04.12.2025
Mikola Dziadok, bela­russischer Anarchist, im Gespräch über seine Haftzeit, Foltermethoden und politische Fehleinschätzungen

»Die Häftlinge sollen gebrochen werden«

Im September wurde der belarussische Anarchist und Journalist Mikola Dziadok durch Vermittlung der US-Regierung nach fünf Jahren aus dem Gefängnis in Belarus entlassen, zusammen mit anderen politischen Gefangenen, darunter Oppositionelle, Journalisten und regierungskritische Demonstranten. Die »Jungle World« sprach mit Dziadok über seine Zeit in Haft, Foltermethoden und fatale politische Fehleinschätzungen.

Wie hatten Sie sich ihre Freilassung aus der Haft vorgestellt?
Vom ersten Tag der Haft an war mir bewusst, dass das Strafmaß keine Rolle spielt. Ich wurde zu fünf Jahren verurteilt, aber ich hätte je nach politischer Lage in einem Jahr freikommen können oder auch in zehn. Als sich meine Haftzeit dem Ende näherte, wurden gegen mich neue Strafverfahren eingeleitet. Dass der Krieg in der Ukraine meine Freilassung begünstigt, schien mir logisch, aber ich habe nicht daran geglaubt, dass es vor Kriegsende so weit kommt; eher an ein Ende durch eine Nato-Intervention und nach dem Sieg der Ukraine, der Belarus zusammen mit Russland kollabieren lässt. Oder realistischer gedacht, falls Aleksandr Lukaschenko infolge des Sanktionsdrucks Gesprächsbereitschaft an den Tag legt und uns nach und nach gehen lässt. So ist es dann ja gewesen.

Faktisch wurden Sie des Landes verwiesen und nach Litauen gebracht.
Unsere Gruppe aus 13 Häftlingen wurde einen Tag vor der Ausweisung ins Untersuchungsgefängnis des Geheimdiensts KGB überstellt. Man hat mich dann ohne mein Einverständnis, ohne meine persönlichen Gegenstände und ohne Dokumente einfach rausgeworfen.

Bleiben Sie in Litauen?
Bis auf weiteres ja. Ich habe hier früher vier Jahre gelebt, ein Studium abgeschlossen und dachte immer, Belarus könnte so sein, wenn es den europäischen Weg eingeschlagen hätte.

»Die Menschen in Belarus begriffen das Wesen des Regimes nicht, dem sie den Kampf angesagt hatten. Sie haben sich in Illusionen verstrickt.«

2010 kamen Sie erstmals in Gefängnis, 2020 erneut. Wie unterschied sich Ihre zweite Haftzeit von der ersten?
Als sie uns damals festnahmen, hat der Staat uns wie Extremisten und Dissidenten behandelt, die Revolution spielen. Zu dem Zeitpunkt gab es in Belarus etwa 60 politische Gefangene, mittlerweile sind es 1.300. Im Jahr 2020 begann Lukaschenkos Thron tatsächlich zu wackeln. Die Angst vor dem Fall entlud sich in brutaler Massenrepression und weitaus schlechteren Haftbedingungen. Aufgrund der heftigeren psychischen und physischen Gewalt war die zweite Haftzeit schwerer zu ertragen. Im Strafsystem gibt es keine Befugnisse zur physischen Vernichtung, aber die Häftlinge sollen gebrochen werden, damit sie nach ihrer Freilassung gar nicht erst auf die Idee kommen, sich politisch zu betätigen.

