Witzbilder aus dem Internet
Memes sind digitale Bild-Text-Formate, die in Foren und sozialen Medien verbreitet werden und mit geringem Aufwand humorvolle, zynische und/oder eindeutig politische Aussagen transportieren können. Grundlage sind häufig bekannte Fotos, Screenshots, Schlagzeilen oder visuelle Trends, die von Nutzerinnen und Nutzern immer wieder aufgegriffen und in neue Bedeutungszusammenhänge gesetzt werden. Mittlerweile werden auch oft kurze Videos (Reels) auf Instagram und Tiktok verwendet, doch Memes sind der Ursprung dieser digitalen Ausdrucksform.
Viele dieser Motive gehen zunächst in Foren wie Reddit, 4chan oder Tumblr um, bevor sie auf den großen Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Tiktok auftauchen. Dabei unterlaufen sie Umdeutungen und Neukombinationen. Memes zeichnet aus, dass sie geteilt und verändert werden. Oft lässt sich ihre Herkunft kaum noch eindeutig zurückverfolgen.
Ganz gleich ob queerfeministisch, radikalfeministisch oder liberal – eines haben die Meme-Accounts alle gemeinsam: eine gesunde Abneigung gegen Männer.
Meme-Accounts, die selbst Memes erstellen oder diese von anderen Plattformen kuratieren und selbst veröffentlichen, gibt es mittlerweile zu nahezu jedem Thema. »BWL Justus« produzierte Memes über das BWL-Studium und dessen typische Figuren. »Best of Kleinanzeigen« arbeitet mit Screenshots fragwürdiger sowie unterhaltsamer Inserate der Tausch-, Schenk- und Verkaufsplattform Kleinanzeigen.de. »Freud intensifies« erfreut Freunde und Freundinnen der Psychoanalyse und Philosophie. Die Auswahl reicht von schnell verdaulichen Späßen über nahezu dadaistische Abbildungen bis hin zu komplexen Inhalten. Memes sind in kreativer Hinsicht keine Grenzen gesetzt.
Für politische Kommunikation sind Memes auch deshalb nicht zu unterschätzen, weil sie sich so leicht erstellen und verbreiten lassen. Ein Account wird, meist anonym, angelegt, ein Bild oder Screenshot minimal bearbeitet und gepostet. So kann man schnell auf Ereignisse reagieren. Ebenso niedrigschwellig ist die Rezeption. Jeder, der auf den entsprechenden Plattformen unterwegs ist, kann die Bilder teilen, kommentieren oder in Sekundenschnelle weiterverarbeiten.
Gerade jüngere Nutzerinnen und Nutzer beziehen einen nicht unerheblichen Teil ihres politischen Wissens aus dem Gebrauch von Social-Media-Plattformen wie Instagram, Tiktok oder X. Dort ist Humor vielleicht noch wichtiger als anderswo: Er senkt die Einstiegshürden und ermöglicht politische Kommunikation, ohne »zu ernst« zu sein. Das ist besonders interessant, wenn es um Themen geht, die man als Nutzerin vielleicht nicht direkt ansprechen, aber doch teilen will. Ein Meme, das darüber scherzt, dass Männer sich nicht richtig wüschen, ist leichter zu verbreiten als ein persönlicher Post darüber, wie anstrengend es ist, den Partner immer wieder daran erinnern zu müssen, seine Bartstoppeln nach dem Rasieren aus dem gemeinsamen Badezimmer wegzuputzen.
Memes über Dating-Erfahrungen und Männerklischees
Auch in feministischen Kreisen haben Memes schon lange ihren Platz und finden immer mehr Anklang. Oft starten sie als kleine Accounts, als persönliches, anonymes Internettagebuch, und verarbeiten Dating-Erfahrungen mit Männern, Erfahrungen als Frau im Alltag oder am Arbeitsplatz. Und ganz gleich ob queerfeministisch, radikalfeministisch oder liberal – eines haben sie alle gemeinsam: eine gesunde Abneigung gegen Männer.
Wer bereits ein bis zwei schlechte Erfahrungen mit Männern gesammelt hat – und das sind viele Menschen –, fühlt sich auf jenen Seiten verstanden und vermutlich gut unterhalten. So hat die deutschsprachige Meme-Seite »Feminismus24«, die vor allem Memes kuratiert, über 90.000 Followerinnen; »bad.gurls.club« mit über 60.000 Followerinnen erstellt eigene Memes insbesondere über Dating-Erfahrungen und Männerklischees. Und das sind nur deutschsprachige Seiten. Die US-amerikanische Seite »saint.hoax« bereitet Schlagzeilen als Memes auf und ist nicht explizit feministisch, erreicht mit ihrer linksliberalen Haltung aber immerhin 3,4 Millionen Followerinnen und Follower.
Die in Memes gezeigten Beobachtungen schaffen Verbindung, sie vermitteln das Gefühl, nicht allein zu sein. Einige dieser feministischen Meme-Seiten sind längst mehr als nur das, teilweise entstehen auch parasoziale Verbindungen, bei denen sich bei Konsumentinnen das Gefühl einstellt, mit den Meme-Accounts in persönlicher Beziehung zu stehen. Die Beiträge sind teilbar, rufen zu Empowerment auf und können durch die humoristische Form die eigene Haltung nonchalant transportieren. Sie funktionieren als ästhetisierte Räume, um Frustration, Wut und auch Gewalterfahrungen kommunizieren zu können.
