04.12.2025
Ein Teenager tanzt auf den Dächern von Kabul

Um sein Leben tanzen

In Kabul, einer Stadt ohne Musik, dreht ein Teenager Pirouetten auf den Dächern seines Viertels. Vantace gehört zu einer kleinen Gruppe junger Künstler:innen, die sich gegen die Taliban auflehnten. Inzwischen muss er sich vor ihnen verstecken und hofft, das Land verlassen zu können.

Die Treffen mit Vantace finden auf dem Bildschirm und in Chat-Räumen statt. Die Verbindung über die Videoplattform bricht immer wieder ab. Die Taliban stören regelmäßig das Netz, manchmal wird es sogar vollständig abgeschaltet. Über eine in den USA lebende afghanische Künstlerin hat der in Kabul lebende 15jährige Kontakt zum Netzwerk Kite Runner aufgenommen – benannt nach dem berühmten Roman »Drachenläufer« des afghanisch-amerikanischen Schriftstellers Khaled Hosseini. Die Organisation unterstützt afghanische Medienschaffende und Künstler:innen im Exil.

Vantace versucht, nach Frankreich auszureisen, erzählt er einem der Koordinatoren, Shahzad Mudasir, beim ersten Gespräch. Noch vor einem Jahr war der Teenager ein Social-Media-Star, ein junger Tänzer mit Zehntausenden Followern. Heute lebt er im Verborgenen. »Ich habe meinen Account gelöscht«, sagt er leise. Seinen Künstlernamen Vantace will er jedoch nicht aufgeben – er bittet darum, ihn mit diesem anzureden und zu zitieren.

Vantace versucht, nach Frankreich auszureisen. Noch vor einem Jahr war der Teenager ein Social-Media-Star, ein junger Tänzer mit Zehntausenden Followern. Heute lebt er im Verborgenen.

Mudasir kennt die Flucht aus eigener Erfahrung: Sein Weg führte ihn von Afghanistan über die Türkei bis nach Kanada. Er versteht sofort, dass der Junge sich in einer verzweifelten Lage befindet – und dass seine Geschichte dringend Gehör braucht.

Vantace erzählt, dass er früher in den engen Gassen seines Viertels tanzte. Sein Schatten sei dabei manchmal größer und schneller gewesen als sein Körper. Es klingt wie eine kindliche Übertreibung, doch das Bild hat eine ernste Bedeutung: ein Junge, der wachsen wollte in einer Stadt, die keinen Raum dafür ließ.

Seit die Taliban seinen Vater abgeholt haben, meidet er jede Bewegung in der Öffentlichkeit. Tanzen ist für ihn inzwischen nur noch dort möglich, wo kaum jemand hinsieht: auf den Dächern Kabuls, hoch über den Straßen, die früher seine Bühne waren.

Die Nacht, in der sein Vater verhaftet wurde, hat die Familie in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Taliban kamen, suchten nach Vantace, fanden den Vater – und prügelten ihre Botschaft in dessen Körper. »Wenn dein Sohn weitermacht, kümmern wir uns um ihn«, sagten sie. Jeder in Kabul weiß, was »kümmern« bedeutet: heimliche Festnahmen, Prügel und Schlimmeres.

jemand posiert sitzend auf einem Dach

Die Familie gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an, deren Bildungseifer – besonders bei Mädchen – manchen sunnitischen Nachbarn seit jeher ein Dorn im Auge ist. »Als sie meinen Vater mitnahmen«, sagt Vantace, »wusste ich: Wenn ich zu ihnen zurückkehre, bringe ich alle in Gefahr.« Seitdem meidet er das eigene Zuhause. Er bewegt sich wie ein Schatten durch leerstehende Häuser, Werkstätten, Ruinen – Orte, die vergessen wurden und deshalb halbwegs sicher sind.

