18.12.2025
Lotta Kampmann, Recherche Nord, im Gespräch über die Annäherung rechtsextremer Parteien an Jugendliche

»Kontrolle und Disziplinierung sind ein Bestandteil der Rekrutierung«

Lange schienen die rechtsextremen Jugendgruppen, die seit knapp zwei Jahren in Erscheinung treten, sich unabhängig von etablierten Parteistrukturen zu organisieren. Bei einer Demonstration der Kleinpartei »Die Heimat« Ende November in Berlin-Mitte trat nun auch die »Deutsche Jugend voran« auf. Die »Jungle World« sprach mit ­Lotta Kampmann vom Projekt »Recherche Nord« über die Annäherung rechtsextremer Parteien an neue Jugendmilieus.

Wie fortgeschritten ist die Annäherung rechtsextremer Parteien an Jugendgruppen?
Die Phase der Annäherung kann seit Anfang 2025 als abgeschlossen gelten. Mit Blick auf die beiden größten Netzwerkformationen – »Deutsche Jugend voran« (DJV) und »Jung und stark« (JS) – ist inzwischen eher von einer weitgehenden personellen Übernahme auszugehen. In den meisten Regionen, wo DJV und JS aktivistische Regionalgruppen besaßen, sind diese beinahe vollständig in partei­gebundene Netzwerke integriert. Einzelne Städte wie Berlin stellen die Ausnahme dar: Dort ist der Prozess noch nicht vollständig ab­geschlossen, und einige Reststrukturen ehemaliger Regionalgruppen existieren weiterhin.

Was hat sich seit der Annäherung geändert?
Die neue Jugendszene war anfangs von Selbstorganisierung geprägt. Spätestens ab 2025 begannen Parteien wie »Der III. Weg«, die Protestthemen der Jugendgruppen zu übernehmen. Demonstrationen gegen CSDs wurden zunehmend von den »Jungen Nationalisten« oder dem »III. Weg« organisiert. Abseits der direkten Integration und Rekrutierung von Jugendlichen beobachten wir derzeit Bemühungen auf einer übergeordneten Vernetzungsebene. Besonders die Partei »Die Heimat« versucht, unterschiedliche extrem rechte Akteure zusammenzubringen. Das Ziel ist, ein eigenes Vorfeld aufzubauen. Die sogenannte Alte Rechte versucht, erfolgreiche Strategien der Neuen Rechten zu adaptieren. Dieser Prozess befindet sich noch in einem frühen Stadium.

»Die sogenannte Alte Rechte versucht, erfolgreiche Strategien der Neuen Rechten zu adaptieren. Dieser Prozess befindet sich noch in einem frühen Stadium.«

Wie funktioniert die Nachwuchsrekrutierung?
Inzwischen gibt es Anwärter:innenschaft und Überprüfungen der persönlichen Entwicklungen. Um vollwertige Mitglieder in partei­gebundenen Jugendgruppen zu werden, müssen Jugendliche Einstellungstests bestehen, Motivationsschreiben verfassen und Ähn­liches. Auch Online-Präsenzen spielen eine entscheidende Rolle. Kontrolle und Disziplinierung sind dann ein weiterer Bestandteil der Rekrutierung. Die eigentliche Rekrutierung erfolgt mittels der Verzahnung von Spaß, Action und Ideologie, was Experten als »Erlebniswelt Rechtsextremismus« bezeichnen. Die Szene nutzt offline und online alle Kanäle, um ein möglichst attraktives Gesamtpaket aus Abenteuer, Zugehörigkeit, Symbolik und Macht anzu­bieten, um Jugendliche wirksam an sich zu binden und zu Über­zeugungstä­ter:innen zu formen.

Wie erfolgreich war diese Rekrutierung?
Der übergroße Teil der Jugendlichen, die 2023/2024 neue selbstorganisierte Jugendmilieus gebildet hatten, wurde inzwischen abgeschöpft, selektiert und in bestehende Parteistrukturen integriert oder ausgegrenzt. Einige der Integrierten haben mittlerweile einen festen Platz in diesen Organisationen oder befinden sich im Status von Anwärter:innen. Aus einer prozessualen Perspektive lässt sich die Rekrutierungsstrategie als sehr erfolgreich bewerten.