11.12.2025
Der Iran senkt die Benzinsubventionen

Dicke Luft in Teheran

Trotz gewaltiger Öl- und Gasreserven steckt der Iran in einer Energiekrise. Das Land importiert inzwischen Benzin, die Bevölkerung leidet unter steigenden Preisen, Inflation und verschmutzter Luft. Eine Benzinreform soll Entlastung bringen.

Obwohl der Iran über die zweitgrößten Erdgas- und die viertgrößten Erdölreserven der Welt verfügt, kämpft das Land immer mehr damit, seinen eigenen Energiebedarf zu decken. Offiziellen Angaben zufolge lag die Benzinproduktion Mitte des Jahres bei 110 bis 120 Millionen Litern pro Tag, während der Verbrauch auf bis zu 140 Millionen Liter stieg. Ein erheblicher Teil der Produktion – dem Regime zufolge bis zu 30 Millionen Liter täglich – wird systematisch in Nachbarländer geschmuggelt.

Wie bei anderen hochsubventionierten Gütern machen die niedrigen Inlandspreise Schmuggler reich und belasten den Staatshaushalt stark. Die durch Subventionen verursachten Verluste treiben den Iran mit seiner ohnehin fragilen Wirtschaft weiter in Richtung Staatsbankrott.

Die wachsende Lücke zwischen Produktion und Verbrauch hat den Iran vom Nettoexporteur zum Importeur von Benzin gemacht, trotz reicher Öl- und Gasvorkommen. Unter Sanktionen und chronischer Misswirtschaft erodiert dadurch das Vertrauen der Bevölkerung in das Regime weiter. Da Benzin immer knapper wird und ein Schwarzmarkt entsteht, sah sich der Iran in den vergangenen Monaten zu einem heiklen Schritt gezwungen: einer Erhöhung der Kraftstoffpreise. Die neuen Preise traten kürzlich in Kraft und dürften erhebliche Auswirkungen haben.

Seit Jahrzehnten verkauft der Iran Benzin im Inland weit unter Weltmarktwert und leistet sich mit schätzungsweise 100 Milliarden US-Dollar an jährlichen Energiesubventionen.

Seit Jahrzehnten verkauft der Iran Benzin im Inland weit unter Weltmarktwert und leistet sich schätzungsweise 100 Milliarden US-Dollar an jährlichen Energiesubventionen. Von den günstigen Preisen profitieren private Haushalte ebenso wie die energieintensive Schwerindustrie. Petrochemie- und Stahlunternehmen verdanken ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit vor allem dem subventionierten Gas, ohne billige Energie wären viele dieser Betriebe kaum profitabel. Eine Verringerung der Subventionen würde die Produktion hart treffen und die privaten Haushalte noch stärker belasten.

Der Benzinpreis spielt für die Inflation im Iran eine entscheidende Rolle. Während in entwickelten Volkswirtschaften die Geldpolitik die Inflationserwartungen prägt, übernimmt im Iran der Kraftstoffpreis diese Funktion. Wegen der Jahrzehntelang künstlich niedrig gehaltene Preise erwartet die Bevölkerung auch weiterhin billiges Benzin. Doch die anhaltend hohe Inflation hat den realen Benzinpreis steigen lassen – also den Preis, den die Herstellung von Benzin kostet – und die Regierung immer wieder zu abrupten Anpassungen gezwungen.

Die letzte große Preiserhöhung im November 2019 – ein Plus von 50 Prozent – löste Massenproteste in Dutzenden Städten aus. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass damals innerhalb einer Woche bis zu 1.500 Menschen getötet wurden. Trotz einer jährlichen Inflationsrate von 40 bis 50 Prozent verzichtete die Regierung seither aus Angst vor neuen Unruhen auf weitere Erhöhungen. Nun wurde eine vierstufige Preisstruktur eingeführt, um den Verbrauch einzudämmen und den Subventionsdruck zu reduzieren.

