Jungle+ Artikel 27.11.2025
Anja Rützel, Journalistin, im Gespräch über die britische Boyband

»Take That waren wie eine Katzenklappe«

Das Konzept der britischen Boyband Take That war ursprünglich für die schwule Clubszene gedacht und wurde in den Neunzigern ein Erfolgsrezept im Pop-Mainstream. Mit der Autorin Anja Rützel sprach die »Jungle World« über ihre Begeisterung für unironischen Kitsch.

Für die Reihe »KiWi Musikbibliothek« im Verlag Kiepenheuer & Witsch schreiben ausgewählte Autorinnen und Autoren über ihre Lieblingsbands. Sie haben Take That gewählt. Was verbindet Sie mit dieser Band?
Mich fasziniert tatsächlich ihre fast schon offensive Uncoolness. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hatte mich ursprünglich angefragt, weil sie erwartet hatten, ich würde mir David Bowie aussuchen – über den hatte ich in einem anderen Buch kurz geschrieben. Und weil alle Bowie lieben, erschien das auch naheliegend. Aber Bowie braucht nun wirklich kein weiteres Buch, das erklärt, wie großartig er ist. Meine andere große Bandliebe ist Pulp – auch die haben mich als Laudatorin nicht nötig. Aber Take That, dachte ich, vielleicht schon.

»Ich merkte, dass Pop auch dann wertvoll sein kann, wenn er nicht auf Coolness zielt, sondern völlig schamlos auf Emotion.«

Take That gilt schon seit 30 Jahren meine heimliche Sentimentalität. Nach außen wollte ich lange möglichst cool wirken: immer die richtigen Filme und die neuesten Bands kennen, all das, was zur Indie-Schnöseligkeit eben so dazugehört. Zu Take That kam ich erst mit Mitte 20, als ich in Tübingen Kulturwissenschaft studierte und erst recht das anstrengende Gefühl hatte, distinktionsmäßig überall vorne mit dabei sein zu müssen.
Take That waren wie eine kleine Katzenklappe, durch die ich kriechen konnte, um mir endlich hemmungslos Kitsch zu erlauben – und zwar ohne Ironie. Gerade in den späten Neunzigern, in dieser Phase von »so schlecht, dass es schon wieder gut ist«, war das untypisch. Und genau deshalb so befreiend. Ich merkte, dass Pop auch dann wertvoll sein kann, wenn er nicht auf Coolness zielt, sondern völlig schamlos auf Emotion.

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