Homestory #51-52/2025
Donald Trumps Gedanken scheinen wie die kaum eines anderen Präsidenten um das Aussehen zu kreisen: das Weiße Haus ließ er aufwendig umdekorieren, die Soldaten sollen wieder glattrasiert und durchtrainiert aussehen. Dem woken ästhetischen Zeitgeist einen neuen Schlag versetzte kürzlich das US-Außenministerium, indem es dekretierte, dass alle Schriftstücke des Hauses wieder in Times New Roman verfasst werden sollen.
Die unter Joe Biden eingeführte serifenlose Schriftart Calibri sei ein »verschwenderisches DEIA-Programm«, also nur dem Zwang zu »diversity, equity, inclusion, accessibility« (Vielfalt, Gleichstellung, Inklusion, Barrierefreiheit) geschuldet, wurde da scharfsinnig festgestellt. Times New Roman werde hingegen »Etikette« zurück in die Schriftstücke des Außenministeriums bringen, denn Schriftarten mit Serifen, den kleinen Strichen oder Füßchen am Ende der Buchstabenstriche, haben eine »Konnotation von Tradition, Formalität und Zeremonie«.
Der Erfinder der Calibri-Schrift ist niemand anders als Lucas de Groot, der nicht nur den ursprünglichen Jungle World-Schriftzug, sondern auch die Schriften gestaltet hat, die diese Zeitung bis heute verwendet.
In dieser Zeitung sind solcherart Kulturkämpfe um die richtige Schriftart kein großes Thema. Auch wenn sie den ganzen Tag lang auf schwarze Buchstaben starren, sind die meisten Redakteure recht leidenschaftslos, was deren genaue Form angeht. Einige haben eine Schwäche für Liberation, andere haben noch nie verstanden, was das ganze Gewese um die Schriftarten eigentlich soll. Zum Glück gibt es da die Graphiker, die nicht nur wissen, welche Schriftarten schön und praktisch sind, sondern auch noch, warum: »Ich habe eine sehr starke Präferenz für Calibri, zumindest, was alle Alltagstexte angeht«, erläutert ein Kollege. »Moderner, leichter zu lesen, gleichmäßiger vom Schriftbild, zurückhaltend, unprätentiös.«
Denn das ist der Grund für den Siegeszug von Calibri: die schlichte Schrift, die erst vor etwa 20 Jahren für Microsoft entworfen wurde, ist besser auf Bildschirmen lesbar als die 1931 für die britische Times entworfene Times New Roman, die dafür eine klassische Anmutung aus einer Zeit hat, als man seine Buchstaben noch öfter eng gedruckt auf einer Zeitungsseite statt auf dem Bildschirm vor sich hatte und für Maga-Anhänger die Welt noch in Ordnung war. Dass Calibri deshalb auch für Menschen mit Sehproblemen und für die von ihnen verwendeten automatischen Texterkennungsprogramme besser lesbar ist, ist ein weiteres Argument für die Schriftart, aber wohl eines, das für die Trump-Regierung zu »woke« war.
Der Erfinder der Calibri-Schrift ist übrigens niemand anders als Lucas de Groot, der nicht nur den ursprünglichen Jungle World-Schriftzug, sondern auch die Schriften gestaltet hat, die diese Zeitung bis heute verwendet. FlorisSlab, benannt nach seinem Sohn und einem holländischen Ritter, der gegen das Unrecht kämpfte, hatte er ursprünglich für die brasilianische Tageszeitung Folha de São Paulo entworfen, doch ist sie seit vielen Jahren auch die Schriftart der Jungle-Überschriften.
»Nicht so clean, sondern von Menschenhand gemacht«
Er habe die Idee, sagte Lucas de Groot 2017 im Jungle-Gespräch, dass seine Schriften »immer etwas Menschliches haben müssen und nicht so geglättet sind wie die Futura oder die Helvetica, sondern ein bisschen humanistischer, dass man gute Laune kriegt und das Gefühl hat: Ja, das ist nicht so clean, sondern von Menschenhand gemacht«.
Bleibt zu hoffen, dass diese Zeitung allein beim ersten Anblick schon mehr Freude macht als die Lektüre dessen, was das US-Außenministerium derzeit so zu Papier bringt.
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Die nächste Ausgabe der »Jungle World« erscheint am Freitag, dem 2. Januar 2026. Wir wünschen unkomplizierte Jahresendfeiertage und einen smoothen Rutsch ins neue Jahr!