Versorgungsschwierigkeiten haben zur Luftverschmutzung beigetragen

Die bisherigen subventionierten Stufen bleiben unverändert: 60 Liter pro Fahrzeug und Monat für 15.000 Rial (etwa 0,01 Euro, legt man die Schwarzmarktpreise zugrunde) sowie bis zu 100 Liter für 30.000 Rial (etwa 0,02 Euro). Am 15. Dezember wird eine dritte Stufe eingeführt: Für Mengen über 160 Liter pro Monat ist eine von den Tankstellen ausgegebene »Notfallkarte« erforderlich; der Preis liegt bei 50.000 Rial pro Liter (etwa 0,03 Euro). Diese Stufe soll saisonal angepasst werden und das Ölministerium kann die Preise vierteljährlich anheben.

Eine vierte Stufe gilt für privat importiertes Benzin. Um die Versorgungslücke zu schließen, hat die Regierung erstmals begrenzte Importe von Super-Benzin (mit einer Oktanzahl über 95) durch Privatunternehmen genehmigt. Die erste Lieferung wurde Ende November an der Energiebörse zu 65.800 Rial pro Liter verkauft. Unter Einbeziehung von Transport und Vertrieb dürften die Tankstellenpreise über 750.000 Rial (ungefähr 0,48 Euro) pro Liter liegen. Eine 50-Liter-Tankfüllung würde damit mindestens 24 Euro kosten – in einer Wirtschaft, in der der Mindestlohn infolge des Währungsverfalls auf rund 100 Euro monatlich gesunken ist.

Die Versorgungsschwierigkeiten haben dramatisch zur Luftverschmutzung beigetragen. In Großstädten wie Teheran werden regelmäßig gefährliche Werte gemessen und Notfallwarnungen herausgegeben. Hauptgrund ist der chronische Gasmangel im Winter: Um Druckabfälle in Haushaltsnetzen zu verhindern, wird hochwertiges Gas aus Kraftwerken und der Industrie abgezogen. Dort ist man gezwungen, hochschwefelhaltiges Heizöl, sogenanntes Masut, zu verbrennen – einen der schmutzigsten Brennstoffe der Welt. Iranisches Masut enthält bis zu siebenmal mehr Schwefel als international zulässig.

Steigende Feinstaubwerte, mehr Erkrankungen, Zehntausende vorzeitige Todesfälle

Die Folgen sind gravierend: steigende Feinstaubwerte, mehr Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Zehntausende vorzeitige Todesfälle. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums starben 2024 rund 59.000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Während Behörden häufig mit Masut gefeuerte Kraftwerke verantwortlich machen, zeigen Messungen, dass inzwischen auch kleinere Städte ohne große Industrieanlagen stark belastet sind.

Bei der Suche nach den Ursachen dafür verweisen Experten auf minderwertiges Benzin und Diesel, deren Überprüfung die Automobilindustrie blockiert, die immerhin den drittwichtigsten Industriezweig des Landes darstellt. Der renommierte Umweltexperte Ismail Kahrom bemerkte kürzlich, dass die Umwidmung der Kaufsumme für zehn ballistische Raketen ausreichen würde, den Kraftstoffstandard so zu verbessern, dass der Schwefelgehalt von iranischem Masut und Benzin auf international übliche Werte sänke. Doch Umweltpolitik spielt Kahrom zufolge im auf Autarkie und Kriegstüchtigkeit bedachten Iran nach wie vor eine Nebenrolle.

Preissteigerungen bei Kraftstoffen bergen ein hohes Risiko. Die Ereignisse von 2019 wirken nach. Diesmal setzt die Regierung auf schrittweise, differenzierte Anpassungen, die vor allem Großverbraucher treffen sollen. Kritiker bezweifeln jedoch, dass dies ausreichen wird, um das enorme Defizit des Staatshaushalts zu verringern; zugleich können selbst moderate Erhöhungen Haushalte mit stark geschrumpfter Kaufkraft hart treffen. Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen in der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass sich die Behörden auf Unruhen vorbereiten. Der Unmut der Bevölkerung nach Jahren der wirtschaftlichen Krise und politischen Repression jedenfalls ist groß.