11.12.2025
Büffeln bis zur Rente ist eine Zumutung

Lebenslänglich!

»Lebenslang lernen« klingt prinzipiell nicht schlecht, doch in Wirklichkeit ist es eine Drohung: Wer sich nicht ständig optimiert, fliegt. Eine Kolumne über Leistungsideologie und deutschen Wahn.

Um das ferne Jahr 2000 herum hatten plötzlich fast alle sozialdemokratischen, konservativen und liberalen Politiker und Politikerinnen Europas dieselbe grandiose Idee: Das Volk solle »lebenslang lernen«, denn nur nur so könne es sich Hoffnung darauf machen, lebenslang einen Arbeitsplatz zu be- oder erhalten.

Es liegt auf der Hand, dass diese Verurteilung des Humankapitals zur lebenslänglichen Selbstoptimierung zu jener Zeit groß in Mode kam, als auch die »Agenda 2010«, New Labour und ähnliche Schweinereien begannen. Schweinereien, weil sie in den Menschen nichts anderes als Nutten für den Arbeitsstrich sahen, die sich gefälligst für die Freier stets hübsch zu machen hätten.

Es liegt auf der Hand, dass diese Verurteilung des Humankapitals zur lebenslänglichen Selbstoptimierung zu jener Zeit groß in Mode kam, als auch die »Agenda 2010«, New Labour und ähnliche Schweinereien begannen.

Wer glaubt, solches Denken läge Linken völlig fern, sollte sich an Lenin erinnern. Der Herr Revolutionär befahl seinem Volke, zumal der Jugend: »Lernen, lernen und nochmals lernen!« Er meinte damit nicht, sich zu alphabetisieren und nach Lust und Laune weiterzubilden, sondern genau das, was die dreifache Wiederholung implizierte: Büffeln, bis die Kühe heimkommen, immer und ewig bis zum Grab.

Lust und Laune waren überhaupt Sachen, die die leninistische Linke verabscheute. In ihrer Sicht auf die Welt, die keine sehr rationale war, wie wir inzwischen wissen, waren die fiesen Adeligen und die fetten Kapitalisten lauter Müßiggänger, und daher galt der Müßiggang selbst als dekadent, ja als Verbrechen gegen die Gemeinschaft.

Die Leninisten und andere frühe Marx-Weiterdenker, die freilich Marx oft nicht verstanden hatten, waren selbstredend nicht die Ersten, die mit dem Quatsch anfingen. Schon der Apostel Paulus schrieb an die Thessalonicher, dass nicht essen solle, wer nicht arbeiten will.

Bebel, Müntefering, Luther

Ein so schöner Satz, dass ihn erst August Bebel, 1930 dann die KPD (»Mit bolschewistischer Rücksichtslosigkeit werden wir allen bürgerlichen Faulenzern gegenüber das Prinzip durchführen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«) und 2006 dann auch der damalige Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering (SPD) ausgrub, der ihn zur Verteidigung des Sozialabbaus der rot-grünen Regierung in die Mikrophone sprach.

Ein Propagandist des Arbeitsfetischs war auch Martin Luther. Der war ganz besessen davon, dass Menschen ihr Leben lang zu schuften hätten, und man kann durchaus annehmen, dass der Kapitalismus mit seiner Reduzierung allen Lebens auf Arbeit ohne Reformatoren wie ihn auf mehr Widerstand gestoßen wäre.

Damals reichte es, wenn man seinen Körper und seine Seele aufgab und ganz dem Fabrikherren überantwortete. In der kargen Freizeit konnte man mit Schnaps, auch so eine Innovation des frühen Kapitalismus, seine Gefühle so betäuben, dass man nicht völlig irre wurde an der Arbeit.

Mit den »Bedürfnissen des Arbeitsmarkts« vertraut machen

Seit die nächste industrielle Revolution, die Digitalisierung, immer mehr an Fahrt aufnimmt, ist das aber nicht mehr genug. Man muss schon darauf achten, sich ständig mit neuer Technik und den »Bedürfnissen des Arbeitsmarkts« vertraut zu machen, um nicht zum alten Eisen und damit auch zum schlecht abgesicherten Sozialfall zu werden.

Die Sache mit dem »lebenslangen Lernen« mag – obwohl sie klingt wie eine gerichtliche Höchststrafe – sogar gut gemeint gewesen sein. Politiker, die sich mit der Einrichtung der Welt abgefunden haben, konnten ihren Wählern fast gar nichts anderes empfehlen. Die Welt zu verändern, hatten sie ja aufgegeben, also mussten sich die Arbeiter:innen ändern – flexibler werden, sich ständig weiterbilden.

Viele Menschen, die ihr Leben lang zum Beispiel hinter einer Supermarktkasse sitzen, wären wohl froh, wenn ihnen der Kapitalismus die Möglichkeit böte, noch etwas mehr zu lernen. Und es gibt Berufe, wie zum Beispiel Gehirnchirurg, in denen Weiterbildung über Leben und Tod der Patienten entscheiden kann.

Aber viele gewöhnliche Proleten würden auf den Zwang, sich ständig zu verbessern, wohl lieber verzichten. Sie fragen sich mit gutem Recht, ob das denn alles sei, was sie vom Leben zu erhoffen hätten: lernen, fit bleiben, sich anpassen, und das ein ganzes kurzes Leben lang. Willkommen in der Hölle.

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