Homestory #49/2025
Die Linkspartei, und insbesondere ihre Neuköllner Sektion, ist immer für einen Knaller gut. Hoch die internationale Solidarität zwischen Neukölln und Paris! Das hatte sich offenbar Ferat Koçak alias @der_neukoellner gedacht, als er jüngst auf X rhabarberte: »Gegen Faschismus und Rassismus. Der französische Rapper Médine zusammen mit vielen anderen aus der Rap und HipHop Szene stellen sich konsequent gegen den Aufstieg der Rechten in Frankreich.«
Verlinkt hatte @der_neukoellner, seit diesem Jahr Mitglied des Bundestags, einen Videoschnipsel, auf dem Médine zusammen mit 30 teils vollbärtigen Typen und einer knappen Handvoll Frauen auf der Bühne eine Menschenmenge auf der Fête de l’Humanité in Paris antifaschistisch anheizt. Die französische Komikerin und Fernsehmoderatorin Sophia Aram spottete über dieses Video: »Diese ›antifaschistische‹ Sequenz in einem nichtgemischten Umfeld, das vor Testosteron und Männlichkeit nur so strotzt, riecht so stark nach Faschismus, als wären wir mitten hineingetreten.«
»Diese ›antifaschistische‹ Sequenz in einem nichtgemischten Umfeld, das vor Testosteron und Männlichkeit nur so strotzt, riecht so stark nach Faschismus, als wären wir mitten hineingetreten.« Sophia Aram
Aber diese Bewertung ist vielleicht Sophia Arams feministischer Sensibilität geschuldet, die man im männlichen Teil der Neuköllner Linkspartei nicht unbedingt teilt. Ganz hin und weg vom Auftritt Médines schrieb Ferat Koçak: »Ich wünschte mir, dass deutsche mainstream Rapper (…) diesem Vorbild folgen und sich konsequent gegen die AfD positionieren.«
Doch wen empfiehlt er da als antifaschistisches Vorbild? Ausgerechnet den stockreaktionären Regressiv-Rapper Médine, von dem großartige Bilder existieren: Auf einem trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift »Jihad«, das J originellerweise in Form eines Schwerts; das korrespondiert mit seinen Songtexten, in denen er schon mal Laizisten kreuzigen wollte. Auf mehreren Fotos ist er mit dem Quenelle-Gruß zu sehen, einer Art tiefergelegtem Hitlergruß, der auch Jean-Marie Le Pen, dem früheren Führer des Front national, lieb und teuer war.
Médine ist so antifaschistisch wie der Gründer des Front national
Den Quenelle-Gruß hatte Médine von dem antisemitischen Komiker Dieudonné übernommen, den er unmissverständlich unterstützte; da war Dieudonné bereits mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt, pflegte enge Beziehungen zu Jean-Marie Le Pen und hatte den Holocaust-Leugner Robert Faurisson auf seiner Bühne präsentiert.
Das war in den zehner Jahren, ist also schon eine Weile her. Doch vor zwei Jahren frönte Médine erneut seinen antiantifaschistischen Hobbys und bezeichnete die französische Essayistin Rachel Khan auf X als »resKHANpée« – eine Anspielung auf die Deportation von Khans jüdischen Großeltern während des Zweiten Weltkriegs ins KZ; rescapés sind Überlebende der Shoah. Den Historiker Sébastien Ledoux erinnerte Médines Tweet an Jean-Marie Le Pen.
Médine ist ein antifaschistisches Vorbild von echtem neukoellner Schrot und Korn, so antifaschistisch wie der Gründer des Front national. Dass Ferat Koçaks absurder Tweet in der Neuköllner Linkspartei irgendwelche Konsequenzen zeitigt, ist dennoch nicht zu erwarten.