Patriarchale Gewalterfahrungen
Weil hier die Wut auf Männer aufgrund von patriarchalen Gewalterfahrungen zum Ausdruck kommt, wird jenen Meme-Seiten von Männern gerne Misandrie unterstellt. Das verpönte Wort wirkt hier aber auch nahezu als verbindender Begriff, der nicht selten als positive Selbstbeschreibung jener Accounts auftaucht und schon beinahe trendy anmutet. Ein bisschen so, wie die 1312-Codes linker Gruppen, die ja auch eine geteilte Ansicht über die Polizei ausdrücken.
Für die Betreiberinnen solcher Accounts bietet die Form auch Sicherheit: Sie können sich ausdrücken, ohne sich selbst kenntlich zu machen. Viele haben gute Gründe, anonym zu bleiben: Angst vor Reaktionen von Ex-Partnern, des Arbeitgebers oder der Familie. Manchmal ist es auch der Wunsch, private Erfahrungen nicht mit Klarnamen publik zu machen. Die Anonymität ermöglicht es, das öffentlich auszusprechen, was im realen Leben oft nur im kleinen Kreis oder gar nicht formuliert würde.
Solche Accounts können innerhalb kürzester Zeit Tausende, bisweilen sogar Millionen Menschen erreichen, und die positiven Reaktionen geben den Erstellerinnen Zuspruch. Die eigene Meme-Seite kann so auch identitäts- und sinnstiftend sein, ein Ort, an dem man zu einer Kunstfigur wird, die für viele Menschen spricht. Schnell kann aus einfachen Memes auch etwas Aktivistisches werden und der Anspruch der Followerinnen sich verändern. Veranstaltungshinweise, Organisationen und Kampagnen werden geteilt.
Heterofatalismus als Form von Resignation
Die Unterhaltungsseiten können mit ihrer Reichweite also große Gruppen auf den Plan rufen. Damit stellt sich die Frage, ob der im digitalen Raum geteilte humorvoll präsentierte Frust auch gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Denn verweilt man eine Zeitlang auf diesen Seiten, kommt so manche Konsumentin vielleicht weniger in die Stimmung, auf die Straße zu gehen und sich Protesten anzuschließen, sondern vielmehr in eine Form von Resignation, für die in einigen Feuilletons ein neuer Begriff verwendet wird: Heterofatalismus. Die negativen Dating-Erfahrungen, die ewige Care-Arbeit, die ständige Enttäuschung in Hetero-Beziehungen fördern eine Hoffnungslosigkeit, die statt zu Kampflust eher zum Rückzug führt.
Der Frust, der bei Frauen entsteht, wenn sie Männer daten, schlägt sich auch in Memes nieder – das Wort »Männer« wird zu »Menners« oder »Magger« und veralbert so den »starken Mann«, der nicht selten in den Kommentarspalten auftaucht und über Misandrie schimpft. Jene Motive und Wörter zeigen deutlich, dass Frauen den sprichwörtlichen Kaffee aufhaben. Die Menge an Beiträgen zu diesem Thema – und die vielen Likes, die diese erhalten – bezeugen die Reichweiten der Erstellerinnen und Konsumentinnen.
Frust und Wut können erhebliche Wirkung entfalten, besonders wenn sie geteilt werden und sich gegen Ungerechtigkeiten richten. Aber wohin führt das? Beiträge in den sozialen Medien können sehr viele erreichen und informieren, Memes können mehr als unterhalten, sie können Kräfte bündeln. Wenn alle sich online einig sind, was passiert, wenn das Handy beiseite gelegt wird? Die zweite Welle des Feminismus in den Siebzigern war von Bündnissen, gemeinsamen Protesten und politischen Konflikten gezeichnet. Wut war ein Ausgangspunkt großer Bewegungen. Sie führte zu starken politischen Forderungen und Veränderungen.
Memes erzeugen Resonanz und Gemeinschaftsgefühl
Die heutige Meme-Kultur funktioniert anders. Memes erzeugen Resonanz und Gemeinschaftsgefühl im digitalen Raum. Der Frust wird performt, geteilt und mit Humor bearbeitet, statt unmittelbar in politische Praxis übersetzt zu werden. Denn hinter den Seiten stecken meist Einzelpersonen, die nicht verpflichtet sind oder die Absicht haben, mehr als eine Online-Präsenz zu betreiben; manchmal erwächst daraus auch handfester monetärer Nutzen. Memes haben dafür andere, nicht unwesentliche Vorzüge. Sie bieten Identifikation und transportieren Erfahrungen, die anderweitig oft nicht wahrgenommen werden.
Ob daraus Aktivismus entstehen kann, hängt weniger vom Format ab als von der Gesellschaft, die sie rezipiert. Die 4B-Bewegung aus Südkorea, bei der Frauen sich weigern, zu heiraten, Sex oder Dates mit Männern zu haben oder gar Kinder zur Welt zu bringen, ist in den zehner Jahren in Internetforen entstanden. Manche Nutzerinnen finden über Meme-Communitys tatsächlich Zugang zu feministischen Gruppen oder politischen Veranstaltungen.
Memes müssen nicht zwangsläufig in klassische politische Praxis münden, sie sind zunächst einmal dafür da, gesehen zu werden. Ihr besonderer Wert liegt in der kreativen, niedrigschwelligen Verarbeitung von Ereignissen, Stimmungen und Diskussionen und gibt Nutzerinnen eine Möglichkeit, die die eine oder andere sonst vielleicht nie erhalten hätte.