11.12.2025
Das Internet zwingt die Gesellschaft, sich mit ihren Abgründen zu befassen

Das Netz bringt’s ans Licht

Nicht das Internet macht die Leute aggressiv und verrückt, vielmehr tritt dort die sonst meist verborgene Hässlichkeit und Wahnhaftigkeit seiner Nutzer nur offen zutage. In einer Gesellschaft, die ihre Abgründe verleugnet, ist das positiv zu bewerten.

Rechtspopulismus, Verschwörungs­theorien, Konzentrationsschwierigkeiten und auch noch die Erderwärmung – das Internet wird für viele Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht. Von den utopischen Erwartungen, die sich einst an es knüpften, scheint jedenfalls nicht viel übriggeblieben zu sein. War das Internet ein Fehler? Sollte es abgeschaltet werden? Oder ist es noch reformierbar? Markus ­Liske meint, massenhafter Internetkonsum sei schädlich, aber das Internet leider nicht mehr wegzudenken (»Jungle World« 48/2025). Jan Tölva argumentiert, der Kapitalismus habe das Internet ruiniert (49/2025).

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Ein bisschen ist es mit der Frage, ob das Internet ein Fluch oder ein Segen sei, so, als wolle man diskutieren, ob man nicht das 21.Jahrhundert abschaffen sollte, weil es die eigenen großen Erwartungen nicht erfüllt hat. Nun ist es halt da, das Internet. Und ja, es kommt darauf an, es zu verändern, aber wie, davon haben alle und jede ihre ganz eigenen Vorstellungen.

Vieles ist abscheulich, traurig, überflüssig: von Plattformen, die Hassverbreitung erlauben, über Fake News, die mit dem Ziel konzipiert wurden, Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen zu erschüttern, bis hin zu einsamen Menschen, die sich in eine Künstliche Intelligenz verlieben und dann irritiert feststellen, dass diese sie nicht zurückliebt. Das alles wurde bereits unzählige Male thematisiert und ausgiebig beklagt, mit immer denselben Ritualen der Empörung, bevor die nächste Sau durchs Dorf getrieben wurde.

Aber kommen wir zum Positiven. Das große Verdienst des Internets ist es, die wohlige Selbstzufriedenheit westlicher, speziell europäischer Gesellschaften brutal zerstört zu haben. Also sozusagen mit schmutzigen Stiefeln durch die linksliberale, mit großer Sorgfalt gepflegte Blümchenwiese getrampelt zu sein, was besagte Blümchenwiese mehr als verdient hatte. Denn in dieser Idylle waren nie alle zu Hause, auch wenn gern so getan wurde, als lebe man in der besten aller Gesellschaften, die Chancengleichheit, soziale Absicherung, vielfältige Möglichkeiten persönlicher Entfaltung, umfassenden Schutz von Minderheiten und erschwinglichen Biokäse bot.

Das große Verdienst des Internets ist es, die wohlige Selbst­zufriedenheit westlicher, speziell europäischer Gesellschaften brutal zerstört zu haben.

Die Abgehängten allerdings interessierten nie – nicht die Kinderreichen in den viel zu kleinen Wohnungen, nicht die Alten mit den nicht zum Leben reichenden Renten, nicht die Kinder, die schon ganz früh in der Schule den Anschluss verloren. Für sie war kein Platz auf der Blümchenwiese. Sie tauchten höchstens mal in einer Sozialreportage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf oder in einer Krawall-Dokumentation bei RTL, über die es sich wohlig schauern ließ, die aber keinerlei Konsequenzen hatte. Denn zu all diesen Abgehängten hatte man persönlich keinen Kontakt – warum auch: Die Leute waren unansehnlich, manierenlos, ungebildet, kein Umgang und außerdem wenig geneigt, an die Hand genommen zu werden und ihr Leben umgekrempelt zu bekommen.

Außerdem schaute man ja schließlich zu Recht auf sie herab, denn sie waren diejenigen, die nicht in die offene, vorurteilsfreie Gesellschaft passten. In der war nämlich nur Platz für modern denkende, weltoffene Menschen, die sich gegenseitig in ihrer moralischen Selbstgewissheit bestätigten und überzeugt waren, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Also solche, die eben nicht wie damals in der Nazi-Zeit blind dem Führer hinterhergelaufen wären – dazu war man viel zu geübt in eigenständigem Denken und kritischer Reflexion. Und außerdem hatte man gar keine Vorurteile – gut, gegen die USA und Israel konnte man eine Menge haben, aber das war ja eine ganz andere Sache und selbstverständlich das Ergebnis sorgfältiger, objektiver Analyse.

Und dann war es plötzlich geschehen: Diese Leute bevölkerten auf einmal das Internet. Und sie brachten Hass, Vorurteile, unverschämte Manieren, Rechtschreibfehler und eine generelle Unfähigkeit zu zivilisierter Kommunikation mit. Sie standen plötzlich mitten im Wohnzimmer der digitalen Öffentlichkeit – und gingen nicht mehr weg.

