04.12.2025
Gertraud Klemm verabschiedet in ihrer Streitschrift das Zeitalter der Männerherrschaft

Kritik des Phallozäns

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm übt in ihrem neuen Buch Kritik am Patriarchat und lobt das Matriarchat.

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm hat eine feministische Streitschrift verfasst, die matriarchal organisierte Gesellschaften favorisiert. Entsprechend subsumiert sie die Krisen der Gegenwart unter die Epochenbezeichnung »Phallozän« – in polemischer Abgrenzung zum geschlechtsblinden Begriff des Anthropozäns, der ein von menschlicher Herrschaft gekennzeichnetes Erdzeitalter meint.

Dass die Herrschaft eigentlich als eine männliche zu qualifizieren sei, bezeichnet Klemm als den »Elefanten im Raum«. Sie argumentiert plausibel, warum die komplex verschränkten Ursachen für die Krisen der Gegenwart in der Patriarchatskritik zusammengezogen werden können.

Stilistisch brillant und anhand vieler Beispiele aus Wissenschaftsgeschichte, Literatur und Philosophie zeigt Klemm die Zurichtung durch das Patriarchat auf, das sich jedoch mit der »Schwungmasse von Tausenden Jahren« Männerherrschaft verteidigen könne. 

Stilistisch brillant und anhand vieler Beispiele aus Wissenschaftsgeschichte, Literatur und Philosophie zeigt sie die Zurichtung durch das Patriarchat auf, das sich jedoch mit der »Schwungmasse von Tausenden Jahren« Männerherrschaft verteidigen könne. Damit trifft sie auch ins politische Zentrum der Gegenwart, wo gefährliche Alphamännchen peinlichsten Zuschnitts machtvoll reüssieren können, selbst dort, wo der feministische Kampf bereits zu realen Verbesserungen geführt hat.

Ungenau wird es, wenn Klemm historische und gegenwärtige Matriarchate als emanzipatorische Gegenentwürfe präsentiert. Diesen werden mit ökonomischen Vokabeln wie »Subsistenzökonomie, Geschenkökonomie und Kreislaufwirtschaft« geschmückt, die weitgehend inhaltsleer bleiben und kaum erklären, in welcher Weise derlei für die hochkomplexen Gesellschaften der Gegenwart wünschenswert wäre.

Das müsste sie auch nicht leisten – eine Kritik am Phallozän hätte für eine starke »Streitschrift« vollends gereicht. Wenn Klemm schließlich für »matriarchale Religionen« plädiert, die sie nicht historisch beschreibt, aber mit Begriffen aus dem Jargon der modernen Esoterik – »Yoga, Räucherzeremonien, Mondfeste« – verschlagwortet, hat sich die Streitschrift von radikaler Gesellschaftskritik verabschiedet.


Buchcover

Gertraud Klemm: Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift. Matthes & Seitz Berlin, 142 Seiten, 20 Euro