27.11.2025
Die Accounts von US-Behörden sorgen für Unmut bei Bluesky

Über den Wolken

Auf der Social-Media-Plattform Bluesky versammelten sich ab 2022 vor allem Trump-Gegner, die etwas gegen die Übernahme von Twitter durch Elon Musks Maga-Trolle hatten. Nun haben sich mehrere US-Behörden Accounts auf der Plattform erstellt, was die Nutzer:innen in Aufruhr versetzt.

Als mehrere US-Regierungsbehörden vor wenigen Wochen mit eigenen Accounts auf der Social-Media-Plattform Bluesky auftauchten, stieß das den bisherigen User:innen sehr übel auf. Auf den Accounts des Weißen Hauses, des Außen- und dem Gesundheitsministeriums sowie des kürzlich in Kriegsministerium umbenannten ehemaligen Verteidigungsministeriums wird auf Bluesky, wie auf den anderen Plattformen, eine Mischung aus America-First-Botschaften, Provokationen gegen die Demokraten und KI-generierten Trump-Memes veröffentlicht.

Aus dem Kreis der Nutzer:innen, die Bluesky bislang als Safe Space für Trump-Gegner:innen und Linksliberale verstanden hatten, blockierten Hunderttausende die Regierungsaccounts. Zu den fünf meistblockierten Accounts auf Bluesky gehören derzeit drei der US-Regierung – auf Platz eins der des US-Vizepräsidenten J. D. Vance.

Bluesky entstand 2019 als Nebenprojekt des Twitter-Gründers Jack Dorsey – nicht als linkes Twitter, sondern als technisches Experiment.

In Deutschland war das kaum Thema, bis der IT-Blogger Sascha Pallenberg in einem emotionalen Beitrag ankündigte, die Plattform zu verlassen: »Bluesky – Der Traum ist vorbei«, lautete sein Urteil. Er wertet den Schritt der US-Regierung, Accounts auf Blue­sky zu eröffnen, als einen Wendepunkt für die Plattform. Die Behörden seien gekommen, »um zu provozieren, um Hass zu streuen, um Aufmerksamkeit zu kapern. Und Bluesky ließ sie gewähren.«

Pallenbergs Kritik widerspricht eigentlich der Idee hinter Bluesky. Denn die Plattform funktioniert anders als die geschlossenen Systeme von X oder Meta. Dort entscheidet ein Algorithmus, was Nutzer:innen zu sehen bekommen. Auf Bluesky entsteht Sichtbarkeit hingegen durch kollektives Verhalten – Inhalte werden dem Publikum angezeigt, wenn viele sie gleichzeitig liken, teilen oder kommentieren, nicht weil eine Maschine sie priorisiert.

Viele der inzwischen rund 40 Millionen Nutzer:innen sind jedoch nicht primär wegen dieser technischen Offenheit zu Bluesky gekommen, sondern weil Elon Musk 2022 Twitter (heute X) übernahm und dort Wahlkampf für Trump machte. Wer damals zu Bluesky wechselte, suchte vor allem eines: einen nicht von Trump und Musk kontrollierten Raum. Drei Jahre später finden nun manche, dass Bluesky eben doch »nur ein weiteres US-Netzwerk (ist), welches dem Trump-Regime hörig« sei, wie es in Pallenbergs Blogartikel heißt.

Wer ein offenes Netzwerk nutzt, bekommt keine politisch geschützte Zone

Seine Enttäuschung verweist auf ein grundlegendes Dilemma: Ein Netzwerk kann technisch offen gestaltet sein, aber dann ist es eben auch zunächst einmal allen möglich, dort Accounts zu eröffnen, unabhängig davon, ob die politisch zur Idee der Plattform und ihrer eingeschworenen Nutzer:innen­gemeinschaft passen. Manche Nutz­er:in­nen wollten aber nur die »Richtigen« dabeihaben. Ein Widerspruch, der sich technisch nicht lösen lässt.

Die Kritik an Bluesky offenbart damit ein grundlegendes Missverständnis digitaler Öffentlichkeit: Wer ein offenes Netzwerk nutzt, bekommt eben keine politisch geschützte Zone. Denn Schutz erfordert, Offenheit einzuschränken – eine eigentliche triviale Erkenntnis.

Bluesky entstand 2019 als Nebenprojekt des Twitter-Mitgründers Jack Dorsey – nicht als linkes Twitter, sondern als technisches Experiment, das 2021 eine selbständiges Unternehmen wurde. Es sollte zeigen, dass soziale Plattformen modular funktionieren können: Feeds, Moderation und Nutzerprofile sollten voneinander getrennt und austauschbar sein.

Musk, Trump und den Maga-Trollen entgehen

Grundlage dafür ist das AT-Protokoll – ein System, das theoretisch von verschiedenen Accounts aus betrieben werden kann, statt von einem Konzern kontrolliert zu werden. Jay Graber, die Geschäftsführerin von Bluesky, beschreibt es als Versuch, »öffentliche Infrastruktur zu bauen, die nicht proprietär ist«.

Die große Migration der Nutzer:in­nen von Twitter zu Bluesky ab Ende 2022 hatte allerdings wenig mit netzpolitischen Idealen zu tun. Man wollte Musk, Trump und den Maga-Trollen entgehen. Das veränderte den Charakter der Plattform – und Bluesky wurde politisiert, allerdings anders als Twitter/X. Dort wurde Politisierung von oben betrieben, durch Eingriffe in Moderation, Reichweite und Verifizierung. Auf Bluesky dagegen entstand sie von unten, durch die Zusammensetzung der Community und ihre Erwartungen an den digitalen Raum.

