18.12.2025
Rabea Weihser, Buchautorin, im Gespräch über Aspekte einer Kulturgeschichte der Selbstgestaltung

»Was Menschen als schön empfinden, ist das Lebendige«

Die Kulturgeschichte der Selbstgestaltung bewegt sich zwischen Selbstbemächtigung und Unterwerfung unter leidvolle Zwänge, seien sie durch vormoderne Formen der Klassengesellschaft, kapitalistisch oder patriarchal geprägt. Die »Jungle World« sprach mit Rabea Weihser über historische Schönheitsideale, das Verhältnis des Schönen zum Tod und darüber, warum man im Kapitalismus nicht altern darf.

Sie gehen in Ihrem Buch »Wie wir so schön wurden« bis in die Antike zurück. Was hat Sie in der Kulturgeschichte der Selbstgestaltung am meisten überrascht?
Obwohl wir schon so viel über Gesichter und deren Gestaltung wissen, habe ich bei der Recherche ständig Überraschendes gefunden. Zum Beispiel zur biologischen Symbolkraft und kommunikativen Notwendigkeit von Augenbrauen. Oder warum subversive Männer im 19. Jahrhundert angefangen haben, schwarzen Kajal aufzutragen, und warum diese männliche Augenschminke bis heute Ausdruck sozialer Widerstände oder Umbrüche ist. Oder warum schöne Haut seit Jahrtausenden im Zusammenhang mit Milch steht.

Warum denn?
Es gibt da mehrere Aspekte. Ein besonders faszinierender: Im Osmanischen Reich galten die Tscherkessinnen aus dem Kaukasus als ultimative Schönheiten, sie wurden oft zwangsprostituiert. Man lobte sie für ihre klare reine Haut, während die europäische Bevölkerung von Pockennarben und Krankheitsmalen gezeichnet war. Das Bauernvolk der Tscherkessen war schon sehr früh drauf gekommen, Säuglinge mit ungefährlichen Kuhpocken zu infizieren, damit sie resistent gegen das tödliche Pockenvirus waren. Im 18. Jahr­hundert machte das dann auch in England die Runde und so wurde die Vakzination erfunden. Interessant auch, dass wir gerade so viel mit Viren und Impfungen zu tun haben, während neue Kosmetik ständig mit Assoziationen von sanfter, reiner Milch beworben wird.

Sie schreiben, es gehöre zum Wesen der Schönheit, dass sie das Maßnehmen als vermessen straft. Was ist Schönheit?
Schönheit ist eine urmenschliche Sehnsucht. Ich habe versucht, sie wissenschaftlich herzuleiten, und würde deshalb immer zwischen Schönheit und Attraktivität unterscheiden. Seit dem antiken Griechenland werden »ideale« Körper und Gesichter vermessen. Unser Attraktivitätsempfinden ist einerseits durch biologische Konstanten geprägt und verändert sich andererseits temporär durch kulturelle, soziale Einflüsse. Und dann gibt es unser Schönheitsempfinden, das in gewisser Hinsicht immer ein Mysterium bleibt, auch wenn kognitiv schon viel erforscht wurde. Attraktivität ist äußerlich messbar, aber menschliche Schönheit steht für mich immer im Bezug zu einer charakterlichen Schönheit.

Die biologische oder evolutionsbiologische Dimension spielt als Tiefenstruktur des Attraktivitätsempfindens in Ihrem Buch immer wieder eine Rolle. Läuft man damit nicht Gefahr, etwas, was Resultat soziohistorischer Machtverhältnisse ist, auf eine ferne Vergangenheit zurückzuprojizieren und zu verewigen?
Das Verhältnis von Biologie und Kultur wird oft politisch missbraucht. Von daher muss man vorsichtig sein mit Befunden über die biologische Prägung unseres Soziallebens. Der Mensch greift zu technischen Hilfsmitteln, um seine körperlichen Grenzen zu überwinden. Und dass es diesen biologischen Körper gibt, können wir ja nicht wegargumentieren, auch wenn die Wissenschaften bis vor relativ kurzer Zeit von einer rein männlichen Weltsicht geprägt waren. Und in diesem Kontext können wir dann den Geschlechteressentialismus verstehen, den wir derzeit als konservatives Schönheitsideal sehen.

