04.12.2025
‍Der Kolumnist hält nichts von Fitness bei Konzerten

Entrüstete Nachrichten

Podkowik Propaganda. Stürme der Empörung ist der Kolumnist gewohnt, doch nun wurde ihm Empowerment unterstellt.

Als Kolumnist bin ich dazu verpflichtet, über mich selbst zu schreiben, und ich habe es sehr schwer. »Mein Freund Kolja geriet wieder einmal ungerechtfertigt in die Kritik – diesmal allerdings nicht aus politischen Gründen«, informierte Jan Müller, einschlägig bekannt als Mitglied der Band Toco­tronic und aus dem Podcast »Reflektor«, vor kurzem seine Follower auf Instagram.

Und ja, ich bin unfreundliche Post gewohnt, meistens, weil ich Israel nicht hasse. Neulich drohten mir verschiedene St.-Pauli-Fans Gewalt an, weil ich vor der Verwechslungsgefahr zwischen Jackson Irvine und David Irving gewarnt hatte.

Neulich drohten mir verschiedene St.-Pauli-Fans Gewalt an, weil ich vor der Verwechslungsgefahr zwischen Jackson Irvine und David Irving gewarnt hatte.

Doch was meinte der Müller denn nun? Einmal mehr war ich wüst beschimpft worden, und das nur, weil ich im Internet darauf hingewiesen hatte, dass Milch mit Cola gemischt ein hervorragendes Getränk ergibt. Einen prächtig aufschäumenden, wohlschmeckenden Drink der Extraklasse. Auch Jan Müller schäumte zunächst, hatte ich doch vergessen zu erwähnen, dieses lebensverändernde Rezept von ihm erhalten zu haben. Doch während ich die Wogen hier schnell glätten konnte, peitschte schon bald der nächste Sturm der Empörung auf mich ein.

Anlässlich des dieser Tage erscheinenden Antilopen-Gang-Live-Albums hatten wir einen Videoschnipsel online gestellt, in dem ich verkündete, es sei mir egal, ob die Leute bei unseren Konzerten tanzen. Das sei kein Indikator für ein gelungenes Konzert, ich selbst würde nie tanzen, sich zu Musik zu bewegen, sei oberflächlich.

Stimmt alles, war aber sinnentstellend zusammengeschnitten, denn wir wollten Aufmerksamkeit erregen, um das Album zu verkaufen. In Wirklichkeit habe ich nichts dagegen, wenn jemand tanzt, ich mag nur niemanden dazu auffordern.

Das Publikum liebt die Gymnastik

Ganz generell finde ich es nicht in Ordnung, dass sich Popgruppen vermehrt wie Fitnesstrainer oder Motivations­coaches gebärden und dauernd sportliche Aktivität vom Publikum einfordern. Das Publikum aber liebt die Gymnastik, es lässt sich das Tanzen nicht verbieten – und schickte mir entrüstete Nachrichten.

Alles wie immer also, mit einem Unterschied: Ich erhielt auch positive Zuschriften. Sie kamen von den Soziophoben und Zurückhaltenden, von denen, die nicht gerne tanzen und sich einem schrecklichen sozialen Druck ausgesetzt fühlen. Sie alle dankten mir für meine Worte, weil ich etwas »sichtbar« gemacht hätte.

Mehr noch: Sie unterstellten mir Empowerment. Ich hatte versehentlich etwas Gutes getan. Na ja. Ich will alle abgehen sehen jetzt!