Der Umgang mit den Accounts der US-Behörden auf Bluesky zeigt, wie versucht wird, den Raum frei von Störungen zu halten. Prominente Nutzer:innen kuratierten Moderations- beziehungsweise Blocklisten, die man auf Bluesky abonnieren kann. Wer einer solchen Liste folgt, blockiert automatisch alle dort eingetragenen Accounts. So wurden die Regierungsprofile innerhalb kürzester Zeit kollektiv ausgeblendet, ohne dass die Plattform selbst eingreifen musste.

Dislike-Button auf Bluesky

Blocklisten waren ursprünglich als Schutz vor koordinierten Trollkampa­gnen gedacht. De facto reichte jedoch oft eine einzige von vielen Nutzer:innen abonnierte Liste aus, um bestimmte Accounts auf großen Teilen der Plattform unsichtbar zu machen – meist ohne dass Nutzer:innen je deren Inhalte gesehen hätten.

Ende Oktober kündigte Bluesky dann an, einen Dislike-Button einzuführen und zu testen. Offiziell soll er die Feeds stärker personalisieren; Dislikes sollen privat bleiben und kein negatives Signal an andere User:innen senden. Faktisch wird die Funktion jedoch verstärken, was auf Bluesky ohnehin bereits geschieht: die Ausblendung unerwünschter Inhalte.

Viele Nutzer:innen in den USA suchen nicht primär Offenheit, sondern Schutz. Das hat nachvollziehbare Gründe.

Solche Funktionen beschleunigen eine Entwicklung, die bereits zuvor zu beobachten war: Viele Nutzer:innen in den USA suchen nicht primär Offenheit, sondern Schutz. Das hat nachvollziehbare Gründe. Wer sich in der digitalen Öffentlichkeit gegen Trump positioniert, riskiert digitale Hasskampa­gnen, persönliche Angriffe oder berufliche Nachteile.

Einer Reuters-Unter­suchung zufolge wurden in den Wochen nach der Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk über 600 US-Amerikaner:innen entlassen, suspendiert oder diszipliniert, nachdem sie sich online kritisch oder spöttisch über ihn geäußert hatten. Besonders häufig traf es Lehrkräfte und Beschäftigte im Bildungsbereich.

Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch nach einem politisch homogenen Umfeld nachvollziehbar. Doch wenn eine Plattform, die technisch Offenheit ermöglicht, sozial zur Abschottung genutzt wird, entsteht ein Paradox, kritisiert etwa das Blog Tech Policy Press, das von »mikrosegmentierten Öffentlichkeiten« spricht, die sich über moralische und politische Selbstvergewisserung stabilisieren.

Toxisches »blueskyism«?

Der US-amerikanische Wahlforscher Nate Silver spricht sogar von toxischem »blueskyism«, einer digitalen Kultur, die nicht durch harsche Ausschlüsse auffällt, sondern durch »stille Anpassung«, und in der Widerspruch schnell als Angriff gesehen wird. Dies erzeuge Selbstzensur und damit einen fragilen Konsens, der nicht ausgehandelt wurde, sondern aus Konformität entsteht.

In den USA wird die Wahl der Plattform längst als politische Positionierung verstanden – soziale Medien sind dort Teil des Kulturkampfs. Die EU möchte einen anderen Weg gehen. Vergangene Woche wurde im Rahmen des Europäischen Digitalgipfels in Berlin das Projekt Eurosky vorgestellt, das Blueskys AT-Protokoll als Grundlage für eine digitale Infrastruktur nutzen will, die von in Europa geltenden Normen und Gesetzen bestimmt wird.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht eine Machtfrage: Wer kontrolliert die digitale Kommunikationsarchitektur und wer sollte es tun, damit eine souveräne Öffentlichkeit entsteht, die gegen Manipulationsversuche widerstandsfähig ist?

»Heute ist Europa zu 100 Prozent wehrlos gegenüber feindlichen Kampagnen, die genau die Plattformen als Waffen einsetzen, die wir nicht kontrollieren. Wir behandeln diese Systeme wie harmlose Unterhaltungsangebote, anstatt sie als die geopolitischen Schwachstellen zu betrachten, die sie tatsächlich sind.« Sebastian Vogelsang, Eurosky

Sebastian Vogelsang, der in leitender Position bei Eurosky arbeitet, erklärt, warum das wichtig ist: »Heute ist Europa zu 100 Prozent wehrlos gegenüber feindlichen Kampagnen, die genau die Plattformen als Waffen einsetzen, die wir nicht kontrollieren. Wir behandeln diese Systeme wie harmlose Unterhaltungsangebote, anstatt sie als die geopolitischen Schwachstellen zu betrachten, die sie tatsächlich sind.«

Die EU müsse Social-Media-Plattformen als kritische Infrastruktur behandeln und entsprechend finanzieren, argumentiert er. Angesichts hybrider Bedrohungen seien solche Systeme eher ein sicherheitspolitisches Vorhaben als ein Innovationsprojekt.

Doch auch eine öffentlich verantwortete Infrastruktur bleibt ein politischer Raum. Sie verschiebt die Macht lediglich weg von Konzernen, hin zu staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Organisationen. Wer dort die Regeln setzt, ist ebenso entscheidend wie es bisher war, wem die Plattformen gehören. Eine pluralistische digitale Öffentlichkeit entsteht aus öffentlich-rechtlicher Kontrolle nicht automatisch.

Eine digitale Öffentlichkeit, die weder großen Technologie-Konzernen gehört noch staatlich gesteuert wird, braucht Nutzer:innen, die Widerspruch aushalten – und dem Reflex der Abschottung widerstehen.