Die Ernährungspolizei in Frage stellen
Haferflocken mit Beeren zum Frühstück, zwischendurch ein paar Nüsse, abends eine Quinoa-Bowl: Was banal klingt, fasziniert in den sozialen Medien ein Millionenpublikum. Im Format »What I Eat in a Day« zeigen Influencer auf Youtube, Instagram oder Tiktok, was sie täglich essen – meist in kurzen Clips, teils ergänzt um Kalorienangaben oder Kochanleitungen. Das Format ist bei weitem nicht der einzige Trend in den sozialen Medien, der sich um Ernährung, Sport oder Körperformen dreht.
Studien deuten darauf hin, dass soziale Medien nicht nur Schönheits- und Lebensstilideale prägen, sondern auch die Selbstwahrnehmung beeinflussen. Eine kanadische Studie von 2023 beispielsweise ergab, dass sich eine reduzierte Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen positiv auf die Selbstwahrnehmung von Gewicht und Aussehen auswirken kann. Da ein negatives Bild des eigenen Körpers eine Voraussetzung für das Entstehen von Essstörungen sei, liege es nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen Essstörungen und der Nutzung sozialer Medien gebe, mahnen die Autoren der Studie. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
»Die Modeindustrie unterstützt Essstörungen total.« Anne-Sophie Monrad, Model und Autorin
Die Berlinerin Anne-Sophie Monrad, Model und Autorin, ist gegen Formate wie »What I Eat in a Day«. »Ich sehe darin eine Riesengefahr«, sagt sie der Jungle World. Von ihrem 17. Lebensjahr an arbeitete sie, bis sie Ende 20 war, international als Model, lief für Marken wie Chanel, Marchesa und Givenchy und stand für die Modezeitschriften Vogue und Elle vor der Kamera. Sie entwickelte – wie viele ihrer Model-Kolleginnen, erzählt sie – eine Anorexia nervosa, auch als Magersucht bekannt. Monrad verließ die Modeindustrie, machte eine Therapie und schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen in der Branche, das 2020 veröffentlicht wurde.
Heute, mit Mitte 30, hat Anne-Sophie Monrad ihre Magersucht überwunden, ist Botschafterin der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen und modelt wieder; aber nur noch für Kunden, die sie so nehmen, wie sie ist. Das aber, erzählt sie, eher sporadisch: Der Markt für Menschen mit gesundem Körper sei nicht wirklich groß. Ob sie mit ihrem jetzigen Körper vom Modeln leben könnte? »Das wäre eher schwierig«, meint sie.
Gesellschaftliche Schönheitsideale spiegeln sich in ihrer Branche stets wider. Die Entwicklung, die Monrad hier beobachtet, beunruhige sie: Zumindest bei Frauen sei der Trend zuletzt wieder zum »ganz Mageren« gegangen. Als sie vor wenigen Jahren – nach Veröffentlichung ihres Buchs und der längeren Pause vom Modeln – wieder in Paris auf der Fashion Week war, sei sie schockiert gewesen, wie dünn die anderen Models waren.
»Ich saß an einem Dinner-Tisch mit vielen anderen Models, von denen viele gerade 18 waren. Diese extrem dünnen Körper hatte ich total vergessen. Ich dachte: Es hat sich wirklich gar nichts verändert.« Monrad fügt hinzu: »Wenn man auf die Laufstege in Paris guckt, ist von 30 Models in der Show vielleicht eines Plus-Size, was ja wieder in ein anderes Extrem geht.« Die Branche sei lange nicht so weit, alle Körperformen tatsächlich zu akzeptieren.
Wichtigkeit der sozialen Medien
Große Sorgen bereitet ihr, wie wichtig die sozialen Medien heutzutage für junge Models sind, um in der Branche überhaupt Fuß fassen zu können. Sie spricht von »Glück«, zu einer Zeit ihrer Karriere begonnen zu haben, als Instagram noch nicht essentiell für Erfolg in der Branche war. Mittlerweile machten Agenturen den Models Vorgaben, eine bestimmte Reichweite auf Instagram zu erlangen. »Hätte ich jetzt vor kurzem erst angefangen, hätte mich das alles nochmal viel mehr verunsichert, vor allem dann mit der Essstörung«, sagt sie.
Trotz ihrer Erfahrungen hat sie Hoffnung, dass sich die Schönheitsideale in der Branche irgendwann grundlegend ändern könnten; obwohl ihre Diagnose nach wie vor lautet: »Die Modeindustrie unterstützt Essstörungen total.« Dass sie mit ihrem jetzigen Körper überhaupt als Model arbeiten könne – wenn auch nur ab und an –, sei ein Beispiel für die zaghafte Entwicklung hin zu einem breiter gefächertem Schönheitsverständnis. »Das hätte ich vor zehn Jahren nicht machen können.«
Nicht nur die Modebranche, sondern die Gesellschaft generell muss ihr zufolge deutlich sensibler im Umgang mit Essstörungen werden. »Ich finde es immer noch sehr heftig, wie häufig kommentiert wird, was man isst, und wie oft Essen mit schlechtem Gewissen in Verbindung gebracht wird.« Sie kenne viele Menschen mit einer Essstörung, die nicht in der Modeindustrie arbeiten. »Das ist einfach sehr verbreitet – und vielleicht sehe ich es mehr, dadurch dass ich es selbst erlebt habe.«
Auch Männer von Magersucht betroffen
Statistiken bestätigen diesen Eindruck. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts landen immer mehr Mädchen und junge Frauen wegen Essstörungen im Krankenhaus. Binnen 20 Jahren hat sich demnach die Zahl der zehn- bis 17jährigen Mädchen mit der Diagnose Essstörung verdoppelt: Von 3.000 Patientinnen 2003 auf 6.000 im Jahr 2023. Am häufigsten wurde Anorexia nervosa diagnostiziert, gefolgt von Bulimie. Experten führen diesen Anstieg mitunter auf die sozialen Medien zurück: Sich ständig mit anderen zu vergleichen, sei ein Risikofaktor für Essstörungen.