Kulturell geprägte Ideale können biologischen diametral entgegenstehen, wie Sie zum Beispiel anhand des Stils der Neuen Frau in den Roaring Twenties beschreiben.

»Anfang des 19. Jahrhunderts sollten Frauen möglichst zerbrechlich, abgemagert und fieberkrank aussehen, als hätten sie Tuberkulose. Das Ideal kam in den 1990ern als ›Heroin-Chic‹ wieder, und jetzt gibt es den Hashtag Skinny Tok.«

Wenn sich Frauen neue Ideale schaffen, die mit den biologischen Klischees brechen, finde ich das ermächtigend. Aber interessant wird es ja, wenn Männer den biologischen Determinismus der Frau negieren, den sie selbst mal zur Norm erklärt haben. Wenn sie also nicht auf Fruchtbarkeit und Gesundheit abfahren, sondern das Gegenteil als begehrenswert definieren. Anfang des 19. Jahrhunderts sollten Frauen zum Beispiel möglichst zerbrechlich, abgemagert und fieberkrank aussehen, als hätten sie Tuberkulose. Das Ideal kam in den 1990ern als »Heroin-Chic« wieder, und jetzt gibt es den Hashtag Skinny Tok.

Was hatte es mit diesem »Schwindsucht-Chic« auf sich?
Laut Medizinbüchern war der vor allem unter jungen Engländerinnen der Regency-Ära angesagt. Blasse Gesichtshaut, feuchte Augen, stark durchblutete Lippen und Wangen, bläuliche Adern unter der feinen Haut – das war schon lange ein europäisches Ideal. Aber so sahen eben auch Tuberkulosepatientinnen aus, die matt und hilfsbedürftig dem Klischee der zarten, passiven Frau entsprachen, das sich der Philosoph Edmund Burke ausgedacht hatte.

Aber hey, die Girls wurden während ihres Siechtums sehr begehrt. Auch das Modedesign hat sich darauf eingestellt: Das Rückendekolleté ist wohl in diesem Zusammenhang erfunden worden, um die abgemagerten Schulterblätter und die durch die Hustenkrämpfe gekrümmte Wirbelsäule zeigen zu können. Das sind so kurzweilige Moden, die großen Schaden anrichten können.

Sie streifen in Ihrem Buch immer mal wieder solche Phänomene. Ist dem Ideal des Schönen etwas Düsteres inhärent?
Ich denke nicht, dass der Schönheit an sich etwas Dunkles innewohnt. Was Menschen als zeitlos schön empfinden, ist das Lebendige, von Düsternis, Krankheit und Tod möglichst weit Entfernte. Darin liegt der existentielle Kern unseres ästhetischen Empfindens. Und die menschliche Existenz ringt immer mit dem Tod.

In Ihrem Buch betonen Sie immer wieder das Spannungsfeld zwischen der Freiheit zur Selbstgestaltung und dem Zwang zur Selbstoptimierung – auch wenn Letzterer unter dem Einfluss der Schönheitsindus­trie überwiegt. Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit dem Begriff aestethic labour?
Der Begriff aesthetic labour benennt sozialkritisch, wie viel Zeit und Geld Menschen damit verbringen, gesellschaftlich »akzeptabel« auszusehen. Dem Druck der sozialen Erwünschtheit steht natürlich der Spaß an der Selbstgestaltung gegenüber. Ich will Schminken und Verschönerung niemandem ausreden, das wäre für sehr viele Menschen realitätsfern. Ich versuche aber mit dem Buch, die Ursachen und Auswirkungen von Schönheitsarbeit zu vermitteln, damit ein aufgeklärter Diskurs darüber möglich ist, wie sich Menschenbilder und Körperideale gerade verändern.

Um da mithalten zu können, braucht man vor allem eine Menge Geld. Wird die Klassendimension beim Thema Schönheit unterschätzt?
Viele Prozeduren und Kosmetikprodukte sind erschwinglicher geworden und haben sich normalisiert. Aber die wirklich effektiven Verjüngungseingriffe sind immer noch sehr teuer. Denn die geschehen im Geheimen und hinterlassen keine Spuren. Man kann da von einer kommenden Zweiklassengesellschaft sprechen: die breite Bevölkerung, die sich diese Prozeduren nicht leisten kann und altern wird, und eine Oberschicht, die sich auf ewig jung halten will, der US-Unternehmer Bryan Johnson ist so ein Beispiel.

