Unterschätze nie die dunkle Seite der Energie
Das Universum ist ein merkwürdiger Ort und je intensiver man sich damit beschäftigt, umso verwirrender wird es. Das fängt schon mit dem Urknall an, von dem selbst Kosmolog:innen nicht genau sagen können, was genau da eigentlich passierte. Unbestritten ist hingegen, dass das Universum sich seither ausdehnt; das wiederum ist allerdings erklärungsbedürftig, schließlich enthält das Weltall neben ziemlich viel Leere auch einiges an Materie, deren Gravitation dafür sorgen sollte, dass alles wieder zusammenklumpt.
Immerhin passt die Ausdehnung zur Relativitätstheorie, die nur ein entweder kollabierendes oder expandierendes Universum zulässt. Zu Einsteins Zeiten ging man allerdings noch von einem statischen Zustand aus, weshalb der Physiker eine sogenannte Kosmologische Konstante einführte, die alles ins Gleichgewicht bringen sollte. Nachdem Messungen zeigten, dass sich der Großteil der Galaxien von uns entfernt, und zwar um so schneller, je weiter sie weg sind, gab man die Idee vom statischen Universum auf – und damit auch die Kosmologische Konstante.
Um zu klären, ob die Expansion auf ewig so weitergehen, sich verlangsamen oder irgendwann sogar umkehren wird, maßen zwei Forschungsteams in den Neunzigern die Entfernungsgeschwindigkeit sogenannter Standardkerzen.
Um zu klären, ob die Expansion auf ewig so weitergehen, sich verlangsamen oder irgendwann sogar umkehren wird, maßen zwei Forschungsteams in den Neunzigern die Entfernungsgeschwindigkeit sogenannter Standardkerzen. Dabei handelt es sich um einen bestimmten Typ von Supernova, der eine stets gleiche absolute Helligkeit aufweist und zur Messung von Distanzen im All verwendet wird.
Beide Gruppen kamen zum gleichen unerwarteten Ergebnis: Die Ausdehnung beschleunigt sich sogar. Das Phänomen erhielt den Namen Dunkle Energie – im Grunde nichts anderes als die gute alte Kosmologische Konstante, lediglich so modifiziert, dass ihr Wert zur gemessenen Beschleunigung passt.
Seither hat die Dunkle Energie einen festen Platz im Standardmodell der Kosmologie erhalten, das die Entwicklung des Universums beschreibt – obwohl noch immer völlig unklar ist, was es damit auf sich hat. Doch kaum hat man die mysteriöse Größe irgendwie in den Formeln untergebracht, mehren sich die Anzeichen, dass sie vielleicht doch nicht existiert.
Vielleicht existiert die Dunkle Energie gar nicht
Verschiedene Arbeitsgruppen stellen in jüngster Zeit insbesondere die Verlässlichkeit der Standardkerzen in Frage: sei es, weil die Materie im Kosmos vielleicht nicht so gleichmäßig verteilt ist wie angenommen und dadurch die Messungen verzerrt, oder weil die Kerzen doch nicht so standardmäßig leuchten. Ein koreanisches Forschungsteam kam kürzlich sogar zu dem Schluss, dass sich die Expansion des Alls bereits wieder verlangsamt.
Noch stoßen diese Thesen das Standardmodell nicht vom Sockel, aber es wackelt. Angesichts der Überraschungen, mit denen das Universum immer wieder aufwartet, wäre allerdings eine weitere Revolution des kosmologischen Weltbilds wiederum nichts Neues.