in nahezu alle relevanten Lebensbereiche Einzug gehalten und dabei tatsächlich vieles einfacher gemacht.

Über unerwünschte Nebenwirkungen wird meist nur im Bereich des Datenschutzes debattiert, weil es hier relativ leichtfällt, passable Lösungen zu entwickeln. Psychosoziale und soziokulturelle Auswirkungen hingegen werden zwar kontinuierlich erforscht, die Ergebnisse aber weitgehend ignoriert. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2023, dass die bloße Anwesenheit eines Smartphones im Raum, selbst wenn es ausgeschaltet ist, sich deutlich negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit auswirkt. Auch die Ergebnisse der Pisa-Tests, mit denen die Leistung von Schülern gemessen wird, sind seit dem Siegeszug der Smartphones kontinuierlich schlechter geworden – und das weltweit.

Verlust intellektueller Befähigung

Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass komplexere und längere Texte am Bildschirm kaum gelesen werden (dem Portal Statista zufolge tun das nur rund sechs Prozent der Befragten gern). Zudem führt die Suchmaschinenoptimierung für Texte im Internet dazu, dass fast alles, was da zu lesen ist, in kurze Absätze mit unzähligen Wiederholungen der Kernbegriffe unterteilt wird. Wer daran erst mal gewöhnt ist, muss an längeren literarischen oder philosophischen Werken fast zwangsläufig scheitern, egal ob sie am Bildschirm oder auf Papier dargeboten werden.

Doch so alarmierend viele Statistiken zur Internetnutzung auch klingen, von Strategien, wie dem nachweislichen Verlust intellektueller Befähigung entgegenzuwirken sei, hört man kaum etwas. So, wie fast alle politischen Parteien unverdrossen an die oft widerlegten Selbstheilungskräfte des Marktes glauben, verlässt man sich hier darauf, dass es für alle Probleme, die durch neue Technologien entstehen, irgendwann auch technologische Lösungen gibt.

Bis allerdings die schöne Science-Fiction-Idee Wirklichkeit wird, sich komplette Bibliotheken direkt ins Gehirn laden zu können, dürfte es wohl noch dauern. Und bis dahin wird mittels sogenannter Künstlicher Intelligenz erst mal das Gegenteil gefördert. Nicht nur in der Google-Suchmaske, sondern inzwischen auch, wenn man eine längere PDF-Datei öffnet, drängt sich sofort eine KI mit dem Angebot auf, die wesentlichen Inhalte einfach kurz zusammenzufassen. Dumm nur, dass sich der tatsächliche Gehalt komplexerer Texte in der Regel nicht auf ein paar Kernsätze reduzieren lässt. Die KI suggeriert den Nutzern mithin etwas schlicht Unmögliches: anstrengungsfreien Erkenntnisgewinn.

Antiquierte biologische Lebensform erhalten?

Wenn aber inzwischen selbst akademische Arbeiten mittels KI erstellt werden (einer Erhebung der Hochschule Darmstadt zufolge nutzen über 90 Prozent der befragten Studenten KI-Programme im Studium), so lernt dabei immer nur einer – die KI selbst. Ihre Nutzer hingegen berauben sich der entscheidenden Grundlagen für abstraktes und analytisches Denken. Die nämlich liegen im Lesen und Schreiben, wie schon 1982 der US-amerikanische Medientheoretiker Walter Jackson Ong in seinem Hauptwerk »Oralität und Literalität« beschrieb.

Natürlich gab es Gegenstimmen, Vilém Flusser zum Beispiel. Der tschechische Philosoph meinte, dass althergebrachte Kommunikationsformen wie die Schrift gänzlich überwunden werden können. Er träumte von einer nachalphabetischen, »telematischen« Gesellschaft, in der es keine Autoritäten mehr gäbe, weil die Flut der Informationen keine Diskurse mehr zulasse und das immer weniger durchschaubare gesellschaftliche Netzwerk folglich rein kybernetisch gesteuert werden müsse.

Von einer KI als Schaltzentrale dieses Netzwerks ist beim 1991 verstorbenen Flusser zwar noch nicht die Rede, aber weil gerade alles genau darauf hinsteuert, drängt sich die Frage auf, welches Interesse eine solche KI daran haben sollte, eine antiquierte biologische Lebensform zu erhalten, der nach Disruption sämtlicher Berufsfelder und Entkopplung von sinnstiftender Wissensvermittlung als einziger Daseinszweck verbliebe, Selfies und Welpenvideos zu verbreiten.

Extremer Energieverbrauch der KI-Systeme

Andererseits: Entschiede sie sich gegen den Erhalt der Menschheit, hätten sich auch die unschönen Nebeneffekte des Internets erledigt. Die vom Online-Shopping entleerten Einkaufsstraßen wären dann ebenso egal wie die von der Digitalisierung rapide vorangetriebene Erderwärmung. Zwar verursacht bereits der reine Datentransfer inzwischen mehr CO2-Emissionen als der weltweite Flugverkehr, vom extremen Energieverbrauch der KI-Systeme ganz zu schweigen. Aber ohne Menschen entfielen wenigstens die Emissionen durch die Produktion immer neuer Endgeräte und den stetig wachsenden Warentransport.

Trotz derlei düsterer Aussichten – das Internet hat natürlich auch Vorteile. Dieser Text beispielsweise hätte auf das genaue Datum der Erstausstrahlung des »Spam«-Sketchs von Monty Python verzichten müssen, wenn der unterbezahlte Autor dafür auf analoge Recherche angewiesen gewesen wäre. Ob indes der schnelle Zugang zu solchen Informationen die benannten gesellschaftlichen Kollateralschäden aufwiegt, mag jeder für sich entscheiden. Ändern wird es ohnehin nichts. Wenn irgendetwas wirklich »too big to fail« ist, dann das World Wide Web.