Was war am schwersten zu ertragen?
Ich mag diese Frage nicht. Der Staatsschutz verfolgt unsere Interviews und zieht daraus Schlussfolgerungen, um die Repression zu vervollkommnen. Nach der Festnahme wurde ich sechs Stunden lang geschlagen, gefoltert, mit Tränengas besprüht, mit einem Kissen erstickt, in einen Abstellraum gesperrt, der mit Gas gefüllt wurde, sie hämmerten auf Finger und Fersen ein. Dazu kamen Erniedrigungen, Beleidigungen, die ganze Nacht lang, bis ich aufgehört habe, mich zu weigern, meine Passwörter mitzuteilen und mich filmen zu lassen. So fängt es an.
Im Gefängnis habe ich alle gängigen Methoden erlebt, Druck auszuüben, außer sexueller Gewalt. Ich wurde angegriffen, in Zweierzellen verlegt mit Schizophrenen, Sadisten, Psychopathen. Zweimal ging ein Mitgefangener aus dem Nichts auf mich los. Ich habe vier Monate in einer Strafzelle verbracht. Das bedeutet Besuchsverbot, keine Telefonanrufe und Pakete, kein Kauf von Lebensmitteln im Laden der Strafkolonie. Briefe und Besuche blieben mir lange versagt. Meine Zellennachbarn haben keine Ruhe gegeben, geschrien, mich beleidigt, gedroht, mich zu vergewaltigen. An Schlaf war nicht zu denken. Dazu kommen fehlende Gesundheitsversorgung und Folter durch Kälte.

Kürzlich berichtete die Nowaja Gaseta Europa, dass Häftlinge in Belarus gezwungen würden, Zwangsarbeit für die russische Armee zu leisten. Haben Sie in der Haft davon etwas mitbekommen?
Dazu kann ich nichts sagen, weil ich mich nach der Ankunft in der Strafkolonie geweigert habe zu arbeiten.

Wie war Ihr Zugang zu Nachrichten? Wie haben Sie von der Großinvasion Russlands in die Ukraine erfahren?
Es gab mehrere Informationskanäle, nicht alle kann ich preisgeben, ohne denen zu schaden, die noch inhaftiert sind. Die Hauptquelle war die Staatspropaganda. Jede Zelle erhielt eine Ausgabe des Propagandablatts Belarus Sewodnja (Belarus heute; Anm. d. Red.). Als ich mal nicht in der Strafzelle saß, habe ich im Aufenthaltsraum im Fernsehen gesehen, was los ist, diese ganze Kriegshysterie. Ich konnte es erst kaum glauben.

Nach Ihrer Freilassung haben Sie in einem Text Gründe für das Scheitern der belarussischen Oppositionsbewegung 2020 dargelegt. Darin kritisieren Sie unter anderem das Konzept der »Farbenrevolutionen«. Können Sie Ihre Position kurz skizzieren?
»Farbenrevolutionen« funktionieren in postsowjetischen Ländern wie Georgien oder der Ukraine durchaus, in Belarus hingegen haben wir es mit einem völlig anderen Ausmaß an Machtkonzentration und einem gefestigten autoritären System zu tun. Sogar die Zahl an Polizisten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist in Belarus weitaus höher. Wir müssen eine völlig andere Strategie verfolgen. Die Menschen in Belarus begriffen das Wesen des Regimes nicht, dem sie den Kampf angesagt hatten. Sie haben sich in Illusionen verstrickt.

Welche Wege sehen Sie, die zu einer Absetzung der autoritären Machthaber in Belarus führen könnten?
Es gibt zwei Wege: entweder durch eine Militärinvasion oder durch den Fall von Putins Regime.

Wie bewerten Sie die Vorgehensweise der belarussischen Opposition im Exil? Zeitweise machten Strukturen wie die Organisation Bypol von sich reden, die sich aus ehemaligen Angestellten der belarussischen Strafverfolgungsbehörden zusammensetzt und von Polen aus agiert. Das klang sehr ambitioniert. Im Oktober haben sie ihre Auflösung bekannt gegeben. Verfolgen Sie solche Entwicklungen?
Das habe ich nur am Rande verfolgt. Ich habe mir geschworen, mich nicht allzu sehr in Details der Exilgemeinde zu verlieren. Mir ist es wichtiger, mich auf die Arbeit mit der in Belarus verbliebenen Bevölkerung zu konzentrieren und mich an ein internationales Publikum zu richten, zumindest in Osteuropa.