Im selben digitalen Raum wie man selbst 

Es war ein Schock: Plötzlich waren all jene, denen man im Alltag meist erfolgreich aus dem Weg gegangen war, im selben digitalen Raum wie man selbst präsent – und nicht nur als stille Randerscheinung. Menschen mit deutlich anderen politischen Überzeugungen, Lebensrealitäten und Wertvorstellungen meldeten sich zu Wort, laut, unüberhörbar, oft penetrant, nervig, und sie blieben hartnäckig. Darüber hinaus begannen die Feindbilder, die man bislang so bequem in übersichtliche Schubladen einsortiert hatte, zu verrutschen.

Natürlich war es nicht so, dass es Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit oder dumpfe Ressentiments früher nicht gegeben hätte. Der Hass auf Minderheiten fand nur nicht so öffentlich statt, wenn man von Nazi-Demonstrationen in Gegenden absieht, die man ohnehin als abgehängt und verloren betrachtete. Im Netz fanden Gleichgesinnte dagegen schnell und bequem zueinander, bildeten entsprechende Grüppchen, verstärkten sich gegenseitig – und ja, es gab eine neue digitale Aggressivität, die schwer bis nicht auszuhalten war. Die Vorstellung, man sei umgeben von lauter aufgeklärten, aufgeweckten Weltbürgern, konnte man ab diesem Punkt getrost vergessen.

Gleichzeitig zeigte sich aber noch etwas anderes, das mindestens ebenso irritierend war: Auch diejenigen, die sich selbst als aufgeklärt, progressiv und antidiskriminierend verstanden, waren nicht immun gegen alte Feindbilder – sie hatten sie nur in anderen Farben gestrichen. Insbesondere in den Debatten nach islamistischen Anschlägen, oder mit Blick auf Israel, spätestens nach dem 7.Oktober, ging nicht wenigen, die sich als »links«, »emanzipatorisch« oder »solidarisch« verorteten, nicht nur der Ton, sondern gleich der gesamte moralische Kompass verloren.

Mit dieser doppelten Kränkung – dass die vermeintlich »Zurückgebliebenen« nicht einfach verschwinden und dass man selbst weit weniger makellos ist, als man dachte – kamen viele nicht zurecht.

Plötzlich tauchten uralte antisemitische Erzählmuster und Lügengeschichten wieder auf – nicht in den Kommentarspalten der Rechten, sondern in akademischen Milieus, auf linken Demonstrationen, in Kulturinstitutionen, Universitäten und Redaktionen. Es wurde entlarvend still, als viele merkten: Der Antisemitismus, den man für ein Problem der anderen hielt, war auch in den eigenen Reihen nie verschwunden gewesen, sondern hatte still und geduldig auf den geeigneten Moment gewartet, sich wieder selbstbewusster zu präsentieren – im festen Glauben, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen.

Mit dieser doppelten Kränkung – dass die vermeintlich »Zurückgebliebenen« nicht einfach verschwinden und dass man selbst weit weniger makellos ist, als man dachte – kamen viele nicht zurecht. Das Internet hat diese Selbsttäuschung nicht erzeugt, aber entlarvt. Und zwar brutal, ehrlich und unübersehbar.

Dass der eigentliche Erdrutsch, also die schrittweise Normalisierung von Antisemitismus, nicht dort begonnen hatte, wo man ihn erwartet hätte – sei es bei anonymen Accounts mit Reichsadler im Profil, »Traditions«-Graffiti im Hintergrund oder Islamisten – war ein Schock. Denn plötzlich waren die eigenen Freunde und Bekannten wie »diese Leute«. Sie verbreiteten antisemitische Parolen und traten für die Vernichtung Israels ein, argumentierten mit – wenn auch intellektuell klingenden – Versatzstücken aus alter und neuer Hasspropaganda und setzten sich null mit der Unlogik ihrer Äußerungen auseinander.

Das Tarnnetz weggezogen

Das Internet ist daran nicht schuld und hat diese Zumutungen nicht erschaffen, es ist einfach nur da und hat ihnen das Tarnnetz weggezogen. Es zeigte, wie dünn die Schicht aus Bildung, Haltung und angemessener Wortwahl ist, unter der sich für Außenstehende lange unbemerkt alte Vorurteile halten können. Und dass auch die eigenen Milieus weniger immun gegen Vorurteile und Vernichtungsphantasien waren und sind, als man sich jahrzehntelang eingeredet hatte.

Vielleicht ist das der unangenehmste, aber zugleich wichtigste Beitrag des Internets: Es hat die Illusion zerstört, man könne sich ein Leben lang nur mit Gleichgesinnten umgeben und sei damit in der eigenen Weltbild-Wellness­oase bequem und für immer auf der sicheren Seite. Ist man nicht – wer hätte das gedacht?

Das Netz ist kein schöner Ort. Es zwingt dazu, sich der Realität zu stellen und nicht irgendeiner sorgfältig kuratierten Version davon. Kurz: Wer das Internet für die hässlichen Wahrheiten verantwortlich macht, verwechselt Ursache und Taschenlampe.