Die ästhetischen Klassengrenzen werden sich also verfestigen?
Vielleicht. Andererseits haben sich die Klassenästhetiken historisch auch immer wechselseitig inspiriert. Wenn sich die Kardashians heutzutage pornöse Körper gestalten, ist das nichts anderes. Wir können nicht mehr verlässlich am Körper und an der Gesichtsgestaltung ablesen, aus welchen sozialen Verhältnissen jemand kommt.

»Zynisch gesagt: Wenn die Frau aus dem reproduktiven Alter raus ist, wird sie für ein patriarchales System irrelevant.«

Ein großes Thema in Ihrem Buch ist auch das Altern. Mit Bezug auf Susan Sontag sprechen sie von 50 bis 70 Jahren ästhetischer Selbstverleugnung im Leben einer Frau. Warum dürfen Frauen im Kapitalismus nicht altern, und erleben wir gerade eine Ausweitung dieses Verbots?
Zynisch gesagt: Wenn die Frau aus dem reproduktiven Alter raus ist, wird sie für ein patriarchales System irrelevant. Dann greift der Kapitalismus und erzählt der Frau, wie sie ab 40 diesen Mangel eventuell beheben könnte. Während männlich konnotierte Eigenschaften wie Autorität, Lebenserfahrung und Souveränität mit dem Alter wachsen, muss man in dieser veralteten Logik bei Frauen sehr lange nach etwas suchen, das im Alter zunimmt, außer der Kleidergröße.
Aber zum Glück ändert sich das gerade. Simone de Beauvoir hat noch ausführlich darüber getrauert, dass die Frau, wenn die Kinder aus dem Haus sind, nur noch depressiv häkelnd in der Ecke sitzt. Heutzutage stellen sich Frauen im mittleren Alter ganz anders dar als vor 30 Jahren. Sie sind aktive, eigenständige, soziale Wesen, die auch nach Ende der Fruchtbarkeit etwas mit ihren Fähigkeiten anzufangen wissen.

Und für Männer ist alles einfach?
Auch die sind zum Marketingziel geworden. Das sieht man an der Zunahme sogenannter Anti-Aging-Produkte für Männer. Auch die legen sich unters Messer, um sich zu verjüngen. Selbst Kindern wird in den sozialen Medien eingeredet, dass Hautalterung das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Inzwischen bringen immer mehr Luxusmarken Kinder- und Säuglingspflege raus.

Bricht die Inszenierung in den sozialen Medien nicht mit dem Gebot, dass im ästhetischen Resultat keine Spuren von dessen Herstellungsprozess zu sehen sein sollen, es ganz natürlich wirken soll?
Offensichtlich schmälert es die Wirkung von Attraktivität nicht, wenn Transparenz darüber herrscht, wie sie hergestellt wird. Zum Beispiel die Clique der Hadid- und Jenner-Schwestern, die als die absoluten Schönheitsidole gelten: Sie sind unter 30 und haben alle nicht mehr das Gesicht, mit dem sie geboren wurden. Aber es macht offenbar nichts, dass alle wissen, dass die so hinoperiert wurden.

Geht es bei dem sogenannten Mar-a-Lago face im Umfeld von Donald Trump nicht sogar explizit um eine Ästhetik des Künstlichen, des Gemachten?
Diese Kreise der US-Regierung verschweigen ihre operativen Eingriffe zumindest. Aber die Überbetonung biologischer Merkmale wirkt schon etwas grotesk. Sie zitieren das Schönheitsideal der 1980er, supergebräunt, hyperfeminin, hypermaskulin – so wie Donald Trump und wahrscheinlich große Teile der konservativen US-Wählerschaft sozialisiert wurden. Meines Erachtens führt das Mar-a-Lago-Face zu einer dynastischen Ähnlichkeit, die nicht familiär begründet ist, sondern dadurch entsteht, dass alle dieselben Beauty-Prozeduren durchmachen.

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Rabea Weihser hat Musiksoziologie und Marketing studiert und lebt als freie Journalistin in Berlin. Von 2014 bis 2021 leitete sie das Kulturressort von »Zeit Online«. 2025 erschien ihr Buch »Wie wir so schön wurden. Eine Biographie des Gesichts« bei Diogenes. Zudem ist sie Gastgeberin des monatlichen »Schönheitssalons« in der Berliner Urania.