Die Wut vor dem Bildschirm
Rechtspopulismus, Verschwörungstheorien, Konzentrationsschwierigkeiten und auch noch die Erderwärmung – das Internet wird für viele Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht. Von den utopischen Erwartungen, die sich einst an es knüpften, scheint jedenfalls nicht viel übriggeblieben zu sein. War das Internet ein Fehler? Sollte es abgeschaltet werden? Oder ist es noch reformierbar? Markus Liske meint, massenhafter Internetkonsum sei schädlich, aber das Internet leider nicht mehr wegzudenken (»Jungle World« 48/2025).
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Das Problem ist nicht das Internet. Das Problem ist der Mensch. Die Grundidee des Internets als eines rhizomatischen Netzes aus Netzen ohne Zentrum und Hierarchien war und ist im besten Sinne des Wortes utopisch. Das, was die Menschen daraus machen, gleicht hingegen mehr und mehr einer Dystopie.
Der Informatiker Tim Berners-Lee beschrieb das Internet Anfang der neunziger Jahre als den »Traum einer gemeinsamen Informationswelt, in der wir miteinander kommunizieren, indem wir Informationen teilen«. Ohne seinen Traum gäbe es das Internet in seiner heutigen Form gar nicht. Den ersten Webbrowser World Wide Web, die Programmiersprache HTML, das HTTP-Protokoll und URL als Format für Internetadressen – all das hat er erfunden oder war maßgeblich an der Erfindung beteiligt.
Heutzutage ist von diesem Optimismus wenig geblieben. Bereits 2018 sah Berners-Lee das Internet an einem Kipppunkt angekommen. Fehlender Datenschutz, Hassrede, Fake News und nicht zuletzt die Machtkonzentration in den Händen einiger weniger Konzerne – die Liste der Probleme, die er sah, war lang und wirkt noch immer aktuell. Bei einer Veranstaltung im Oktober an der Universität Harvard anlässlich der Veröffentlichung seiner Autobiographie ging er sogar noch einen Schritt weiter. Das Internet sei von einer »Aufmerksamkeitsökonomie« übernommen worden und verwandele seine Nutzer:innen in »konsumierbare Produkte«.
Gezeigt wird den Nutzer:innen, was sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bann der App hält und dazu bringt, weiterzuscrollen.
Diese Kritik ist nicht neu. Bezogen auf andere Medien ist sie sogar älter als das Internet. Bereits 1973 stellten die Künstler:innen Richard Serra und Carlota Fay Schoolman in ihrem Video »Television Delivers People« (Das Fernsehen liefert Menschen) fest: »Das Produkt des kommerziellen Fernsehens ist das Publikum. Fernsehen liefert Menschen an Werbefirmen.« Massenmedien, so Serra und Schoolman, heißen deshalb so, weil sie massenweise Menschen liefern.
Betrachtet man ein halbes Jahrhundert später die seither neu entstandenen digitalen und darunter vor allem die sogenannten sozialen Medien, so fällt es schwer, hier nicht dieselben Mechanismen am Werk zu sehen. Der ökonomische Wert digitaler und sozialer Medienplattformen bemisst sich nicht an der Qualität ihrer Inhalte, sondern an der Zahl der Nutzer:innen, der Aufrufe und der Interaktionen.
So richtig begonnen hat der ganze Schlamassel am 27. Oktober 1994. An diesem Tag nämlich erschien zum ersten Mal Bannerwerbung auf einer Internetseite. »Have you ever clicked your mouse right here? You will!« (Haben Sie jemals mit ihrer Maus genau hier geklickt? Das werden Sie!) stand auf dem Banner, das der US-amerikanische Telekommunikationskonzern AT&T auf Hotwired, dem zum Fachmagazin Wired gehörenden Online-Magazin, hatte einblenden lassen. Was damals innovativ, ja sogar clever wirkte, entwickelte sich schnell zu einem allgegenwärtigen Alptraum.
Die etwa gleichzeitig von Ethan Zuckerman erfundenen Pop-up-Banner wucherten dann schnell alles zu. Und als im Oktober 2000 der Werbedienst Google Adwords online ging, war ohnehin alles vorbei. Das Internet war endgültig zu einer digitalen Litfaßsäule verkommen. Allerdings zu einer, auf der auffällig oft für Penispumpen und Pornographie geworben wurde.
Wettrüsten, das bis heute nicht aufgehört hat
Ungefähr zur selben Zeit wurde auch Google selbst dank der damals revolutionären Idee, Internetseiten anhand der Zahl von backlinks, also Links, die von anderen Seiten kommen, zu bewerten, zur meistgenutzten Suchmaschine im Internet. Die Betreiber:innen von Websites durchschauten das System freilich sehr schnell – und setzten fortan alles daran, möglichst häufig verlinkt zu werden, und zwar egal auf welche Weise. Also verfeinerte Google seine Suchalgorithmen. Doch auch daran passte der Markt sich an, und es begann ein Wettrüsten, das bis heute nicht aufgehört hat.