Junge Menschen sind generell besonders häufig betroffen: Gemäß den Zahlen des Statistischen Bundesamts war 2023 mehr als die Hälfte (52,8 Prozent) der stationär behandelten Patienten jünger als 18 Jahre; 28,1 Prozent zwischen 18 und 29 Jahre alt. Nur 6,3 Prozent der Behandelten waren demnach 50 Jahre und älter. Die erdrückende Mehrheit derer, die aufgrund einer Essstörung im Krankenhaus behandelt wurden, waren Frauen (93,3 Prozent).
Doch auch Männer sind von Magersucht betroffen. Bei ihnen kann sie sich mitunter ganz anders äußern als bei Frauen, wie Marius Frenser, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Angewandte Ernährungswissenschaften an der FH Münster, im Gespräch mit der Jungle World erklärt. Mit zwei weiteren Wissenschaftlern hat er die Instagram- und Tiktok-Profile männlicher content creators analysiert und festgestellt: Knapp jeder Vierte zeigte Hinweise auf ein essgestörtes Verhalten. »Bei Männern kann sich Anorexia nervosa ganz anders äußern; oft ist eine erhöhte Muskelmasse bei geringer Fettmasse ein Anzeichen«, sagt Frenser.
Diagnosekriterien stark auf das weibliche Geschlecht zugeschnitten
Für die Analyse hat das Team Beiträge öffentlich zugänglicher Accounts von Männern ausgewertet, die man als Fitness-Influencer bezeichnen könnte. Da die WHO-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa Frenser zufolge stark auf das weibliche Geschlecht zugeschnitten sind – gelistet ist etwa ein extrem restriktives Essverhalten und ein ausgeprägtes Unwohlfühlen im eigenen Körper –, hat sein Team diese bei der Auswertung der Postings anhand der wissenschaftlichen Literatur für Männer angepasst. Ohne die Anpassung hätten sie demnach in weniger als halb so vielen Fällen Anzeichen einer Essstörung identifiziert. Ein Ergebnis der Analyse sei daher, dass die für Männer angepassten Kriterien für eine Essstörung zu anderen Ergebnissen führen als die von der WHO festgelegten Diagnosekriterien. »Aber wir benötigen deutlich mehr Daten, um konkrete Rückschlüsse ziehen zu können.«
»Unsere Arbeit deutet darauf hin, dass viele männliche content creators offenbar mit einem ständigen Optimierungsdruck kämpfen«, sagt Frenser. Hier bestehe die Gefahr, dass sie eine junge, vulnerable Zielgruppe beeinflussen; nämlich männliche Jugendliche. »Das ist definitiv kritisch zu beurteilen.«
Der Appell der Wissenschaftler: Männliche Jugendliche müssten besser aufgeklärt werden, um »problematische Verhaltensmuster und utopische Schönheitsideale« zu verhindern. »Vielleicht hilft bereits die Frage: Was ist ein normaler Körper?« meint Frenser. »Wenn ein sportbegeisterter Jugendlicher Influencern folgt, die ihre Körper mit hohem Muskelanteil und geringer Fettmasse präsentieren, dann sollte ihm im besten Fall bewusst sein, dass das nicht der durchschnittliche Körper ist.« Es sei wichtig, jungen Menschen zu vermitteln, dass Körper unterschiedlich seien. »Ich glaube, es würde bereits helfen, mit jungen Männern über das soziokulturelle Bild des normalen Körpers zu diskutieren.«
Fitnesswahn, »clean eating« und dergleichen werden nicht widerspruchsfrei hingenommen. Auch in den sozialen Medien wird Kritik laut.
Fitnesswahn, »clean eating« und dergleichen werden allerdings nicht widerspruchsfrei hingenommen. Auch in den sozialen Medien wird durchaus Kritik laut. Die Essens-Influencerin Bettina Grabl, die als »betelsfoodfeast« auf mehreren Plattformen neue Trends beim Essen testet, postete im April einen Beitrag mit dem Titel »Warum ihr kein ›What I Eat in a Day‹ von mir sehen werdet«.
Mit rund 37.000 Likes erreichte der Beitrag deutlich mehr Menschen als ihre üblichen Postings. »Diese Formate wirken harmlos, aber führen unwiderruflich dazu, dass wir uns vergleichen: Wenn ich auch so esse, sehe ich dann aus wie sie?«, schrieb Grabl. »Es ist kein verdammter ›cheat day‹ oder ›sooo mutig‹, wenn ich Pasta esse und danach noch Kuchen, und ich ›gönne‹ es mir auch nicht. Wir verdienen alles – und das bedingungslos.«