Schönheit oder Barbarei
Im spätherbstlichen Grau lädt der Berliner Lustgarten auf der Spreeinsel kaum zum Verweilen ein. Die Oleander-Pflanzkübel sind längst ins Winterquartier verfrachtet worden, von der vierspurigen Straße her dröhnt es, der nasskalte Wind lässt einen frösteln. Von Lust keine Spur. Im Gegenteil, der Dom mit seiner überdimensionierten Pickelhaube als Kuppel und das rekonstruierte Stadtschloss wirken beklemmend, obwohl die Verfechter des Schlosswiederaufbaus stets beteuert hatten, man wolle dem zentralen Platz seine Schönheit zurückgeben.
Unumstritten sind Schönheitsdefinitionen wohl nie. Durchaus provokant etwa urteilte Heiner Müller 1955, die Trümmer der Kultur vor Augen: »Das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.« Man kann diesen letzten Vers aus seinem Gedicht »Bilder« auch als einen Affront gegen all jene Klassenkämpfenden lesen, die in Kunst nichts anderes als eine besonders perfide Herrschaftstechnik sehen.
In der griechischen Antike, deren Artefakte und Einflüsse die Museumsinsel prägen, galt Schönheit primär als Eigenschaft der Körper, weniger der Kunstwerke.
Ähnlich kritisch der Gestus, mit dem Peter Weiss 20 Jahre später den ersten Band seiner »Ästhetik des Widerstands« veröffentlichte. An den Beginn setzte er eine eindringliche Szene vor dem Pergamon-Altar im gleichnamigen Berliner Museum. Inmitten uniformierter Hitlerjungen betrachtet dort eine Gruppe junger Antifaschisten den monumentalen Fries, Götter und aufrührerische Giganten umschlingen sich hier in dramatischer Schlacht. Das Relief ermutigt die Betrachtenden zur Reflexion über Unrecht und Gewalt, es wird gar zum Sinnbild des Aufbegehrens gegen Entmenschlichung. Statt eines bildungsbürgerlichen Privilegs ist dieser Museumsbesuch ein politischer Akt.
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