Heutzutage liegt der Marktanteil von Google bei Suchanfragen bei über 80 Prozent. In über der Hälfte der Fälle klicken Nutzer:innen auf einen der ersten drei Treffer der Suchmaschine – sofern sie nicht vorher bereits auf die bezahlte Werbung darüber klicken. Wer keine Werbung schaltet und nicht zu den obersten Treffern gehört, ist so gut wie unsichtbar. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Internetseiten nicht mehr für Menschen, sondern für Google gestaltet werden. Immer häufiger bedeutet das in der Praxis, dass ein KI-Programm Texte für KI-Programme schreibt. Suchmaschinenoptimierung nennt man das, Optimierung für Leser:innen wäre etwas anderes.
Doch die sozialen Medien beschränken den Horizont ebenfalls. Vor allem für Jüngere spielen Suchmaschinen nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie suchen und finden einen Großteil ihrer Informationen eben über soziale Medien – teilweise in Form von Links von der Plattform weg auf herkömmliche Internetseiten, immer öfter jedoch auch in Form von Inhalten auf der jeweiligen Plattform selbst.
Jede dieser Plattformen hat ihre eigenen Algorithmen, die auf jeweils ganz eigene Art und Weise entscheiden, wem welche Inhalte wie oft angezeigt werden. Gemeinsam ist jedoch fast allen, dass sie sich dabei nicht an dem orientieren, was für die Nutzer:innen relevant sein könnte, sondern daran, was sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bann der App hält und dazu bringt, weiterzuscrollen.
Der Algorithmus kennt weder Ethik noch Moral
Was das ist, kann durchaus unterschiedlich sein. Den einen zeigen sie stundenlang Katzenvideos, den anderen geben sie Tipps für den perfekten Suizid. Den einen zeigen sie Bilder sterbender Kinder in Gaza, die anderen überrollen sie mit Animationen KI-generierter Frauen mit Riesenbrüsten. Der Algorithmus ist vollkommen wertfrei. Er kennt weder Ethik noch Moral. Vielleicht ist das die letzte echte Form von Gleichheit in unserer Welt: Alle bekommen das, was sie abhängig macht, und nicht das, was sie brauchen.
Es sagt durchaus etwas über die Nutzer:innen aus – und zwar nichts Schmeichelhaftes –, dass die Algorithmen sozialer Medien ihnen besonders häufig Inhalte vorsetzen, die sie wütend machen. Die Algorithmen würden das nicht tun, wenn es nicht funktionieren würde. Doch das tut es. Noch besser sogar als Katzenvideos und KI-generierte Softpornos.
Eigentlich könnte es uns völlig egal sein, was b1gd0ng69 von Regenbogenfahnen vor dem Reichstag hält. Doch es gibt offenbar etwas in vielen von uns, das es unfassbar schwer macht, ihm nicht die Meinung zu sagen. Das Schlimme ist, dass dieses Etwas dasselbe ist, das auch b1gd0ng69 zu seinem Kommentar animiert hat. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, in der Welt der sozialen Medien sind wir b1gd0ng69 sehr viel ähnlicher, als uns eigentlich lieb sein kann.
Das Problem ist nicht das Internet. Das Problem ist der Kapitalismus, der wie ein umgekehrter König Midas alles, was er berührt, in Scheiße verwandelt. In einer befreiten Gesellschaft wäre das Internet ein Ort des Wissens und des Lernens, der gleichberechtigten Kommunikation und des angstfreien Austauschs. Doch wir leben in keiner befreiten Gesellschaft. Und darum ist auch das Internet nichts anderes als die Digitalisierung all dessen, was auch analog schon falsch läuft.
Selbst auf dem Dorf ist die organisierte Kriminalität nur einen Mausklick entfernt
Kinderpornographie, Crystal Meth und Faustfeuerwaffen – dank Darknet und Kryptowährungen ist selbst auf dem Dorf die organisierte Kriminalität nur einen Mausklick entfernt. Und während die eher Älteren sich auf Facebook und Whatsapp selbst und gegenseitig in den Faschismus hineinradikalisieren, lernen die eher Jüngeren von Andrew Tate und Hannah Neeleman, wie sie am besten Frauen gefügig machen beziehungsweise Männern gefügig sein können.
Dass derzeit nicht nur rechte und religiöse, sondern auch linke Autoritarismen Konjunktur haben, liegt auf der Hand. In Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne vieler kaum noch für eine Buchseite reicht, lässt sich leicht vergessen, dass Mao, Stalin und Hoxha keine Diktaturen des Proletariats errichtet haben, sondern Diktaturen über es, und zwar ziemlich blutige.
Die Rechte dominiert den Diskurs, die Linke zerfleischt sich selbst und die Mitte war schon immer bloß Ideologie. Alle vereinzeln immer weiter und entfremden sich in einem solchen Tempo voneinander, dass Robert Putnams »Bowling Alone«, sein 2000 erschienenes Buch über die gesellschaftlichen Folgen der Vereinzelung in den USA, aus heutiger Sicht fast idyllisch klingt. Der digitale Lynchmob scheint eine der letzten Formen der Gemeinschaftsbildung zu sein.
Twitter war einst inspiriert von TXTMob, einer Software zur dezentralen Koordination von Protesten. Heute heißt Twitter X und gehört dem reichsten Faschisten der Welt. Am Ende gewinnen immer die Schamlosen.