Nachts kehrt er manchmal zurück, um zu essen oder zu duschen. Seine Schwestern, zwei begabte Schülerinnen mit besten Prüfungsergebnissen, sitzen in einem Land fest, dessen Herrscher weibliche Bildung für gefährlich halten. Der Schönheitssalon, in dem eine der Schwestern arbeitete, wurde geschlossen; die andere nähte Kleider, bis auch das verboten wurde. Die Familie lebt im wirtschaftlichen und emotionalen Kollaps. Jeder Knall vor der Tür lässt sie zusammenzucken.

Trotzdem gibt es Momente, sagt Vantace, in denen er für kurze Zeit wieder er selbst sein kann – dann, wenn er Navarro trifft, einen Freund und Mitkünstler. Diese Treffen finden bei Navarro statt, meist abends. Navarro schminkt sich dann, zieht eine Burka über, die Tarnung und Ausdruck zugleich ist. Unter dem blauen Stoff verbergen sich rosa Wangen, feine Linien, ein anderes Gesicht.

Den Tabus der Taliban trotzen

Vantace schickt Fotos, die während eines solchen Treffens entstanden sind: zwei Teenager, die den Tabus der Taliban trotzen. Für die Taliban ist das, was sie tun, mehr als ein Verstoß gegen Normen. Es ist ein Angriff auf ihr Weltbild. Ein Mann, der tanzt, gilt ihnen als Bedrohung ihrer Ordnung. In der rigiden Theokratie der Taliban ist der männliche Körper Werkzeug des Kriegs oder der Fortpflanzung, hart, bärtig, unbewegt – eine lebendige Festung. Bewegung, Emotion, Geschmeidigkeit ist eine Abweichung, die »geheilt« oder bestraft werden muss.

Für Vantace ist der körperliche Ausdruck existentiell. Die Geschichte seiner Leute ist eine der Somatisierung von Unterdrückung: Man sieht den Hazara ihr Anderssein an – mandelförmige Augen, hohe Wangenknochen. Sein Aussehen macht Vantace erkennbar, seine Kunst macht ihn verwundbar. »Wir sind doppelt Zielscheibe«, sagt er. »Zum einen, weil wir Hazara sind. Zum anderen, weil wir wie freie Menschen atmen.«

Bis vor kurzem war er Mitglied des Arvaz-Teams – fünf junge Menschen, die glaubten, Instagram könne ihnen als Bühne dienen. Sie tanzten zu K-Pop, filmten sich, gingen viral. Für einen Moment funktionierte das. Internationale Medien berichteten, die Follower-Zahlen stiegen. Dann kamen die Drohungen. Dann die Verhaftung seines Vaters.

Das Team zerstreute sich: Iran, Pakistan, Unauffindbarkeit. Vantace löschte seinen Account im Januar – 20.000 Follower, verdampft wie eine schlechte Idee. »Es fühlte sich an, als würde ich mich selbst löschen«, sagt er. Jetzt bleibt nur noch der Körper als Archiv, der Atem als Instrument. Er tanzt, obwohl niemand zuschaut. Der Bericht über ihn erfolgt auf seinen ausdrücklichen Wunsch.

Mudasir fragt ihn im Chat, warum er nicht aufhört. Vantace antwortet ohne Zögern: »Weil ich dann schon tot wäre.« Und fügt hinzu: »Afghanistan sind nicht die Taliban. Wir sind Afghanistan.« Der Tanz ist für ihn der letzte Beweis der eigenen Existenz. In einer Stadt, deren Machthaber versuchen, die Zeit ins Mittelalter zurückzudrehen und die Geschichte auszulöschen, ist jede Pirouette ein Akt Selbstbehauptung: Ich bin noch hier. Und ich bewege mich. Auch in der Hoffnung, bald einen Ort zu finden, an dem das nicht verboten ist.

Das Interview führte Shahzad Mudasir (Toronto), den Text schrieb Sabine Küper-Büsch (Istanbul). Die beiden gehören dem Netzwerk »Kite Runner« an.