04.12.2025
Auf der Tea-App bewerten Frauen ­Dating-Erfahrungen mit Männern

Warnung vor dem Manne

Eine US-amerikanische App soll heterosexuelles Dating für Frauen sicherer machen, indem sich die Nutzerinnen untereinander Informationen über Männer, die sie getroffen haben, austauschen. Diese können je nach Verhalten mit grünen oder roten Flaggen markiert werden.

Was früher der private Austausch bei einem Tässchen Tee war, wollten die Entwickler der App Tea Dating Advice in großem Stil in den digitalen Raum übertragen. Über die App, kurz Tea genannt, sollen Frauen Erfahrungen austauschen, um einander dabei zu helfen, gefährliche oder betrügerische Dating-Situationen mit Männern zu vermeiden. Dazu können die Fotos der fraglichen Männer hochgeladen und kommentiert werden. Die Bezahlversion der App bietet sogar die Überprüfung von Strafregistern, die Rückwärtssuche per Bild und die Profilsuche via Mobiltelefonnummern an.

In den USA nutzten von 2023 bis Anfang August fast fünf Millionen Frauen die App. Selbst ein 72.000 Datensätze umfassendes Leck im Sommer, infolge dessen die Identitäten von Nutzerinnen auf dem bei Incels und anderen Misogynisten beliebten Imageboard 4chan veröffentlicht wurden, tat der Beliebtheit der App keinen Abbruch – im Gegenteil. Im Oktober nahm Apple Tea allerdings aus seinem App Store. Über den Google Playstore kann sie aber nach wie vor heruntergeladen werden. In Deutschland gibt es bisher keine vergleichbare Plattform für Warnungen vor Männern.

In den USA nutzten von 2023 bis Anfang August fast fünf Millionen Frauen die Tea-App.

Was alarmierend nach einem öffentlichen Pranger klingt, ist angesichts anhaltender Partnerschaftsgewalt in Heterobeziehungen bis hin zu Femiziden gleichwohl eine nachvollziehbare Idee. Erst seit wenigen Generationen und längst nicht überall auf der Welt können Frauen frei entscheiden, mit wem sie eine romantische Beziehung eingehen.

Welche heterosexuelle Frau hat schon Lust, sich mit einem Mann zu treffen, der sie nicht als Subjekt anerkennt und ihr psychischen oder physischen Schaden zufügen könnte? Solche negativen Erfahrungen sind aber leider noch immer schwer zu vermeiden. Einige ziehen daraus die Konsequenz, gar keine Männer mehr zu daten, auch wenn sie sich damit selbst in ihrer Sexualität beschneiden und Bedürfnisse nach romantischen Beziehungen aufgeben. Andere daten trotzdem weiter, werden aber immer pessimistischer. Das weibliche Leid hat nun einen Namen: Heterofatalismus. »Was ein Pech es doch ist, auf Männer zu stehen, wenn man Feministin ist«, so lassen sich die verschiedenen Beiträge zu diesem Begriff zusammenfassen.

Datet man aber weiterhin, so ist die Risikominimierung, wie sie die Tea-App verspricht, verlockend. Dabei ist es am ehesten vertretbar, wenn verurteilte Sexualstraftäter in dem Frauenforum kenntlich gemacht werden. Zwar schränkt dies vielleicht die Chance jener Männer zur Reintegration in die Gesellschaft ein, aber warum sollte eine Frau sich um einer solchen Reintegration willen selbst in Gefahr begeben? Allerdings sind nicht alle Männer, vor denen auf der Tea-App gewarnt wird, gleich Sexualstraftäter. In der App kann man Männer mit green flags (sinngemäß: »alles in Ordnung«) oder red flags (»Finger weg!«) markieren.

Fehlverhalten auf Misogynie oder Männlichkeitswahn zurückzuführen?

