»Die Mutter aller Fake News einmal ins Zentrum stellen«
1934 in den USA erschienene Version (l.). Bei »Patriotic Publishing Co.« handelt es sich um keinen eingetragenen Verein, möglicherweise wurde die Ausgabe von damals in den USA aktiven Nazis verbreitet. Ein von der Basler Polizei aufgrund der Anzeige der Juden Jules Dreyfus-Brodsky, Marcus Ehrenpreis und Marcus Cohn beschlagnahmtes Exemplar, 1933 (r.)
Sie haben sich filmisch mit einem mehr als 100 Jahre alten Text beschäftigt, der zu einer zentralen Referenz antisemitischer Verschwörungsmythen geworden ist. Was hat Sie dazu veranlasst, diesem Komplex gerade jetzt nachzuspüren?
Solche Projekte entstehen ja nie einfach nur aus dem Moment. Der neue Film knüpft direkt an meinen vorherigen Film »Jud Süß 2.0 – Vom NS- zum Online-Antisemitismus« an, der 2022 erschien. Da ging es um die Kontinuität von Bildwelten: Welche Motive und Stereotype stammen tatsächlich direkt aus dem Nationalsozialismus, was wird weitergetragen? Verschwörungserzählungen spielten da schon eine große Rolle. Praktisch jeder Nazi-Film erzählt ja irgendwie eine Verschwörung: »Jud Süß«, »Der ewige Jude«, »Die Rothschilds«, in all diesen Filmen laufen Verschwörungsphantasien mit.
»In Goebbels’ Tagebüchern sieht man, wie Gespräche über die Protokolle bei Hitler und ihm immer wieder Vernichtungsphantasien triggern.«
Die »Protokolle der Weisen von Zion« konnte ich damals aber nicht mehr angemessen behandeln, es war einfach zu viel Stoff. Dann gab der Sender Arte den Impuls, diese »Protokolle« als »Mutter aller Fake News« einmal ins Zentrum zu stellen. Wenn wir uns Umfragen zu antisemitischen Stereotypen anschauen, dann sind bis heute ganz vorne mit dabei: »Juden haben zu viel Einfluss, kontrollieren Medien und Finanzwelt.« Das wird einfach behauptet. Die Frage ist: Woher stammt dieses Bild?
Natürlich ist der Antisemitismus älter als die »Protokolle«, aber dort wird er extrem verdichtet. Diese Schrift bündelt Mythen und Ideologien, sie gibt ihnen eine Form, die bis heute nachwirkt. Wichtig war mir, diese Wurzeln offenzulegen, und gleichzeitig war schnell klar, dass ich die Dokumentation nicht rein historisch aufziehen kann. Die Schrift musste ins Heute geholt werden, in die digitale Gegenwart, in der die darin enthaltene Erzählung überall wieder auffächert.
Wenn man an einem Film über Antisemitismus arbeitet, lassen sich aktuelle Ereignisse nie ausblenden. Es kann jederzeit ein Anschlag oder eine neue Eskalation passieren. Dadurch wirkt das Thema immer zeitlich passend, das ist das Tragische.
Wie erklären Sie sich die Langlebigkeit der »Protokolle«?
Ein Schlüssel ist diese behauptete Authentizität. Die »Protokolle« kommen daher wie ein Dokument, das irgendwo gefunden wurde, alt, geheim, angeblich eine Rede eines Rabbiners in einer internen Sitzung, in der konkrete Absichten und Pläne für eine jüdische Weltherrschaft laut werden. Das gibt dem Ganzen eine Aura des Echten.
Jede Epoche kann das dann für sich aktualisieren. Menschen schlagen das Buch auf und sagen: »Das passt doch genau auf unsere Gegenwart.« Zur Finanzkrise: »Da steht ja, die Juden kontrollieren das Geld.« Zu Covid: »Da steht, die Juden bringen Krankheiten in Umlauf.« In den »Protokollen« steht zum Beispiel wörtlich, man werde Preise erhöhen, Inflation erzeugen und die Arbeiter um ihren Lohn bringen. Dann braucht es nur eine reale Inflation geben, und Leute ziehen das als Bestätigung heran.
