Indische Wahrheiten
Dehli. Diwali, das hinduistische Fest der Lichter, ist kein so stilles Fest, wie der Name vermuten lassen könnte. In diesem Jahr fiel sein Beginn auf den 20. Oktober. Neu war, dass dieses Mal nur bestimmte Böller in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi und der Metropolregion Delhi erlaubt waren, was auf einen Beschluss der neuen Regionalregierung zurückging.
Diese wird von der Partei Bharatiya Janata Party (BJP) des Premierministers Narendra Modi dominiert, die im Februar die Regionalwahl gewonnen hatte. Vor dem Wahlkampf war der Hauptkonkurrent und damalige Regierungschef (Chief Minister) Delhis, Arvind Kejriwal, verhaftet worden (Jungle World 14/2024). Unabhängige Medien und Amnesty International verurteilten die Verhaftung, sie sei politisch motiviert.
Die Bewohner Delhis leben wegen der schweren Luftverschmutzung im Durchschnitt zwischen acht bis elf Jahre kürzer.
Eines der Wahlversprechen von Modis BJP war, endlich die schlechte Luftqualität in Delhi zu verbessern. Daran hatte auch Kejriwal, der seit 2013 Delhi regierte, intensiv gearbeitet und nahezu alles versucht; sogar die beliebten Böller an Diwali ließ er verbieten, aber die Luft wurde nicht besser (Jungle World 3/2018). Immerhin wuchs die Wirtschaft Delhis in seiner Amtszeit gewaltig, die Einwohnerzahl der Metropolregion Delhi stieg auf 33,8 Millionen und die Anzahl der motorisierten Fahrzeuge auf über 13 Millionen. Die sind je nach Studie für zehn bis 45 Prozent des Smogs in Delhi verantwortlich.
Die Bewohner Delhis leben im Durchschnitt zwischen acht bis elf Jahre kürzer als Menschen, die an Orten ohne solche Luftverschmutzung wohnen. Zudem wachsen Kinder in Delhi mit kleineren Lungen heran als in der westlichen Welt.
Die BJP-Regionalregierung indes hob für das diesjährige Diwali erst einmal das Böllerverbot auf. In der Begründung hieß es, man erlaube nur umweltfreundliche Böller, sogenannte green crackers. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge setzen diese »grünen Böller« aber immer noch 70 Prozent der Feinstaubmenge frei, die die alten, unter Kejriwal verbotenen Böller verursacht hatten. Es trat ein, was zu erwarten gewesen war: Neu-Delhi hatte während des Lichterfests die höchsten Feinstaubwerte seit vier Jahren, wie die Daten verschiedener unabhängiger Messdienste zeigten.
Darauf angesprochen, stritt die Leiterin der Regionalregierung, Rekha Gupta, alles ab: Delhi habe während Diwali die beste Luft seit langem gehabt. Entsprechende Daten oder sonstige Belege für ihre Aussagen lieferte sie nicht.
Wo sind die Feinstaubdaten geblieben?
Während der Höhepunkte der Knallfeierlichkeiten an Diwali wurden die Websites der Regierung heruntergefahren, die die Feinstaubwerte Delhis in Echtzeit anzeigen. Das Oberste Gericht untersucht nun, wo die Feinstaubdaten geblieben sind.
Für die kommenden Monate kündigte die Regionalregierung in Delhi an, den Smog unter anderen mit künstlichem Regen zu bekämpfen. Beim sogenannten cloud seeding werden per Flugzeug Partikel wie Silberjodid oder Salze in Wolken gesprüht. Wissenschaftler warnen vor solchen großangelegten Versuchen, solange sich das cloud seeding noch in der Experimentierphase befindet. Der erste Sprühversuch der Regenmacher in Delhi blieb Ende Oktober erfolglos: Es wollte einfach kein richtiger Regen aus den wenigen Wolken kommen.
Seit einem Monat versucht es die Stadtregierung mit einem weiteren Trick: Lastwagen staatlicher Behörden mit Wassersprühkanonen fahren nicht nur durch die Stadt, sondern besonders oft direkt an den Messstationen vorbei, um es dort »regnen« zu lassen. Die Journalistin Sonal Mehrotra Kapoor und die Umweltschützerin Bhavreen Kandhari wiesen mit einem Ortsbesuch die Manipulation nach: Anstatt 500 Milligramm Feinstaub pro Kubikmeter, die ein paar Hundert Meter weiter gemessen wurden, zeigte ihr Gerät direkt an der die beregneten Messtation 300 Milligramm Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 an.
Manipulierte Messstationen, erhöhte Metro-Fahrpreise
Einen Monat später bot sich der Jungle World dasselbe Bild: An derselben Messstation in Anand Vihar/Delhi fuhren auf der Hauptstraße Laster mit Sprühkanonen teilweise im Minutentakt vorbei. Auf der Rückseite der Station fuhr eine Sprühkanone andauernd hin und her, so dass sich die Tierwelt Delhis am auf der Straße stehenden Wasser erfreuen konnte: Bussarde kreisten und ein paar der eine Million Straßenhunde Delhis stillten ihren Durst.
Den Autofahrern kam die BJP-Regionalregierung von Beginn an entgegen: Das Problem mit den vielen unbezahlten Strafzetteln sollte mit einem Preisnachlass von 50 bis 70 Prozent für die säumigen Fahrsünder gelöst werden. Von den 2,24 Millionen Bußgeldern, die die Verkehrspolizei Delhis in diesem Jahr verhängt hat, wurden bis Anfang Dezember erst rund 55.000 bezahlt, also gerade einmal zwei Prozent.
Die von der Aam Aadmi Party gestellte Vorgängerregierung in Delhi hatte, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen, immerhin versucht, mehr Menschen in die Metro zu bekommen, und deshalb acht Jahre lang auf eine Preiserhöhung verzichtet. Das war auch auf das Ergebnis einer Studie zurückgegangen, nach der die Metro Delhis die zweitteuerste der Erde sei, gemessen am Verhältnis von Durchschnittseinkommen und Fahrpreis. Die BJP-Regierung hat die Fahrpreise im August um bis zu zehn Prozent erhöht.