18.12.2025
Ein ABC der linken Moden

Hat die Linke Style?

Ein eklektischer Streifzug durch die Geschichte der subkulturellen, politischen und ­revolutionären (Anti-)Ästhetiken der Linken seit der Französischen Revolution – von A bis Z.

Adidas, das Drei-Streifen-Design der vom NSDAP-Mitglied Adolf »Adi« Dassler entworfenen Sportkleidung wurde ausgerechnet von der britischen Fankultur der casuals in den späten siebziger Jahren zum modischen Statement erhoben. Selbiges taten dann US-amerikanische HipHop-Crews wie Run DMC ein Jahrzehnt später nochmals. Das fränkisch-piefige Herzogenaurach bestimmt seither die Straßenmode weltweit mit.

Bloomers, nach ihrer Schöpferin, der Suffragette und Abstinenzlerin Amelia Bloomer benanntes Beinkleid. Bloomer popularisierte als Erste Frauenhosen, die ebenso weit wie züchtig waren. Die Emanzipation ging dann (bis zur Zeit der lila Latzhosen) ohne die Pluderhose weiter.

»In der Dunkelheit weisen Bengalos den Weg. Aus Hunderten Kehlen tönt ›ACAB‹. Ob Hafenstraße oder Champs Élysées, Sie ham’ alles geseh’n.« (Swiss und die Andern). Codes wie AFA (161) oder ACAB (1312) fungieren zumindest noch auf Häuserwänden und Dating-Plattformen als Erkennungszeichen. Der Schwarze Block, also der vermummte Chor, der »ACAB« (Slime) einst skandierte, ist der wohl wichtigste Exportartikel der westdeutschen Linken und fand unter anderem in Seattle, Genua und Kairo Nachahmer.

Vom Wehrmachtsarzt Klaus Maertens nach dem Krieg aus Uniformresten und Flugzeuggummi als bequeme ­Sicherheitsschuhe mit luftgepolsterter Sohle entwickelt, erlebten Dr.-Martens-Schuhe im England der sechziger Jahre mit der gelben Sohlennaht ihren Durchbruch. Zierten die Stiefel zunächst die britische working class, waren sie bald von keinem Punk-, Skin- und Grunger-Fuß wegzudenken und sind längst globaler modischer Mainstream geworden. Bekanntester Träger: Papst Johannes Paul II.

Der Existentialisten­pull­over verdrängte mit seinem Rollkragen elegant die Krawatte, zierte von Jean-Paul Sartre über Simone de Beauvoir, Samuel Beckett bis Michel Foucault die Intellektuellenboheme sowie die Beatniks in den USA und Großbritannien und wird bis heute gern in linken akademischen Kreisen angelegt.

Fred Perry, erster Wimbledon-Sieger aus der Arbeiterklasse (1934 bis 1936), der mit seiner eigenen Modemarke den Sport-Chic des Adels proletarischen Jugendlichen schmackhaft machte. Wichtigstes Produkt war das Poloshirt mit dem Wimbledon-Sie­gerlorbeer als Brustemblem. Dieses begleitet Subkulturen seit Jahrzehnten, getragen von den Hool-Girls beim FC Chelsea 1969 bis zu Adorno-lesenden Antideutschen heutzutage.

Gendern, den einen die nonbinäre Revolution der Schrift, den anderen ein politisches und/oder grammatikalisches und/oder ästhetisches Gottseibeiuns.

Über die Sowjet-Ästhetik lässt sich streiten, doch die auf geometrische Formen reduzierte Kunst des Renegaten Kandinsky beispielsweise sind gut gealtert und zieren noch heutzutage die Wände jeder zweiten linken WG. Die Hammer-und-Sichel-Symbolik ist aber nicht erst dringend zu vermeiden, weil die Marxisten-Leninisten eine Blutspur durchs 20. Jahrhundert ge­zogen haben, sondern hat als bildlicher Ausdruck des linken Arbeitsfetischs noch nie als Symbol der Freiheit getaugt. Deshalb wohl gefallen die gekreuzten Werkzeuge bis heute autoritären Grüppchen so gut.