Diese Kombination aus scheinbarer Authentizität und permanenter Aktualisierbarkeit macht die »Protokolle« so wirkmächtig. Das Grundmuster angeblicher geheimer jüdischer Steuerung hat sich tief eingeprägt.
Das antisemitische Pamphlet: Die »Protokolle der Weisen von Zion« sind ein antisemitisches Pamphlet aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Inhalt besteht aus vorgeblichen Mitschriften von jüdischen Geheimtreffen, in denen es um die Erlangung der Weltherrschaft geht. 1903 tauchte eine frühe Version im zaristischen Russland auf. In Deutschland zirkulierten sie nach dem Ersten Weltkrieg in rechtsextremen Kreisen, die die Schrift unter anderem zur Stützung der Legende vom »Dolchstoß« heranzogen. Obwohl die »Protokolle« bereits 1921 von der Londoner »Times« als Fälschung entlarvt wurden, haben sie im vergangenen Jahrhundert weltweit Verbreitung gefunden. Zum Beispiel gab Henry Ford in den zwanziger Jahren eine eigene Version in den USA heraus, 2002 wurde in Ägypten die 41teilige Fernsehserie »Reiter ohne Pferd« ausgestrahlt, die auf dem Pamphlet basiert.
In Ihrem Film wird deutlich, dass die »Protokolle« lange vor dem Vernichtungsantisemitismus der Nazis schon Weltbilder geformt haben. In welchem Maß haben sie aber tatsächlich als Vorlage oder Katalysator für die Vernichtungsideologie der Nationalsozialisten gedient?
Das ist umstritten und in der Forschung nicht abschließend geklärt. Es gibt das klassische Buch »Warrant for Genocide« von Norman Cohn aus den sechziger Jahren, das eine recht stringente Linie von den »Protokollen« zur Shoah zeichnet. So einfach ist es aber vermutlich nicht.
Schon für Pogrome im zaristischen Russland wurde oft behauptet, die »Protokolle« hätten eine zentrale Rolle gespielt. Später hat man genauer hingeschaut: Haben die entscheidenden Täter das überhaupt gelesen? Wie stark war der Einfluss wirklich?
Für die Nazis selbst kann man sagen, dass die »Protokolle« ein Baustein in einem größeren ideologischen System waren. In Goebbels‘ Tagebüchern sieht man, wie Gespräche über die »Protokolle« bei Hitler und ihm immer wieder Vernichtungsphantasien triggern. Interessant ist der Zeitpunkt: Die Gespräche datieren auf die Jahre 1942 / 1943, da läuft die massenindustrielle Vernichtung der Juden bereits. Das heißt, Ursache im strengen Sinne sind die »Protokolle« nicht. Aber sie liefern ein zusätzliches, extrem wirksames Verschwörungsnarrativ.
Die Botschaft lautet: »Juden sind eine Gefahr. Wenn wir nicht handeln, erreichen sie ihre Ziele. Also müssen wir zu Gewalt greifen.« Diese Logik steckt in der Schrift. Man kann deshalb sagen, dass sie Teil eines ideologischen Untergrunds ist, aber nicht der Auslöser nach dem Motto: Hitler liest die »Protokolle« und beschließt Vernichtung.
Sie zitieren in Ihrem Film Goebbels mit dem Satz, die »Protokolle« hätten »eine innere Wahrheit, wenn auch keine sachliche«. Was meinte er damit?
Goebbels glaubte 1924 selbst nicht, dass das Dokument echt ist. Er meinte, wenn es echt wäre, wäre es nie an die Öffentlichkeit gelangt. Die Juden seien nicht so dumm, einen so zentralen geheimen Plan publik zu machen. Trotzdem spricht er den »Protokollen« eine »innere Wahrheit« zu.
Gemeint war: Egal ob authentisch oder fabriziert, die Schrift beschreibe exakt, wie Juden wirklich denken und handeln – also eine Art Masterplan jüdischer Weltverschwörung. Sinngemäß sagte er schließlich: Wenn es nicht echt ist, muss es von einem genialen Urheber stammen. Von jemandem, der so denken kann wie ein jüdischer Verschwörer. Hitler wiederum war der Ansicht, das Ganze sei absolut echt.