Sie haben erwähnt, dass sehr viele Menschen durch die Repression und Folter in Belarus traumatisiert sind. Wie wirkt sich das auf die Arbeit der Opposition im Exil aus?
Es braucht Solidaritätsstrukturen, um diesen Menschen beizustehen. Vieles davon gibt es bereits. Gleichzeitig ergibt es keinen Sinn, hohe Erwartungen an sie zu knüpfen. Seit Beginn der Massenrepression 2020 geraten Menschen oft nach dem Zufallsprinzip unter die Räder. Um als Extremist abgestempelt zu werden, muss man nicht gegen Lukaschenko gekämpft haben oder an einer Protestaktion beteiligt gewesen sein. Festnahmen erfolgten oft wahllos.

Gibt es aus Ihrer Sicht für die belarussische anarchistische Bewegung in Europa oder in westlichen Ländern politische Bündnispartner in der Linken oder bei anarchistischen Gruppen?
Kürzlich wurde die Gruppe Anarchist Black Cross Belarus aus der anarchistischen Buchmesse in Berlin ausgeschlossen, weil sie den Kampf für die Unabhängigkeit der Ukraine unterstützt. Ich will nicht alle Berliner Anar­chist:innen über einen Kamm scheren. Unsere Genoss:innen haben in dem Zusammenhang auch Solidarität erfahren. Aber es ist kein Geheimnis, dass der Krieg in der Ukraine auch im anarchistischen Lager zu einer politischen Spaltung geführt hat.
In Westeuropa ist die Lage durchwachsen, es gibt in der Frage der Unterstützung der Ukraine Pro und Contra, in Nordeuropa und in den postsowjetischen Ländern überwiegt eine vernünftige Linie, während es auf dem Balkan oder in Italien übel aussieht. Wer nicht offen Russlands Präsidenten Wladimir Putin unterstützt, tut so, als seien beide Kriegsparteien gleich verwerflich. Das ist unmoralisch und total absurd.
Wir hier in Osteuropa blicken auf die westliche Welt in der Annahme, dass es dort eine ausgeprägte demokratische politische Kultur gäbe, als würde man sich für Freiheit und gegen Unterdrückung einsetzen. Eigentlich sollten sie sich dort als Erstes gegen imperiales Machtstreben wehren, nehmen aber eher den Imperialismus der Nato wahr. In Belarus hat uns die Nato nie unterdrückt, dafür bekam ich mein ganzes Leben lang den russischen Imperialismus zu spüren. Die Ukraine gäbe es ohne Waffen aus den Nato-Staaten gar nicht mehr.

Für welches Anliegen machen Sie sich im Moment besonders stark?
Seit Kriegsbeginn ist es schwer geworden, Gehör für das Thema politische Gefangene in Belarus zu finden. Aber ich möchte daran erinnern, dass ihre Haftbedingungen grausam sind, sie werden gefoltert, einige sind in der Haft gestorben. Das passiert direkt hinter der EU-Außengrenze. Ich würde mir wünschen, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Wir unterstützen die Ukraine, wir lassen Lukaschenko nicht freie Hand. Durch Druck und, wenn nötig, Dia­log müssen die Gefangenen herausgeholt werden.

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Mikola Dziadok ist seit über 20 Jahren in der belarussischen anarchistischen Bewegung aktiv. Der Journalist und Blogger wurde 2010 mit zwei weiteren Anarchisten im Zusammenhang mit einem Anschlag auf die russische Botschaft in Minsk ohne ausreichende Beweise ver­urteilt und 2015 per Amnestie aus dem Gefängnis entlassen. Er selbst bestritt die Tat. Infolge der Massen­proteste gegen den langjährigen Präsidenten Aleksandr Lukaschenko 2020 wurde Dziadok erneut verhaftet. Im September kam er im Zuge eines von den Vereinigten Staaten vermittelten Abkommens aus dem Gefängnis frei. Sein Buch »Die Farben einer parallelen Welt« über seine Erfahrung in Haft erschien 2021 auf Deutsch.