11.12.2025
Jani Silva, kolumbianische Umweltschützerin, im Gespräch über Milizen und Konzerne

»Von der Regierung erhalten wir keine Unterstützung«

Die Umweltschützerin Jani Silva erhält seit Jahren Morddrohungen von bewaffneten Milizen. Aus Sicherheitsgründen ist es der Präsidentin der Bauernorganisation Adispa nicht mehr möglich, in die von ihrer Organisation verwaltete Schutzzone im kolumbianischen Amazonasgebiet zu reisen. Die »Jungle World« sprach mit Silva über die Gefahren ihres Engagements.

Im September wurden Sie für Ihren zivilgesellschaftlichen Einsatz und für Ihr Engagement zum Schutz der Amazonasregion mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet. Was bewirkt so ein Preis?
Überaus positiv daran ist das öffentliche Interesse an unserer Arbeit. Es gibt zahlreiche Organisationen, die wissen wollen, was wir machen, wie wir arbeiten, was wir planen und wie wir unsere Zukunft sehen.
Das ist sehr motivierend, für mich sowie für alle anderen von Adispa. Der Preis ist eine Anerkennung unserer Arbeit als Verteidiger und Verteidigerinnen der Amazonasregion von Putumayo. Das stärkt uns den Rücken, es hilft uns weiterzumachen. Mehr nationale und internationale Aufmerksamkeit kann auch für mehr Sicherheit sorgen.

Wie steht es um Ihre persönliche Sicherheit?
Mein Name steht auf der Schwarzen Liste einer paramilitärischen Bande, die an einem kriegerischen Konflikt beteiligt ist. Wenn ich das Haus verlasse, werde ich in einem gepanzerten Fahrzeug gefahren und trage eine schusssichere Weste. Die Bedrohung wirkt sich auf unsere Arbeit, unsere Organisationsstruktur und unsere Sicherheit aus. Wir können nicht so agieren, wie wir gern würden, weil wir mit dem Tod bedroht werden.

Sie sprechen von der paramilitärischen Gruppe Comandos de la Frontera, die in Putumayo und an der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze vor allem in den Anbau und den Handel von Kokain involviert ist. Warum hat es die Gruppe auf Ihre Organisation abgesehen?
Adispa fördert und verwirklicht Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Kleinbauernfamilien in Putumayo. Das betrifft Projekte in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport, ökologischer Landbau und vor allem die Artenvielfalt, für deren Erhalt wir eintreten. So fördern wir die kleinbäuerliche Selbstverwaltung und wollen den Familien ihre Rechte, aber auch ihre Verantwortung für die Natur und ihrer Umwelt bewusst machen. Wir engagieren uns gegen den Kokaanbau im Regenwald, aber auch gegen die Förderung von Erdöl, Gold und anderen Rohstoffen.

»Die Gewalt hat nach dem Friedensabkommen mit den Farc im November 2016 nie wirklich aufgehört. Sie hat nur kurzzeitig etwas nachgelassen.«

Und das passt den Paramilitärs nicht?
Genau, die Comandos de la Frontera wollen, das wir uns als Organisation auflösen, unsere Arbeit einstellen, aufgeben. Sie sind der Meinung, dass das Erdölunternehmen Amerisur der Region Entwicklung bringt und wir deren Aufschwung blockieren. (Das Unternehmen Amerisur Colombia Limited ist seit 2009 in Putumayo tätig und betreibt dort ein Ölfeld und eine Öl-Pipeline, die durch die Region führt. 2019 wurde es von Geopark Limited übernommen; Anm.d.Red.) Zudem ist die paramilitärische Gruppe in den Kokaanbau und Vertrieb involviert.

Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der paramilitärischen Gruppe und dem Erdölunternehmen, das Sie wegen der Verschmutzung von Flüssen angezeigt haben?
Die Gruppe und vor allem deren Sprecher, der sich Lionel nennt, haben das mehrfach behauptet. Sie hätten einen Vertrag mit der Gesellschaft, dem zufolge sie dafür sorgen müssen, dass Amerisur in der Region arbeiten kann.

Der Staat unternimmt nichts zum Schutz der Bewohner?
Von der Regierung erhalten wir keine Unterstützung. Unsere Rechte in der Zona de Reserva Campesina werden nicht von der Regierung oder ihren Institutionen verteidigt – wir sind weitgehend auf uns gestellt.