Interessant ist im Film der Kontrast zu Eichmann. Von ihm gibt es eine Quelle, in der er die »Protokolle« als »Märchen« bezeichnet. Das ist keine Ansicht, zu der er erst im argentinischen Exil findet. Viele in der NS-Führung haben die »Protokolle« offenbar nicht als Fakten gelesen, sondern eher als nützliches Propagandastück. Das zeigt, wie gezielt und zynisch damit umgegangen wurde.
Sehen Sie an der Stelle strukturelle Ähnlichkeiten beim Gebrauch des Begriffs Genozid in Bezug auf den Krieg im Gaza-Streifen? Mir scheint, auch hier wird mehr mit einer »inneren Wahrheit« hantiert als mit einer eindeutigen juristischen Definition.
Ja, in der Struktur der Argumentation gibt es Ähnlichkeiten. Wenn man einmal in einer Verschwörungslogik angekommen ist, reicht eine »innere Wahrheit«. Man sieht Bilder von Zerstörung, hört einzelne Zitate von israelischen Politikern und sagt: Das muss ein Genozid sein, alles andere ist Beschönigung. Die juristische Definition – etwa der Nachweis von Intention – spielt dann kaum eine Rolle.
Ähnlich bei den »Protokollen«. Wer der Erzählung anhängt, greift alle Realitätssplitter auf, die sich einfügen lassen. Es ist immer das gleiche Muster. Man hat die große Verschwörung im Kopf und alles, was irgendwie anschlussfähig ist, wird als Beleg gelesen, egal, wie schief die Ableitung ist.
Sie zeigen im Film viele Beispiele aus Popkultur und digitaler Sphäre. Welche alten Stereotype tauchen im Gewand von viralen Posts und Memes wieder auf?
In meinem vorherigen Film ging es stärker um visuelle Codes. In meinem Film stehen weniger die »Protokolle« als Text im Vordergrund, sondern die Motive: mächtige Juden, Banken, Finanzwelt, Wirtschaft, Krankheit als Waffe. Wenn etwa Kanye West, der sich mittlerweile Ye nennt, eine Tabelle mit den Namen von CEOs präsentiert und sagt, die seien alle jüdisch, ist das exakt dieser Verschwörungsbausatz. In Rap-Texten oder Bildwelten tauchen dazu Symbole für globale Kontrolle wie Schlangen, Spinnen, Geld auf, oft mystisch aufgeladen als »das Böse«, das »System«.
»Man muss nicht überall das Wort ›Protokolle‹ lesen, um ihre DNA zu erkennen. Die Kernaussage davon ist: Juden sind eine geheime, zersetzende Macht, die Nichtjuden in eine willenlose Masse verwandelt.«
Man muss nicht überall das Wort »Protokolle« lesen, um ihre DNA zu erkennen. Die Kernaussage davon ist: Juden sind eine geheime, zersetzende Macht, die Nichtjuden in eine willenlose Masse verwandelt.
Ich habe im Film eher zurückhaltende Beispiele gewählt. Es gibt sehr viel drastischeres Material, das man zeigen könnte, was aber kaum zu verantworten wäre. Zumal nicht auf einem öffentlich-rechtlichen Sender. Ähnliches gilt für KI-Bilder. Was heutzutage technisch möglich ist, übersteigt das bei mir Gezeigte bei weitem. Wenn man das destruieren will, muss man es zeigen, aber immer mit dem Bewusstsein, dass man es damit auch reproduziert. Darin besteht eine echte Gratwanderung.
Am Ende Ihres Films streifen Sie die Rolle generativer KI-Systeme. Wo sehen Sie die Verantwortung der großen IT-Konzerne bei der Verbreitung antisemitischer Verschwörungsbilder?
Die Verantwortung liegt ganz klar bei den Plattformen und großen Anbietern, sowohl bei Social-Media-Firmen als auch bei den Betreibern generativer KI-Systeme. Und dort erleben wir derzeit eher eine Aufweichung: Fakten-Checks werden abgebaut, Verantwortung wird auf die Community verschoben. X ist da ein Extremfall, aber auch anderswo werden Schutzmechanismen heruntergefahren.