Letztere gehen also auch an ganz normale üble Männer, mit denen Dating keinen Spaß macht, weil sie beispielsweise sexistisch sind oder untreu waren. Auch hier mag man einwerfen, dass man eben auch jene Männer nicht daten wollen würde. Allerdings stelle man sich mal vor, jeder Mensch würde ein Rating für das eigene Verhalten bei Dates erhalten und eine Fiesling-Aktion könnte jederzeit dafür sorgen, dass ein Profil auf einer Plattform erstellt und mit einer red flag markiert wird. Sicherlich bekleckern sich auch Frauen nicht immer mit Ruhm.

Entscheidend ist, ob das Fehlverhalten des Mannes auf Misogynie oder Männlichkeitswahn zurückzuführen ist, man also als nächste Dating-Partnerin qua Frausein Schlimmes zu befürchten hat. Denn ein Mann ist immerhin auch ein Mensch und kann somit Fehler machen, ohne direkt patriarchale Herrschaftsverhältnisse zu reproduzieren. Daten ein Mann und eine Frau auf Grundlage von gegenseitigem Respekt, kann immer noch etwas in dieser Beziehung schlecht laufen. Die Frage, ob das dann individuell oder doch in einer hierarchischen Geschlechterordnung begründet ist, mag nicht immer eindeutig zu beantworten sein. Fällt es dem Mann schwer, über seine Gefühle zu reden, weil er ein allzu männlicher Mann ist, oder hat er aufgrund eigener schlechter Erfahrungen Angst vor Zurückweisung? Vermutlich beides.

Bei der Tea-App macht die Frau im Grunde das, was ihr selbst immer wieder geschah: Sie betrachtet ihr Gegenüber zunächst nur als Vertreter seines Geschlechts. Das ist eben deswegen notwendig, weil sie selbst beim Kennenlernen eines Manns jederzeit befürchten muss, wegen ihres Frauseins abgewertet zu werden oder noch Schlimmeres zu erleben. Es wäre schlicht irrational, aus desaströsen Erfahrungen oder Erfahrungsberichten keine Konsequenzen zu ziehen und jedem Mann trotzdem zunächst arglos zu begegnen. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern wäre auch ein schlechter Ratschlag für Frauen.

»Keine Shows für Täter«

Das Traurige ist, dass Hetero-Begegnungen dadurch belastet werden und ihre Unbeschwertheit verlieren. Dieses Problem ist allerdings nicht den Frauen vorzuwerfen, sondern den misogynen Männern. Die Notwendigkeit der Vorsicht ist gleichwohl kein Freifahrtschein dafür, Männer pauschal zu entmenschlichen, es ihnen also gleichzutun. So sehr weibliche Wut auch ihren Platz haben soll und beim Tee oder Getränk nach Wahl ruhig abgelästert werden darf: Potentiell jeden Mann vor Millionen Online-Nutzerinnen nach Dating-Qualitäten zu bewerten wie eine Ware, ist auch keine erstrebenswerte Dating-Zukunft.

In den USA gibt es eine öffentliche Plattform, auf der Sexualstraftäter gelistet sind. Hier wurde die Frage, ob deren Daten geschützt werden müssen, also im Interesse potentieller neuer Opfer mit nein beantwortet; wobei die Gesetze und Gerichte freilich nicht unbedingt im Sinne eines emanzipatorischen Feminismus bestimmen, wer als Sexualstraftäter zu gelten hat und wer nicht.

Hierzulande gibt es Initiativen wie »Keine Shows für Täter«, die versuchen, öffentliche Auftritte von Personen zu verhindern, denen sexuelle Gewalt vorgeworfen wird. Solche Männer erfahren aber selten Konsequenzen, wie die Fälle Luke Mockridge, Till Lindemann und unzählige weitere zeigen. Feministischen Selbstschutz wird es folglich so lange geben und geben müssen, bis alle Übergriffe Konsequenzen haben und Frauen keine gefährlichen Dating-Situationen mehr erwarten müssen.