Sie leben seit Oktober 2020 in Puerto Asís. Ihre Farm liegt innerhalb der Schutzzone in dem Dorf Bajo Cuembí. Können Sie noch dorthin reisen?
Nein, ich kann nicht nach Bajo Cuembí reisen. Auch hier in Puerto Asís kann ich das Haus nur in Begleitung von Personenschützern oder von Organisationen wie Peace Brigades International (die unbewaffnete Schutzbegleitung für Menschenrechtler in Konfliktgebieten zur Verfügung stellt; Anm.d.Red.) verlassen. Aber was sollen zwei Bodyguards schon ausrichten, wenn es gegen eine schwerbewaffnete große paramilitärische Truppe wie Comandos de la Frontera geht? Ich erhalte immer wieder Morddrohungen.

Wie erreichen die Morddrohungen Sie?
Erst zirkulierten Pamphlete gegen uns, dann tauchten die Typen auf unseren Versammlungen auf, schließlich fragten sie konkret nach mir und anderen Aktivisten von Adispa – die Bedrohung wurde immer krasser. Irgendwann haben sie auf Versammlungen angekündigt, mich umzubringen. Und sie bedrohen auch die Leute, die mit mir zusammenarbeiten. Das ist sehr belastend. Auch mir macht der ständige Druck zu schaffen, das ist keine einfache Situation.

Präsident Gustavo Petro unterzeichnete 2022 das »Gesetz für totalen Frieden«. Es sollte durch Verhandlung mit allen bewaffneten Gruppen zu einem umfassenden Friedensschluss führen und zur Verwirklichung des Friedensabkommens zwischen dem Staat und der ehemaligen Guerilla Farc beitragen. Ist Petro damit gescheitert?
Die Gewalt hat nach dem Friedensabkommen mit den Farc im November 2016 nie wirklich aufgehört. Sie hat nur kurzzeitig etwas nachgelassen.

»Die Situation ist weiterhin sehr angespannt und leider kommt der Friedensprozess nicht oder nicht wie erwartet voran.«

Was leistet die internationale Unterstützung?
Sie hat dafür gesorgt, dass wir wahrgenommen werden, und sie schützt uns. Die Begleitung durch die Comisión Intereclesial de Justicia y Paz (zwischenkirchliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden) war von Beginn an extrem wichtig. Sie hat für internationale Kontakte gesorgt, zum Beispiel indem sie uns mit Peace Brigades International vernetzt hat, die uns begleiten und über uns informieren. So ist Adispa bekannter geworden. Aber die Situation ist weiterhin sehr angespannt und leider kommt der Friedensprozess nicht oder nicht wie erwartet voran.

Woran liegt das?
Dazu kann ich wenig sagen, denn wir sind nicht an den Verhandlungen beteiligt, haben keinen echten Einblick. Ich hoffe, dass sie eine Verhandlungslösung im Rahmen der Regierungspolitik des totalen Friedens finden und der Konflikt endlich beigelegt wird. Ich hoffe, dass die Zahl der Morde sinken wird. Derzeit herrscht in Puerto Asís und in vielen Dörfern der Region eine angespannte Ruhe.

In Kolumbien gibt es so viele Morde an Umweltschützern wie in keinem anderen Land der Welt. Was macht Kolumbien für diese Profession nach wie vor so gefährlich?
Solange wirtschaftliche Interessen in bestimmten Sektoren bestehen, solange der bewaffnete Kampf wirtschaftlich rentabel ist, wird das so bleiben. Wir haben uns mit all unseren Kräften für ein Substitutionsabkommen eingesetzt (das den freiwilligen, durch Subventionen geförderten Umstieg vom illegalen Kokaanbau auf alternative, agro­ökologische Anbaukulturen vorsieht; Anm.d.Red.). Es gibt Genossen, die weiter für ein Abkommen zur Substitution des Kokaanbaus kämpfen. Die líderes sociales (kolumbianisches Konzept für Personen, die eine soziale Gruppe bei Menschenrechts- und Umweltschutzthemen vertreten; Anm.d.Red.) sind da, aber sie werden nicht anerkannt und nur selten in die Verhandlungen einbezogen.

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Jani Silva

Jani Silva

Bild:
Knut Henkel

Jani Silva ist Umweltschützerin aus Puerto Asís im kolumbianischen Amazonas-Departamento Putumayo und Präsidentin sowie Mitgründerin der Bauernorganisation Asociación de Desarrollo Integral Sostenible Perla Amazónica (Adispa), die eine sogenannte Zona Reserva Campesina (bäuerliche Schutzzone) von 22.000 Hektar Fläche in dem Departamento verwaltet. Der kolumbianische Staat hatte die Perla Amazónica genannte Schutzzone im Dezember 2000 an Adispa übergeben, welche sie seither verwaltet und nutzt.