Ursprünglich ein Kultur­export der US-Armee, haben die Punks mit dem Iro ihren Teil zur linken ­Traditionspflege beigetragen. Der derzeit prominenteste Träger ist allerdings Unternehmensberater für Digitales und steht in Diensten des ­Spiegels.

Die Jakobinermütze schaffte es nur dank eines Irrglaubens zum Revolu­tionssymbol, denn die Jakobiner nahmen an, eine solche Zipfelmütze wäre in der Antike von freigelassenen Sklaven getragen worden. Eine Abbildung dieses Utensils ziert noch heute die Wappen mehrerer südamerikanischer Länder, aber auch das Siegel des US-Senats.

Kufiya, der Pali-Feudel musste nicht feindlich übernommen, zurückerobert oder angeeignet werden. Aus ästhetischen Gründen früher auch unter Antiimperialisten umstritten, ist er nun zum großen Symbol der Versöhnung zwischen dem irren Teil der Linken und den Islamisten geworden. Das passt, denn das Tuch diente bereits bei den Pogromen 1936 bis 1939 im Mandatsgebiet als Erkennungszeichen der Judenhasser.

Lederjacke und lange Haare waren ab 1967 Erkennungszeichen der sich antiautoritär gebenden Subkulturen. Zur Zeit des Westberliner Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen galt der postnazistischen Gesellschaft jeder über den Kragen hinausreichende Haarwuchs als weibisch – mit der zumeist schwarzen Lederjacke war man dann zwar Rebell, aber trotzdem ein ganzer Kerl. Später diente sie der Abgrenzung von der Trenchcoat-Fraktion der K-Gruppen.

Bettie Page und Audrey Hepburn führten den Micro Pony in den Fünfzigern ein, Mr. Spock gab ihm ein Jahrzehnt später interstellaren Flair und die Riot Grrrls sagten in den Neunzigern mit ihm den männlichen Schönheitserwartungen den Kampf an. Die eigene Weltanschauung am Körper zu tragen, ist linkes Gemeingut: Bei Frauen machen die ultrakurzen Fransen zusammen mit einem »Kampf dem Pa­tri­ar­chat«-Patch das aktivistische Outfit komplett, wie ein Blick in jede Berlin-Friedrichshainer Kneipe beweist. In den USA als Terf bangs bekannt, wurde der Schnitt dieses Jahr als baby bangs von internationalen Popgrößen und Topmodels auf den Laufstegen vorgeführt.

Als die erhoffte schnelle Umwälzung gesellschaftlicher und privater Verhältnisse um 1970 in den westlichen Me­tropolen ausblieb, suchten nicht wenige das Heil im New Age – Hippie-Ästhetik und alles, was man irgendwie für die »Weisheit des Ostens« hielt, wurde von der boomenden Esoterik aufgesogen.

»Die absolute Härte / Sind Oberlippenbärte«, schallte es noch bis in die zehner Jahre auf Demos den Dimpflmoser-Wachtmeistern bayerischer ­Polizeieinheiten entgegen – bis der in den Siebzigern sogenannte Pornobalken in den zweitausendzwanziger Jahren wieder Modetrend wurde. Die linke Politisierung der Gesichtsbehaarung reicht freilich deutlich länger zurück. Der wallende Vollbart, der zu Marx’ Zeiten Demokratenbart hieß, galt als Symbol der demokratischen Opposi­tion gegen den Obrigkeitsstaat um 1848. Die letzte Blüte erlebte er als Dissidentenbart in der DDR, mit den heutigen Hipstern als womöglich endgültiger Verfallsform.

Parka, ein langer, militärgrüner Kapuzenmantel, den die US-Armee zunächst auf die Insel und dann auf ihren Siegeszug nach Kontinentaleuropa brachte. Standardausrüstung der britischen Moped-Mods, die Anzüge und Shirts damit vor Verschmutzung schützten – stilecht überknielang und mit Schwalbenschwanz. Wenig stilecht hingegen war das Modell der Bundeswehr, in dem sich westdeutsche Demonstranten Wasserwerfern entgegenstellten. Der Parka an sich, ob nun top (US-amerikanisch/britisch) oder flop (deutsch), wich in den beginnenden Antifa-Jahren der Funktionskleidung nordisch klingender Marken wie Jack Wolfskin oder The North Face.