Große Anbieter von KI-Bildgeneratoren haben zwar inzwischen Sperren, um gewaltverherrlichende und diskriminierende beziehungsweise volksverhetzende Inhalte zu zensieren, aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Daneben existiert eine Vielzahl von Open-Source-Tools, die niemand kontrolliert.
Interessanterweise könnte das dazu führen, dass das echte Bild – etwa historisches Archivmaterial – wieder an Wert gewinnt. Wenn alles manipulierbar ist, wird das wirklich dokumentierte Foto, der authentische Film plötzlich wieder kostbar.
Wie schätzen Sie in diesem Umfeld die Wirksamkeit Ihres eigenen Films ein?
Meine Arbeit würde ich unter das Schlagwort Gegenöffentlichkeit stellen. Neben dem Kinostart und zahlreichen Filmgesprächen versuchen wir, mit der langen Fassung des Films in den Bildungsbereich zu gehen: Lehrerfortbildungen, Schulvorführungen ab der Oberstufe, schulische Diskussionen. Das bleibt zahlenmäßig überschaubar, ist aber wichtig.
Die größte Reichweite hatte beim vergangenen Film eindeutig der Youtube-Kanal von Arte. Viele junge Leute würden nie in die Arte-Mediathek gehen, aber sie stoßen über Youtube auf den Film. Dort sieht man in den Kommentarspalten, wie stark das triggert. Selbst moderiert bleibt genug Furchtbares stehen, um zu merken: Das erreicht Leute, die mitten in diesen Debatten stecken.
Im Kino ist die Reichweite solcher Dokumentarfilme naturgemäß begrenzt. Insofern liegt der Hebel eher bei diesen digitalen Zugängen: Youtube und die Mediatheken, Streaming-Plattformen. Der Kampf um Deutungshoheit findet dort statt.
Sie sagen im Film, die Entstehungsgeschichte der »Protokolle« bleibe in Teilen rätselhaft. Hatten Sie beim Arbeiten daran den Ehrgeiz, historische Lücken zu schließen oder sogar den Urheberkreis näher einzugrenzen?
Wenn jemand wie der Historiker und Slawist Michael Hagemeister, der im Film vorkommt, seit Jahrzehnten zu den »Protokollen« forscht, auch in russischen Archiven, und kein eindeutiges Ergebnis, keine smoking gun findet, dann werde ich das als Dokumentarfilmer nicht leisten können. Insofern hatte ich nicht den Anspruch, das Rätsel zu lösen.
Es gibt interessante Hinweise, etwa auf einen südukrainischen Sprachduktus im mutmaßlichen Original. Das spricht gegen einige ältere Hypothesen über den Entstehungsort. Aber wir bleiben im Bereich der Annäherung.
Geforscht habe ich eher an einer anderen Stelle: Warum verschwinden die »Protokolle« in der NS-Propaganda ab einem bestimmten Zeitpunkt weitgehend aus dem Vordergrund? Es gibt dazu verschiedene Deutungen. Etwa, dass der Text zu lang, zu detailliert sei, das Publikum überfordere. Eine wirklich schlüssige Antwort habe ich nicht gefunden. Manchmal bleiben in der Geschichte eben Leerstellen. Entscheidend ist: Die Wirkungsgeschichte der »Protokolle« ist belegt, auch wenn der exakte Geburtsmoment im Dunkeln bleibt.
Weltkarriere einer Lüge: Die Protokolle der Weisen von Zion (D 2025). Regie: Felix Moeller. Filmstart: 4. Dezember
Felix Moeller ist Autor, Regisseur, Produzent und promovierter Historiker. Er ist Mitglied der Deutschen Filmakademie sowie Gründungsmitglied von »Moving History – Festival des historischen Films Potsdam«. Moeller hat Dokumentarfilme unter anderem über Veit Harlan, Hildegard Knef und Katja Riemann gedreht und bei zahlreichen Spiel- und Dokumentarfilmen als historischer Berater mitgewirkt.