Top Hausarzt
Der Hausarzt ist wütend! Er sei unmotiviert, muss er im Internet lesen. Ja, selbstverständlich ist er das! Was soll er denn sonst morgens um 8 Uhr nach bereits x Patienten mit banalen Erkältungssymptomen sein? Schließlich kann er nicht jedem Schniefenden die gleiche hohe Performance bieten, wie sie von ihm bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu Recht erwartet werden darf. Denn dem Hausarzt ist neben seinem Zeit- sein Energiemanagement sehr wichtig, sonst kann er demnächst die Praxis wegen Erschöpfung und Burn-out dichtmachen.
Mittlerweile wird ja alles bewertet: Hotels und Innenstädte, Friseure und Imbisse. Warum nicht also auch der Hausarzt? Schließlich steht er in gewisser Weise im Fokus einer speziellen und begrenzten Öffentlichkeit und muss sich daher Kritik gefallen lassen. Die ist ja nicht immer unberechtigt: Lange Wartezeiten und unfreundliches Personal kommen vor und auch dem Hausarzt unterlaufen bei aller Sorgfalt Fehler oder er trifft hin und wieder nicht den richtigen Ton.
Einerseits scheinen die Erwartungen einiger seiner Patienten an ihn überhöht, andererseits möchte er gut wegkommen, jedenfalls besser als seine Kollegen! Es wäre schon toll, der beliebteste Hausarzt der Stadt zu werden, und vielleicht, irgendwann einmal, könnte er sogar Hausarzt des Monats sein.
Wie wird man am einfachsten ein guter Hausarzt? Und ist ein beliebter Hausarzt zugleich ein guter? Was ist überhaupt ein guter Hausarzt?
Aber der Weg dahin scheint ihm steinig. Wie wird man am einfachsten ein guter Hausarzt? Und ist ein beliebter Hausarzt zugleich ein guter? Was ist überhaupt ein guter Hausarzt? Da wird es schwierig! Schließlich wollen alle was anderes von ihm: Die eine will nicht lange reden, sondern nur eine Krankschreibung, der Nächste wünsch sich ausführliche Gespräche, andere wiederum fordern energisch bestimmte Laboruntersuchungen, die ihnen die KI empfohlen hat.
Wohlwollen im Internet scheint denen zuzufliegen, die viele Untersuchungen veranlassen und ihren Patienten bei allen Wünschen kritiklos entgegenkommen. Interessanterweise kritisieren Patienten äußerst selten, dass ihnen sinnlose selbst zu bezahlende Leistungen, wie zum Beispiel naturheilkundliche Behandlungen, Rücken- oder Knieinjektionen, aufgequatscht worden sind.
Vermitteln, erklären, vielleicht auch diskutieren, abwarten, wiederholte Termine, um nochmal zu beurteilen, erklären und diskutieren – all das kostet Zeit, die schlecht bezahlt wird. Es lohnt sich, schnell Überweisungen an Fachärzte auszustellen und Untersuchungen zu veranlassen, denn das verhilft am schnellsten zu positiver Online-Resonanz. Sind die Reaktionen im Internet dennoch schlecht, kann man sich gegen Bezahlung helfen lassen. »N. hilft ihnen dabei, mehr positive Bewertungen zu sammeln«, heißt es auf der Homepage eines entsprechenden Dienstleisters. Patienten würden nach ihrem Arztbesuch automatisiert per Mail aufgefordert, Bewertungen abzugeben, wobei der Arzt entscheidet, welche davon veröffentlicht werden.
Beurteilung von Ärzten durch Ärzte als Geschäftsmodell
So weit, so kompliziert, denkt der Hausarzt. Aber er steht vor einem noch größeren Problem: will er doch zudem von seinesgleichen, seinen ärztlichen Kollegen geachtet werden. Was nützt ihm der Zuspruch seiner Patienten, wenn seine Kollegen auf ihn herabblicken? Schließlich unterscheiden sich ihre Bewertungskriterien von denen medizinischer Laien.
Da wäre zum einen wirtschaftlicher Erfolg: Dieser verschafft einem in Kollegenkreisen Respekt. Aber auch Wissen und Kompetenz werden anerkannt. So sind dem Hausarzt durchaus Kollegen bekannt, deren Professionalität er schätzt, deren soziale und kommunikative Fähigkeiten und deren moralischen Kompass er jedoch, vorsichtig gesagt, als verbesserungswürdig beurteilt.
Einige Medien haben aus der Beurteilung von Ärzten durch Ärzte sogar ein Geschäftsmodell entwickelt. Ranglisten werden veröffentlicht, Zertifikate zu Werbezwecken an Mediziner oder die sie beschäftigenden Krankenhäuser verkauft. Ähnlich wie Bewertungen der Stiftung Warentest bei Waschmaschinen.
Der Hausarzt ist überfordert
Wo führt das noch hin? Soll der Hausarzt neben seinen Kollegen bald auch seine Patienten bewerten? Freundlichkeit und Kompetenz sind auch ihm nicht unwillkommen. Allerdings steht der Nachweis noch aus, dass Online-Bewertungen irgendetwas zum Besseren wenden. Für Patienten sind sie oft wenig hilfreich – und für Ärzte ebenso wenig.
Der Hausarzt ist von all dem überfordert. Fühlt er sich doch von guten Rezensionen geschmeichelt und würde aus Dankbarkeit seinen Patienten jeden Wunsch von den Augen ablesen. Negatives Feedback hingegen demotiviert ihn. Besonders morgens. Ja, nach so einem schlimmen Post im Internet ist der Hausarzt möglicherweise den ganzen Tag unmotiviert und bleibt im Bett. Und so einen Hausarzt will doch niemand.