Queere Ästhetik hat die Einsicht ins Modische übersetzt, dass nur die Über­treibung wahr ist. Diese Wahrheit scheint ihren Zeitkern aber in Zeiten des Mar-a-Lago face eingebüßt zu haben.

Die Zigarettenmarke Roth-Händle war Kult unter westdeutschen Linken der siebziger Jahre, als Gesundheitsbewusstsein noch als faschistoider Plot galt und die Ein-Zigaretten-Regel bei Politplena noch in ferner, schier unvorstellbarer Zukunft lag. Noch gibt es die liebevoll Tot-Händle genannten Kippen zu kaufen, sie liegen mit einem Preis von 9,30 Euro pro 20er-Packung allerdings außerhalb altlinker Kaufkraft.

Das Export der Brauerei Sternburg aus Leipzig, das mit Astra oder Oettinger im unteren Preis- und Geschmackssegment liegt, beflügelt die Phantasie so mancher Studenten aus gutem Haus vom Leben à la Bukowski. Wahrscheinlich sind keinem anderem Bier mehr Punk-Songs und Buttons gewidmet als dem »Sterni« von Dr. Oetker.

Die Mediengruppe Telekommander kritisierte den linken Fetisch, politische Botschaften zum Konsumgut zu verdinglichen, mit einem Song über Che-Guevara-Kondome und T-Shirts mit Andreas Baader drauf – und wurden selbst kurzzeitig zum Trend auf jeder linken WG-Party Mitte der nuller Jahre.

Auch wenn die Unterscheidung von U- und E-Musik längst als Ideologie enttarnt ist, ist die Vorliebe von Linken für den kulturellen Underground nicht selten politisch garniert mit Ressentiments gegen Kommerz und Masse – ein ernstes Problem mit mäßigem Unterhaltungswert.

Vokuhila. Eigenartig unentschlossener Haarschnitt aus den Achtzigern. Hinten Siebziger-Reminiszenz, vorne Bankkaufmann; gerne kombiniert mit ebenfalls unentschlossenem Oberlippenbart. Dieser signalisierte einerseits die Abkehr vom klassisch linken Vollbart, andererseits das Festhalten an zweifelhafter Virilität. Die jüngste Rückkunft dieses Looks gehört zu den großen Rätseln der Mannheitsgeschichte.

Wursthaare, in den neunziger Jahren kürte die Bild-Zeitung den Rasta-Look pickliger Teenager-Boys aus Bad Salzuflen zur Frisur des Jahres. Ein Trend in den AZ, für deren langsames Verschwinden man den Tribalisten, die »kulturelle Aneignung« streng untersagen, zu Dank verpflichtet ist.

Tag X, zunächst symbolisiert im Atomkreuz, wie es die Vorgärten oppositioneller Gorlebener in den Achtzigern schmückte. Mittlerweile hat sich die extreme Rechte den Begriff kulturell angeeignet, er steht für den ­herbeigesehnten Zusammenbruch »des Systems«.

Yéyé, sozusagen die British invasion im Mittelmeerraum. Anders als DDR-Machthaber Walter Ulbricht, der im »Je-Je-Je« den Kulturimperialismus erblickte, verband die Jugend Frankreichs, Italiens und der Iberischen Halbinsel mit der Verballhornung ­eines Beatles-Refrains Befreiung. Die Mod-Welle aus Großbritannien schwappte durch mediterrane Kleider- und Plattenschränke: Miniröcke, Go-go-Boots und geometrische Muster für junge Frauen, langer Pony, Harringtonjacke und Chelsea-Boots für junge Männer sowie bizarre Hits für alle.

Zusammengeklebte Graphiken und Schnipsel in Zines galten als Inbegriff der Verweigerung des Wohlge­ordneten, zumindest im Bereich der Seitengestaltung, konnten aber auch die Lesbarkeit so stark einschränken, wie es kein Font der Spex der nuller Jahre geschafft hätte.

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