»Die meisten Soldaten wollen Frieden, aber einen echten und dauerhaften Frieden«
Wo dienen Sie und wie fühlen Sie sich? Wie ist die Situation an der Front?
Wir dienen an einem der umkämpften Frontabschnitte, können aber aus Sicherheitsgründen den genauen Ort nicht nennen. Insgesamt sind wir konzentriert und auf unsere Arbeit fixiert. Die Lage bleibt dynamisch. Es gibt relativ ruhige Tage, aber auch solche, die maximale Konzentration und Bereitschaft erfordern. Trotz der Schwierigkeiten sind wir motiviert dabei und unterstützen uns gegenseitig. Diese Unterstützung ist wahrscheinlich das Wertvollste, was uns durchhalten lässt.
Was halten Sie von den Bemühungen, die angeblich zum Frieden führen sollen, den Verhandlungen zwischen den USA und Russland? Der ursprüngliche 28-Punkte-Plan, der wohl auf einer russischen Blaupause beruht, sah unter anderem vor, dass die Ukraine den gesamten Donbass an die Russische Föderation abtreten soll. Sorgt das auch für Gesprächsstoff unter den Soldaten?
Die meisten Soldaten wollen Frieden, aber einen echten und dauerhaften Frieden – und keinen, der der Ukraine aufgezwungen wird und zum Verlust von weiteren Menschenleben oder Territorium führt. Unter uns werden diese Initiativen diskutiert, aber mit Vorsicht. Wir verstehen, dass Frieden keine Belohnung für Aggression sein und die Ukraine nicht verwundbar machen darf. In einem sind sich alle einig: Der Frieden muss gerecht sein und langfristig Sicherheit garantieren.
»An der Front hören die Kämpfe wegen Skandalen nicht auf. Dem Artilleriebeschuss ist die Politik egal. Deshalb ändert sich die Situation im direkten Sinne nicht. Aber emotional trifft es einen.«
Wie hat sich die Lage und die Stimmung in der Armee im Laufe des Kriegs verändert?
Mit der Zeit wurde die Armee stärker, aber nicht, weil wir das angestrebt hätten. Der Krieg lässt uns einfach keine andere Wahl. Die Menschen sind sowohl körperlich als auch moralisch erschöpft. Viele dienen sehr lange ohne echte Erholung. Die Stimmung ändert sich: Manchmal ist man entschlossen, manchmal zwingt man sich einfach weiterzumachen, weil es notwendig ist. Aber trotz der Müdigkeit halten wir durch. Vor allem dank der Menschen um uns herum. Dein Team wird zu deiner Stütze. Wir halten zusammen, auch wenn es schwer ist.
Die unabhängigen Antikorruptionsbehörden deckten in den vergangenen Wochen Korruption im Energiesektor auf, die bis ins Umfeld des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj reicht. Wirkt sich der Skandal auf die Situation an der Front aus?
An der Front hören die Kämpfe wegen Skandalen nicht auf. Dem Artilleriebeschuss ist die Politik egal. Deshalb ändert sich die Situation im direkten Sinne nicht. Aber emotional trifft es einen. Wenn man jeden Tag sein Leben riskiert, möchte man, dass im Hinterland die Arbeit ehrlich gemacht wird. Es ist sehr traurig, so etwas zu beobachten, was es während eines Kriegs überhaupt nicht geben sollte. Trotzdem hoffen die meisten Soldaten, dass die Aufdeckung solcher Geschichten das System zumindest in die richtige Richtung bewegen wird. Wir brauchen keine Perfektion, nur elementare Gerechtigkeit und Verantwortung.