Mexikanische Revolte
Die nach der sogenannten Generation Z benannte globale Protestwelle hat Mexiko erreicht. Am 15. November folgten Zehntausende Menschen in mindestens 56 Städten Aufrufen zu Demonstrationen, die vor allem von der Bewegung »Generación Z Mexico« organisiert wurden.
Alleine in der Hauptstadt Mexiko-Stadt nahmen rund 20.000 Menschen an einem Protestmarsch teil. Viele der vorwiegend jungen Demonstrierenden kamen mit den für die jüngsten Proteste in unterschiedlichen Ländern typischen Strohhutpiraten-Flaggen aus dem Manga »One Piece«.
Bei Straßenschlachten mit der Polizei wurden in der Hauptstadt rund 120 Menschen verletzt, darunter 100 Polizisten. Die Proteste der Generación Z Mexico richteten sich vor allem gegen staatliche Korruption und die Gewalt der Drogenkartelle, die Mexiko zu einem der Länder der Welt macht, in denen das Risiko, getötet zu werden, immens hoch ist.
Viele der vorwiegend jungen Demonstrierenden kamen mit den für die jüngsten Proteste in unterschiedlichen Ländern typischen Strohhutpiraten-Flaggen aus dem Manga »One Piece«.
Unmittelbarer Auslöser der Protestwelle war die Ermordung Carlos Manzos, des Bürgermeisters der Stadt Uruapan im Bundesstaat Michoacán. Manzo war am 1. November während einer öffentlichen Feier zum »Tag der Toten« durch mehrere Schüsse getötet worden. 2024 war er wegen seines Versprechens, dem organisierten Verbrechen keinerlei Spielraum zu gewähren, ins Amt gewählt worden und seitdem als scharfer Kritiker der in seinen Augen zu laxen Sicherheitspolitik der linken Präsidentin Claudia Sheinbaum bekannt. Unter anderem sprach er sich dafür aus, Angehörige von Drogenkartellen außerrechtlich zu erschießen.
Der Bundesstaat Michoacán liegt an der Pazifikküste auf Höhe der Hauptstadt und zählt zu den am stärksten vom Drogenkrieg gebeutelten Regionen Mexikos. Die öffentliche Hinrichtung des unter strengem Polizeischutz stehenden und stets mit einer kugelsicheren Weste bekleideten Manzo hat Mexiko die Macht der Drogenkartelle und die Erfolglosigkeit der bisherigen Sicherheitspolitik ins Bewusstsein gerufen. Seit der Staat 2006 den »Krieg gegen die Drogen« ausgerufen hat, haben in Mexiko von Drogenkartellen, Ordnungskräften und anderen bewaffneten Gruppen verübte Gewalttaten rund 450.000 Menschenleben gekostet.
Am Tag nach Manzos Ermordung brachen teils gewaltsame Proteste in Michoacán aus, bei denen auch das Gebäude der Regionalregierung gestürmt wurden. Am 7. November nahmen mindestens 70.000 Menschen in Uruapan an einem »Marsch für den Frieden und die Gerechtigkeit« teil, viele von ihnen in dem für Manzo typischen Outfit aus weißem Hemd und Rancher-Hut gekleidet.
Keine einheitliche Bewegung mit kohärenten Forderungen
In den folgenden Tagen begann Generación Z Mexico, landesweit zu Demonstrationen aufzurufen. Von einer einheitlichen Bewegung mit kohärenten Forderungen kann hierbei schwerlich gesprochen werden. In Mexiko-Stadt demonstrierte am 15. November eine bunt zusammengewürfelte Menschenmenge. Neben vielen Jüngeren mit Bandanas und Strohhutpiraten-Flaggen nahmen auch zahlreiche Ältere teil.
In einem CNN-Interview sagte ein Jugendlicher, dass der Mangel an öffentlicher Sicherheit für ihn das drängendste Problem Mexikos sei, »da man nicht auf die Straße gehen kann ohne Angst, beraubt oder ermordet zu werden«. Zwei ältere Männer wiederum fürchten, dass Mexiko unter Morena, Sheinbaums als links geltender Regierungspartei, »wie Kuba oder Venezuela wird«. Vereinzelt richteten Plakate Hilferufe an US-Präsident Donald Trump, was als Unterstützung der Forderung einiger US-Republikaner gewertet werden kann, Soldaten im Kampf gegen die Kartelle nach Mexiko zu entsenden.
Die Jerusalem Post berichtete unterdessen, dass die Tür des Obersten Gerichtshofs am Rande der Demonstration mit wüsten antisemitischen und sexistischen Graffiti beschmiert wurde. Diese richteten sich offensichtlich gegen Sheinbaum, die nicht nur das erste weibliche, sondern auch das erste jüdische Staatsoberhaupt des Landes ist und einer säkularen Familie aus Mexiko-Stadt entstammt.
Noch jede Opposition wurde bezichtigt, aus dem Ausland finanziert zu werden
Sheinbaum und die mexikanische Regierung denunzierten unterdessen die Proteste als aus dem Ausland forcierte Internetkampagne. Miguel Ángel Elorza, der Leiter der staatlichen Behörde Infodemia zur Aufklärung von Desinformation, legte einen entsprechenden Bericht vor. Analysen sozialer Medien hätten gezeigt, dass ein Netzwerk aus Oppositionspolitikern, Think Tanks der internationalen Rechten, dem Unternehmer Ricardo Salinas Pliego, Influencern und Bots die sozialen Medien geflutet habe. »Viele der Aktivisten haben nichts mit der Generation Z zu tun, vielmehr handelt es sich um eine politische Operation, die aus dem Ausland finanziert wird«, fasste Sheinbaum den Bericht zusammen.
Sheinbaum tut es damit ihrem Amtsvorgänger und Vertrauten Andrés Manuel López Obrador gleich. Der hatte Morena gegründet und während seiner Amtszeit als Präsident (2018–2024) noch jede Opposition gegen ihn bezichtigt, aus dem Ausland finanziert zu werden, egal ob es sich um die politische Rechte, Umweltschutzorganisationen oder Feminist:innen handelte.
Ob die sogenannten Gen-Z-Proteste in Mexiko ein Strohfeuer bleiben oder sich zu einer regelrechten Bewegung auswachsen wie in anderen Ländern, ist noch nicht abzusehen.
Für den 20. November rief Generación Z Mexico erneut zu Protesten auf. Dem Aufruf folgten in Mexiko-Stadt nur wenige Hundert Menschen. Ob die sogenannten Gen-Z-Proteste in Mexiko ein Strohfeuer bleiben oder sich zu einer regelrechten Bewegung auswachsen wie in anderen Ländern, ist noch nicht abzusehen.
Nach derzeitigen Umfragen genießt Sheinbaum Zustimmungswerte von 70 Prozent. Doch die Proteste erinnern Morena an ein ungelöstes Versprechen. López Obrador war 2018 mit dem Versprechen angetreten, den Drogenkrieg zu beenden. Er sprach von »Umarmungen statt Kugeln« und wollte durch Sozial- und Wirtschaftsprogramme den Kartellen den Boden entziehen. Zugleich trieb er jedoch die Militarisierung des Staats voran. Während seiner sechsjährigen Amtszeit gab es fast 200.000 Morde im Land – ein trauriger Rekord in der jüngeren mexikanischen Geschichte.