27.11.2025
In Polen wurde das Schienennetz an mehreren Stellen sabotiert

Störungen im Betriebsablauf

In Polen wurde das Schienennetz gezielt sabotiert. Die Ermittlungsbehörden identifizierten zwei ukrainische Staatsbürger als mutmaßliche Täter, die für den russischen Geheimdienst gearbeitet haben sollen.

Von der »möglicherweise schwerwiegendsten Situation – im Hinblick auf die Sicherheit Polens – seit Ausbruch des umfassenden Kriegs in der Ukraine« sprach Polens Ministerpräsident Donald Tusk vom liberal-konservativen Parteienbündnis Koalicja Obywatelska (KO) am Dienstag vergangener Woche bei einer Rede vor dem Sejm, dem polnischen Unterhaus. Ein von den russischen Sicherheitsbehörden gesteuerter Sabotageakt habe das Leben polnischer Bürger bedroht und darüber hinaus Chaos und Unsicherheit stiften wollen.

Die Gefahr, die Tusk in so drastischen Worten schilderte, erscheint dabei auf den ersten Blick überschaubar – ein Riss in einem Schienenbett, eine zertrennte Oberleitung. Aber es hat gute Gründe, dass die polnische Regierung diese Vorfälle so ernst nimmt, denn sie sind wahrscheinlich Resultate der hybriden russischen Kriegführung gegen die europäischen Verbündeten der Ukraine.

Die ukrainische Staats­angehörigkeit der mutmaßlichen Saboteure ist verfänglich, denn die Ressentiments der polnischen Bevölkerung gegen ihr Nachbarland werden stärker.

Am Wochenende zuvor war es rund 100 Kilometer östlich von Warschau an zwei Stellen des polnischen Schienennetzes zu Vorfällen gekommen, die sich im Lauf der Woche als gezielte Sabotageakte entpuppt haben. Am Abend des 15. November war auf der Zugstrecke Warschau–Dęblin während der Durchfahrt eines Güterzugs beim Dorf Mika ein Sprengsatz explodiert. Die Auswirkungen waren minimal, so dass der Zugfahrer die Detonation nicht bemerkte, doch in den Schienen kam es zu einem Riss, der sich allmählich vergrößerte.

Erst am Sonntagmorgen wurde der Schaden erkannt und der Zugverkehr kurzfristig angehalten. An anderer Stelle entlang derselben Bahnstrecke wurde an Gleisen eine Stahlklemme gefunden. Später am Tag war in der Nähe der Stadt Puławy in einem Zug eine zerbrochene Scheibe gemeldet worden, die durch ein zertrenntes Oberleitungskabel beschädigt worden war.

Die Vorfälle wurden von der polnischen Polizei und den Sicherheitsbehörden, von Politiker:innen aller Lager sowie von den Medien sehr ernst genommen, und so präsentierte Tusk bereits am Dienstag die vorläufigen Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden. Diese hätten innerhalb von weniger als 70 Stunden die Identität der beiden Tatverdächtigen festgestellt; es handle sich um zwei ukrainische Staatsbürger, von denen einer bereits im Mai von einem Gericht im ukrainischen Lwiw wegen Sabotage verurteilt worden sei. Beide Männer hätten demnach seit längerer Zeit mit dem russischen Militärnachrichtendienst GRU kooperiert, seien im Herbst 2025 über Belarus nach Polen eingereist und nach der Tat wieder dorthin ausgereist.

Nicht nur der Sabotageakt selbst, sondern auch die ukrainische Staatsangehörigkeit der mutmaßlichen Saboteure ist verfänglich, denn die Ressentiments der polnischen Bevölkerung gegen ihr Nachbarland und die Million ukrainische Migrant:innen und Geflüchtete, die sich in Polen aufhalten, werden stärker. Während zu Höchstzeiten im März 2023 rund 83 Prozent der polnischen Bevölkerung die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter aus Kriegsgebieten befürworteten, sank der Wert im September 2025 auf 48 Prozent; nur noch knapp ein Drittel der befragten Pol:innen gab an, eine positive Einstellung zu Ukrainer:innen zu haben, während es vor zwei Jahren noch etwa die Hälfte war.

Teil der russischen hybriden Kriegsführung?

Bereits im Präsidentschaftswahlkampf im Frühjahr wurde das Thema ukrainischer Geflüchteter und der vermeintlich hohen Kosten für die polnische Bevölkerung politisch ausgeschlachtet. Auch der Kandidat der KO, Rafał Trzaskowski, hatte beispielsweise gefordert, die Sozialleistungen für Ukrainer:innen einzuschränken. Genützt hat es ihm allerdings nicht, gewann doch Karol Nawrocki, der von der rechtskonservativen Partei Prawo i Spra­wie­dliwość (PiS) unterstützt worden war und sich mit antiukrainischen Äußerungen kaum zurückhielt.

Obwohl die Regierungskoalition aus der KO, der sozialdemokratischen Lewica und dem konservativen Polskie Stronnictwo Ludowe (PSL) damit liebäugelt, Ressentiments gegen Ukrainer:in­nen zu bedienen, stellten Tusk und Außenminister Radosław Sikorski (KO) die Sabotageakte an den Schienen schnell als Teil der russischen hybriden Kriegsführung dar. Besonders, da sich sowohl in sozialen Medien als auch unter Politikern der rechtsextremen Konfederacja schon kurz nach dem Bekanntwerden der Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen Vermutungen verbreiteten, dass die Ukraine Polen durch solche Aktionen in den Krieg mit hineinziehen wolle.

Desinformation und Propaganda

In seiner Rede vor dem Sejm am 19. November sagte Sikorski, dass er »diejenigen, die die Ukraine für die russischen Tätigkeiten in Polen verantwortlich machen«, als politische Saboteure betrachte, und betonte, dass Russland Milliardensummen für ebensolche Desinformation und Propaganda ausgebe. Zugleich bemühte sich die polnische Regierung um schnelles Handeln: Während Tusk für einige Zugstrecken eine erhöhte Sicherheitsstufe verhängte, ließ Sikorski das russische Konsulat in Danzig schließen.

Die hybride russische Kriegsführung gilt vielen europäischen Staaten und allen voran Polen seit Jahren. Die polnische Regierung macht Russland für den Großbrand in einem Einkaufszentrum in Warschau im Mai 2024 verantwortlich, im September sorgte das Eindringen russischer Drohnen in den polnischen Luftraum für Schlagzeilen. Die Sabotage an der Zugstrecke passt in die russische Taktik. Diese zielt an verschiedenen Stellen darauf – ob durch zerstörte Tiefseekabel, Brandsätze in Paketen oder eben die Beschädigung der Verkehrswege –, immer neue Schwachstellen in der Sicherheitsinfrastruktur der europäischen Verbündeten der Ukraine offenzulegen. Gleichzeitig versucht sie, Ängste zu schüren und bereits bestehende gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen.